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    Die nächste Havarie kommt bestimmt

    Fieberhaft arbeiten Bergungsspezialisten daran, eine Umweltkatastrophe im Great Barrier Reef vor der australischen Ostküste zu verhindern. Noch am Mittwochmorgen war die Gefahr nicht gebannt, dass der chinesische Frachter „Shen Neng 1“, der am Samstag vor der Insel Great Keppel auf ein Riff auflief, auseinanderbricht. Kommt es dazu, droht dem größten Korallenriff der Erde eine Ölpest. Denn die „Shen Neng 1“ hat neben 65 000 Tonnen Kohle auch 975 Tonnen Treibstoff geladen. Bis Mittwochfrüh waren etwa vier Tonnen ausgelaufen. Schon jetzt hat der Frachter schwere Schäden angerichtet: Die weiße Fahne, die auf dem Meer treibt, besteht nicht aus Öl, sondern aus Korallenstaub. Da sich das Schiff dreißig Meter tief ins Riff gegraben haben soll, bewegt es sich mit den Wellen und bricht dabei ständig Korallenkalk vom Riff ab. Es wird lange dauern, bis sich neue Korallen gebildet haben.

    Fieberhaft arbeiten Bergungsspezialisten daran, eine Umweltkatastrophe im Great Barrier Reef vor der australischen Ostküste zu verhindern. Noch am Mittwochmorgen war die Gefahr nicht gebannt, dass der chinesische Frachter „Shen Neng 1“, der am Samstag vor der Insel Great Keppel auf ein Riff auflief, auseinanderbricht. Kommt es dazu, droht dem größten Korallenriff der Erde eine Ölpest. Denn die „Shen Neng 1“ hat neben 65 000 Tonnen Kohle auch 975 Tonnen Treibstoff geladen. Bis Mittwochfrüh waren etwa vier Tonnen ausgelaufen. Schon jetzt hat der Frachter schwere Schäden angerichtet: Die weiße Fahne, die auf dem Meer treibt, besteht nicht aus Öl, sondern aus Korallenstaub. Da sich das Schiff dreißig Meter tief ins Riff gegraben haben soll, bewegt es sich mit den Wellen und bricht dabei ständig Korallenkalk vom Riff ab. Es wird lange dauern, bis sich neue Korallen gebildet haben.

    Ungeklärt war bis Mittwochmorgen, weshalb das Schiff, das in Gladstone Kohlen geladen hatte und auf dem Weg nach China war, mehr als fünfzehn Kilometer von der regulären Route abgewichen war. Stellt sich heraus, dass sich der Kapitän schuldhaft nicht an die üblichen Routen gehalten hat, drohen der Reederei 920 000 Dollar Geldstrafe. Höher dürften die Schadenersatzforderungen ausfallen, wenn das Schiff auseinanderbricht. Schon im März 2009 hatte ein chinesisches Schiff das Great Barrier Reef bedroht: Die unter Hongkonger Flagge fahrende „Pacific Adventurer“ der britischen Reederei „Swire Shipping“ verlor bei rauer See 290 Tonnen Öl und verschmutzte die Moreton-Insel und die Strände der Sunshine Coast in Queensland.

    „Shen Neng 1“ gehört einer Tochter der unter dem Namen Cosco bekannten „China Ocean Shipping Company“. Cosco, eine der größten Reedereien der Welt, ist nicht das erste Mal in einen Umweltskandal verwickelt. Im Sommer 2009 lief die von Cosco betriebene „Full City“ während eines Sturms vor Norwegen auf Grund und verlor Öl. Im November 2007 kam das Containerschiff „Cosco Busan“ vor San Francisco vom Kurs ab, fuhr an einen Brückenpfeiler und verlor zweihundert Tonnen Öl.

    In chinesischen Reedereien liegen viele alte Schiffe

    Da die „Cosco Busan“ von der Hongkonger Firma „Fleet Management Ltd“ geführt wurde, stritt Cosco alle Verantwortung ab. Auch diesmal war bis Mittwochfrüh keine Stellungnahme der Reederei zur Havarie der „Shen Neng 1“ bekannt geworden. Zwar will sich Cosco als verantwortliches Unternehmen profilieren und gab erst vergangene Woche bekannt, von Global Compact, einer UN-Initiative für sozial und ökologisch vorbildliche Unternehmensführung zum vierten Mal ausgezeichnet worden zu sein. Doch nun steht Cosco im Visier von Umweltschützern. „Wir sehen ein besorgniserregendes Muster, das möglicherweise mit dieser Firma verbunden ist“, sagte Gilly Llewellyn vom „World Wide Fund for Nature“ (WWF) in Australien gegenüber Journalisten. Nach allgemeinen Sicherheitskriterien ist die siebzehn Jahre alte „Shen Neng 1“ kein Problemfall. Doch auf chinesischen Reedereien sind noch viele alte Schiffe in Betrieb. In den letzten drei Jahren sanken mehrere große Frachter, zwischen 1998 und 2008 sollen in China 733 Unfälle registriert worden sein, bei denen das Meer verschmutzt wurde.

    Umweltschützer machen sich schon lange Sorgen um das Great Barrier Reef. 1981 wurde es von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. In 2 500 einzelnen Korallenriffen erstreckt sich das Great Barrier Reef 2 300 Kilometer lang vor der Ostküste Australiens. In Millionen von Jahren wuchs dieses Naturwunder heran. Seine Erbauer sind unzählige Polypen, die sich in ein schützendes Kalkskelett hüllen. Dreihundertfünfzig Arten dieser sogenannten Hartkorallen gibt es im Riff. Die von ihnen erbaute bunte Unterwasserwelt bietet rund tausendfünfhundert Fischarten, ebenso vielen Schwammarten und unzähligen anderen Tieren und Pflanzen Lebensraum.

    Existenz einer halben Milliarde Menschen wäre gefährdet

    Zwar ist der Fischfang reguliert, seit das Riff zum Schutzgebiet erklärt wurde, nicht aber Schiffsverkehr und Wasserverschmutzung. Dreißig Millionen Tonnen Abwässer, Düngemittel und Pestizide belasten das Riff Jahr für Jahr. Sechstausend Frachtschiffe fahren jedes Jahr durch das Labyrinth der zweitausendfünfhundert Einzelriffe. Viele davon befördern Gefahrengüter wie Öl oder Pflanzenschutzmittel. Der Schiffsverkehr dürfte sogar noch zunehmen. Denn Australien ist viertgrößter Kohleproduzent der Welt und exportiert allein 230 Millionen Tonnen von seiner Jahresförderung von dreihundert Millionen Tonnen Kohle. Trotzdem dürfen die Schiffe ohne Lotsen an Bord oder Begleitbooten durch die seichten, oft nur ein Kilometer schmalen Passagen manövrieren. Manche laufen auf Grund wie am Samstag die „Shen Neng 1“. Naturschützer fürchten, dass die nächste Havarie nur eine Frage der Zeit ist und fordern seit Jahren, das Riff für kommerzielle Seefahrt zu sperren und Frachter zu verpflichten, es großräumig umfahren. Forschungsgelder, die herausfinden, wie sehr das Eingreifen des Menschen das Great Barrier Reef belastet, sind knapp. Die Riff-Verwaltung überlegt deshalb, künftig von jedem Besucher ungefähr fünf Euro zu kassieren – nicht als Eintrittsgeld, sondern als Schutzgebühr.

    Ob das weiterhilft? Denn so schlimm Katastrophen wie die Havarie der Shen Neng 1 sind, die wirkliche Gefahr für das Great Barrier Reef und alle Korallenriffe der Welt droht von der Erwärmung und Übersäuerung der Meeres: Korallen bleichen aus, ihre Kalkbauteile werden wie bei Essigreinigern oder Entkalkern angegriffen. Forscher befürchten, dass die Korallenwelt des Great Barrier Reefs unter diesen Umständen in fünfzig Jahren oder noch früher zerstört sein wird. Nach einer im September 2009 in Berlin vorgestellten Studie über Kosten und Nutzen des Klimaschutzes „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (TEEB), die die G-8 in Auftrag gegeben hatte, drohen bei einer Zerstörung der weltweiten Korallenriffe schwere wirtschaftliche Schäden. Immerhin sind mehr als ein Viertel aller Fische in der Meeresumwelt auf Korallenriffe angewiesen. Die Studie berechnet die jährliche Wirtschaftsleistung, die mit den Korallenriffen zusammenhängt, auf 170 Milliarden Dollar – vom Küstenschutz bis zur Fischzucht. Die Existenz einer halben Milliarde Menschen wäre gefährdet. „Aufgrund des Klimawandels stehen wir kurz vor dem Verlust der Korallenriffe mit all seinen gravierenden ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Begleitfolgen“, schrieb Pavan Sukhdev, der Leiter der Studie TEEB. Um die Riffe zu retten dürfe die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre nicht – wie allgemein erwartet – auf 450 ppm (parts per million, Teile pro Million) ansteigen, sondern müsse „deutlich unter 350 ppm“ gesichert werden. Doch vor dem Hintergrund der weltweit steigenden Emissionen und dem Misserfolg des Klimagipfels von Kopenhagen scheint dies fast aussichtslos zu sein.

    Von Reinhard Nixdorf