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    Die grüne Volkspartei?

    Es war in der deutschen Parteiengeschichte ein durchaus historischer Moment, als das Meinungsforschungsinstitut Forsa in der vergangenen Woche erstmals meldete, dass die Grünen bundesweit mit der SPD gleichgezogen haben. Beide erhalten demnach beim Wahltrend für „Stern“ und RTL 24 Prozent der Stimmen. Mit 48 Prozent hätte Rot-Grün zudem zurzeit sogar eine klare Mehrheit im Bundestag, während das schwarz-gelbe Bündnis nur auf 34 Prozent käme. In Berlin, wo im kommenden Jahr gewählt wird, lägen die Grünen laut Forsa mit 28 Prozent sogar vor der SPD. Andere Institute wie Emnid oder Allensbach sehen die Grünen zwar nicht ganz so stark, aber 20 Prozent verbuchen auch sie für die Partei.

    Es war in der deutschen Parteiengeschichte ein durchaus historischer Moment, als das Meinungsforschungsinstitut Forsa in der vergangenen Woche erstmals meldete, dass die Grünen bundesweit mit der SPD gleichgezogen haben. Beide erhalten demnach beim Wahltrend für „Stern“ und RTL 24 Prozent der Stimmen. Mit 48 Prozent hätte Rot-Grün zudem zurzeit sogar eine klare Mehrheit im Bundestag, während das schwarz-gelbe Bündnis nur auf 34 Prozent käme. In Berlin, wo im kommenden Jahr gewählt wird, lägen die Grünen laut Forsa mit 28 Prozent sogar vor der SPD. Andere Institute wie Emnid oder Allensbach sehen die Grünen zwar nicht ganz so stark, aber 20 Prozent verbuchen auch sie für die Partei.

    Von einer „Popularitätsblase“, die schnell zerplatzen könne, spricht der Duisburger Parteienforscher Karl-Rudolf Korte. Ein Indiz für einen grundlegenden Wandel im Parteiensystem sei die derzeitige Stärke der Grünen nicht. Anders sieht es dagegen mancher seiner Kollegen. „Die Grünen profitieren wie keine zweite Partei von der Schwächephase der Volksparteien, vor allem der SPD. Solange die anhält, werden sie wahrscheinlich weiter Morgenluft wittern“, sagt der Bonner Politikwissenschaftler Harald Bergsdorf dieser Zeitung. Unterdessen wächst die Nervosität über den grünen Höhenflug bei der Konkurrenz. Vor allem die Sozialdemokraten alarmiert die Aussicht, künftig womöglich als Juniorpartner in Koalitionen mit Bündnis 90/Die Grünen gehen zu müssen.

    Die SPD nimmt den grünen Höhenflug ernst

    Darüber kann auch das demonstrative Selbstbewusstsein nicht hinwegtäuschen, das SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles nach Veröffentlichung der neuesten Umfrageergebnisse an den Tag legte. „Ich ziehe das einfach mal in Zweifel. Wir setzen darauf, dass die SPD überall vorn ist“, kommentierte Nahles. Doch in der SPD-Zentrale ebenso wie in den Landesverbänden nimmt man den Höhenflug der Grünen durchaus ernst: teils erfreut, weil Rot-Grün gemeinsam Schwarz-Gelb in den Schatten stellt, aber eben auch nervös, weil der einstige „Kellner“, wie Altkanzler Gerhard Schröder die Grünen einst sah, plötzlich zum „Koch“ zu werden droht. Mit ihrem bangen Gefühl sind die Sozialdemokraten indes nicht allein. Auch bei den Grünen selbst herrscht Unsicherheit. Trotz ihrer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz wollen sie keine Volkspartei sein. „Ich mag das Wort nicht“, sagte Fraktionschefin Renate Künast kürzlich in einem Interview mit „Der Zeit“.

    Warum sind die Grünen plötzlich so beliebt? Die Gründe sind zahlreich. Dazu gehört sicher der allgemeine Trend, dass Einzelinteressen in der Gesellschaft immer stärker werden. Vereinfacht gesagt: Freiberufler sind in der FDP gut aufgehoben, bei den Grünen sind Umweltaktivisten und Umweltlobby beheimatet und die Linke verschafft dem Osten sowie frustrierten Sozialdemokraten ein Sprachrohr. Hinzu kommt, dass die Volksparteien CDU/CSU und SPD verwechselbarer geworden sind, dass ihre Verankerung in den klassischen Milieus schwächer wird und diese Milieus sich überdies immer weiter auflösen. Heute könnten nur noch 29 Prozent bundesweit einen Unterschied zwischen SPD und Union feststellen, so Klaus-Peter Schöppner von Emnid. Der vermutlich entscheidende Grund für die Beliebtheit der Grünen dürfte aber in ihrer Programmatik liegen, mit der die Grünen es sich nach dem Verlust der Regierungsmacht 2005 in der Protestecke des Parteienspektrums gemütlich gemacht haben. Viele Themen besetzen sie nicht, genau genommen nur drei: Der Kampf gegen verlängerte Laufzeiten der Atomkraftwerke gehört dazu, der Einsatz für mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft und der Schutz der Umwelt im allgemeinen. Doch nur diese drei Themen reichen aus, den Grünen einen beachtlichen Zulauf zu bescheren. In der Beschränkung auf wenige Themen ähneln sie durchaus der FDP, als die Liberalen noch in der Opposition waren. Bergsdorf: „Die Grünen können sich Forderungen leisten, ohne sie in Regierungsbündnissen einlösen zu müssen. Es gelingt ihnen, unerfüllte wie unerfüllbare Hoffnungen der Wähler aufzugreifen und sie glaubhaft zu artikulieren.“ Tatsächlich scheint die Partei zu dem zurückgekehrt zu sein, was sie zu Beginn war: ein Auffangbecken bunter Protestbewegungen. Sie demonstriert gegen die Atomkraft, gegen einen neuen Bahnhof in Stuttgart oder gegen Stromleitungen und Windräder – selbst wenn das dann ihren Kampagnen für mehr Ökostrom und mehr Bahnverkehr widerspricht. Zu wichtigen Debatten dagegen, seien es die Sarrazin-Thesen, die Hartz-IV-Reform oder auch die Euro-Krise, sind sie kaum zu hören. Es scheint, als wäre die Parteiführung in Deckung gegangen, aus Scheu, ein Positionsbekenntnis könnte die neuen Fans wieder vertreiben.

    Der Koch kocht, aber der Kellner kassiert

    Die Grünen als Pragmatiker der Macht? Seit der Wiedervereinigung haben sie sich eine Reihe neuer Themenfelder erschlossen und Standpunkte neu definiert, selbst wenn das den Abschied von alten Dogmen und Anhängern bedeutete. Als sie dann Juniorpartner in einer rot-grünen Regierung wurden, schienen sie oft sogar vernünftiger und konsequenter als die Sozialdemokraten, man denke etwa an die überfälligen Sozialstaatsreformen unter Schröder, zu denen sie die SPD immer wieder angetrieben haben. Viel von dieser Dynamik, die mancherorts auch schwarz-grüne Bündnisse ermöglicht hat, scheinen sie nun wieder aufgegeben zu haben. Sie sind wieder die klassische Umweltpartei, unter deren Signet sie vor 30 Jahren den Marsch durch die Parlamente und Institutionen begonnen hatten. Eine Erweiterung ihrer Machtoptionen bedeutet das sicher nicht. Und der Absturz vom derzeitigen Höhenflug kann schnell kommen, da müssen die Grünen nur Westerwelle fragen. Vorläufig aber gilt: Die Grünen bleiben auf Erfolgskurs. Die Rechnung Joschka Fischers scheint aufzugehen. Er stellte einst fest, der Koch koche zwar, aber „der Kellner kassiert“.