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    Die grünen Medienlieblinge

    Herr Professor Kepplinger, die Grünen liegen nach einer Forsa-Umfrage derzeit bei sagenhaften 28 Prozent. Das ist ihr Allzeithoch. Hat das auch damit zu tun, dass die Grünen medialen Rückenwind bekommen? Mit Sicherheit. Das ist die Hauptursache.

    Im Focus der Aufmerksamkeit: Parteichefin Claudia Roth. Foto: dpa

    Herr Professor Kepplinger, die Grünen liegen nach einer Forsa-Umfrage derzeit bei sagenhaften 28 Prozent. Das ist ihr Allzeithoch. Hat das auch damit zu tun, dass die Grünen medialen Rückenwind bekommen?

    Mit Sicherheit. Das ist die Hauptursache.

    Inwiefern?

    Die Menschen neigen dazu, die Partei zu wählen, der sie die größte Kompetenz zur Lösung der anstehenden Probleme zutrauen. Allerdings ist die Vorstellung, welche Probleme anstehen, nicht stabil, sondern ändert sich und wird sehr stark durch die Berichterstattung der Medien beeinflusst. In den vergangenen Wochen, vor allem seit dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan, hat die Kernenergie die gesamte Berichterstattung dominiert. Weil ein Großteil der Bevölkerung auf diesem Gebiet den Grünen die Kompetenz zuschreibt, bekennt sich ein großer Teil, der normalerweise nicht zu den Grünen tendiert, jetzt zu den Grünen.

    Es ist aber doch nicht verwunderlich, dass die Grünen profitieren, wenn grüne Themen in der Luft liegen. Das heißt doch nicht, dass ihr Erfolg von den Meinungsmachern bei den großen Leitmedien herbeigeschrieben worden ist.

    Das ist aber so. Nach der letzten Repräsentativbefragung unter deutschen Journalisten bekennen sich 34 Prozent zu Bündnis 90/Die Grünen, weitere 25 Prozent zur SPD. Das sind also weit über 50 Prozent. Nur der Vollständigkeit halber: acht Prozent fühlen sich der CDU/CSU nahe, sechs Prozent der FDP. Wenn man diese Zahlen als Basis nimmt, kann man davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Journalisten Präferenzen für eine rot-grüne Koalition hat. Und ein erheblicher Teil der angesprochenen Journalisten hat die Chance ergriffen, die das Erdbeben und der Tsunami geliefert hat, um die Kernenergierisiken auch deshalb hochzuspielen, weil es den Grünen nutzt. Ein Beleg für diese Intention ist, dass wenige Tage nach den Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg die Intensität der Berichterstattung erheblich zurückgegangen ist, obwohl sich an der Lage in Japan nichts wesentliches geändert hat.

    Das haben Sie festgestellt?

    Das ist bisher nicht quantitativ bewiesen, aber durch relative genaue Beobachtung belegt. Einige Medien folgen nicht in diesem Muster. Das ist beispielsweise „Spiegel online“, die das Thema weiterhin sehr stark betonen. Aber fast alle anderen Medien – angefangen bei der Bild-Zeitung bis zu den Hörfunk- und Fernsehsendern – haben das

    Thema nach den Landtagswahlen deutlich zurückgefahren.

    Woher rührt denn dieses Übergewicht links der Mitte unter den Journalisten?

    Dieses Übergewicht ist normal. Wir haben bei allen Befragungen seit den späten 60er Jahren immer eine deutliche linke Mehrheit unter den Journalisten. Ähnliche Ergebnisse liegen aus Amerika vor. Das hat im wesentlichen zwei Ursachen: Die eine Ursache ist die Selbstselektion im Journalismus. Junge Linke wollen eher in den Journalismus und verwandte Berufe; junge Rechte wollen eher in die Wirtschaft. Von daher gibt es einen Drang von jungen begabten Linken in die Medien. Und die Medien nehmen sie natürlich auch deshalb gerne, weil sie schon links sind und halten sie sie aus dem gleichen Grund für besonders entwicklungsfähig. Der zweite Grund besteht darin, dass die Mehrheit der Menschen, die sich für Politik intensiv interessieren, linksliberale Meinungen hat. Das sind die Jüngeren, die Hochgebildeten, die in den Großstädten lebenden. Der Markt der politisch relevanten Medien bietet im linken Meinungsspektrum mehr Chancen. Das zeigt sich daran, dass die meisten großen überregionalen Tageszeitungen auf dem linken Spektrum lokalisiert sind. Auch das ist international so. Beide Faktoren, auf der einen Seite der Drang der jungen Linken in die Medien, auf der anderen Seite die größeren Marktchancen linker Medien, führt zu einer relativ stabilen linken Mehrheit unter Journalisten.

    Können die Bürger die veröffentlichte Meinung politisch einordnen?

    Wenn man die Bürger befragt, welche redaktionellen Grundhaltungen die verschiedenen Medien einnehmen, dann erkennt die Mehrheit sehr wohl, dass eine Zeitung eher links ist oder eher rechts; das gilt auch für politische Magazine. Allerdings erkennt die Mehrheit nur eine deutliche Tendenz. Wenn die Tendenz nur leicht links oder rechts ist, können die meisten das nicht mehr einordnen.

    Nun hat der Aufstieg der Grünen doch sicher auch damit zu tun, dass in der Gesellschaft eine Art Wertewandel stattfindet hin etwa zu Fragen ökologischer, globaler und sexueller Gerechtigkeit. Spielt den Grünen nicht einfach der Zeitgeist in die Hände? Damit würde sich doch der mediale Anteil an ihrem Erfolg relativieren.

    Das ist die Frage nach der Henne und dem Ei. Was ist zuerst da, der Wertewandel oder der Wandel des Medientenors? Beides bedingt sich gegenseitig. Aber soweit man hier Ursache und Wirkung trennen kann, zeigen unsere über viele Jahrzehnte laufenden Vergleiche zwischen dem Tenor der Medienberichterstattung und der Entwicklung der Bevölkerungsmeinung, dass der Tenor der Medienberichterstattung in der Regel ein bis drei Jahre dem Meinungswandel in der Bevölkerung vorausläuft. Mir ist auch aus der internationalen Forschung kein Fall bekannt, in dem der Meinungswandel der Bevölkerung dem Tenor der Medienberichterstattung vorausgelaufen ist. Das deutet darauf hin, dass der Wandel in den Einstellungen, Meinungen, Sichtweisen der Bevölkerung nicht alleine, aber doch wesentlich durch die Medien verursacht wird.

    Können Sie ein Beispiel nennen?

    Das aktuellste Beispiel ist zweifellos die Entwicklung der Meinungen zur Kernenergie. Die deutschen Medien haben die Kernenergie Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre sehr positiv dargestellt. Danach wurde die Darstellung immer negativer. Hierbei sie die Meinungen der Journalisten, die in der Berichterstattung deutlich wurden, den Meinungen der Politiker vorangegangen, die in der Berichterstattung zu Wort kamen. Der Tendenzwandel der Medienberichterstattung ist wiederum ungefähr zwei bis drei Jahre dem Meinungswandel in der Bevölkerung vorangegangen. Die Bevölkerungsmeinung ist dem Medientenor gefolgt, der von einem Meinungswandel im Journalismus initiiert war.

    Wie haben sie das angestellt?

    Indem ein Großteil der Journalisten die Berichterstattung – anders als etwa in Frankreich – zunehmend auf die negativen Aspekte der Kernenergie konzentriert hat unter Vernachlässigung der positiven Aspekte, die in den frühen 70er Jahren eine große Rolle gespielt haben. Andere Beispiele für solche Meinungswandel sind die Berichterstattung über die Legalisierung der Abtreibung und die Meinung der Bevölkerung dazu, sowie die zunehmend positive Berichterstattung über Kriegsdienstverweigerung und die zunehmende Zahl der Kriegsdienstverweigerer.

    Gibt es irgendeine Möglichkeit für die rechts-tendierenden Medien im Land, sich diesem links-liberalen Mainstream medial entgegenzustellen?

    Diese Möglichkeit gibt es, aber diese Medien bleiben innerhalb des Mediensystems relativ isoliert. Das heißt, sie werden – von Bild abgesehen – selten von anderen Medien zitiert, ihre Breitenwirkung über ihren eigenen Leserkreis oder, wenn es Fernsehsendungen sind, über ihren eigenen Zuschauerkreis hinaus, ist sehr beschränkt. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das ZDF-Magazin des konservativen Journalisten Gerhard Löwenthal, das als einziges deutsches Fernsehmagazin die Zustände in der damaligen DDR einigermaßen genau beschrieben hatte. Es war in der deutschen Medienlandschaft isoliert, ja verfemt und Löwenthal ist auch nach dem Zusammenbruch der DDR im Fernsehen kaum aufgetaucht. Lieber hat man ihn totgeschwiegen, als zuzugeben, dass er mit seiner Berichterstattung richtig lag und andere falsch.

    Derzeit sind die Grünen also die medialen Wiegenkinder. Das geht doch aber sicher zu Lasten anderer Parteien, gerade linker.

    So ist es. Momentan bekommt das vor allem die SPD zu spüren. In den Sechzigern war im Journalismus die FDP sehr stark überrepräsentiert, das heißt es gab prozentual viel mehr Journalisten, die die FDP bevorzugt haben als FDP-Anhänger in der Wahlbevölkerung. Das hat sich im Laufe der späten 60er/70er Jahre von der FDP auf die SPD unter Brandt verlagert. Die SPD war nun im Journalismus wesentlich stärker repräsentiert als in der Bevölkerung. Diese Sonderstellung hat die SPD weitgehend an die Grünen verloren. Die Vorstellung, die CDU/CSU und die FDP wären die einzigen Verlierer des Meinungswandels im Journalismus wird der Sache nicht gerecht. Auch die SPD gehört zu den Verlierern dieser Entwicklung.