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    Die Wahl, die Beichte und das Jüngste Gericht

    Wenn Politiker öffentlich beichten, so ist dabei stets ein bisschen Vorsicht geboten – allzu oft verbinden diese mit dem Schuldeingeständnis die Lossprechung von ihren Sünden, die sie sich dann praktischerweise auch gleich selbst gewähren.

    Katholik, Kommunist und wieder Katholik: Ex-Premier Józef Oleksy (1946–2015): Foto: dpa

    Wenn Politiker öffentlich beichten, so ist dabei stets ein bisschen Vorsicht geboten – allzu oft verbinden diese mit dem Schuldeingeständnis die Lossprechung von ihren Sünden, die sie sich dann praktischerweise auch gleich selbst gewähren.

    Zumindest im Fall von Józef Oleksy, der vergangene Woche in Warschau im Alter von 68 Jahren verstorben ist, war es anders: Kurz vor seinem Tod gestand der frühere polnische Ministerpräsident, der im März 1995 als Mitglied der postkommunistischen Partei zum Premier ernannt wurde und bereits im Januar 1996 dieses Amt aufgab, weil man ihm vorwarf, Kontakte zum sowjetischen Geheimdienst gehabt zu haben, dass er ernstlich mit dem Gedanken spiele, eine „Generalbeichte“ abzulegen. Nicht vor einem Tribunal im Kreml oder vor alten Kaderkollegen, wie es vielleicht naheliegend gewesen wäre, sondern vor einem katholischen Priester. Der Grund für diese überraschende Kehrtwende war sicher die medizinische Diagnose und die Erkenntnis, dass mit dem Tod das ewige Leben (oder die unerwünschte Alternative dazu) näher rückt.

    Im Krankenhaus, so Oleksy kurz vor Weihnachten, sei ihm bereits der Metropolit von Danzig, Erzbischof S³awoj Leszek G³ódŸ, über den Weg gelaufen, und habe ihn zum Sakrament der Versöhnung eingeladen. Zu früh offenbar, denn Oleksy mochte vorher genau über die Punkte nachdenken, die er bei der Beichte nennen wollte und nennen musste. Eine sehr gewissenhaft wirkende Entscheidung, von der man nun allerdings nur hoffen kann, dass sie nicht zu gründlich und ausführlich ausfiel. Denn was man lange aufschiebt, ist schnell verdrängt. Ob Oleksy vor seinem Tod tatsächlich noch die sakramentale Versöhnung mit Gott erfahren hat, darüber ist in den polnischen Medien derzeit nichts zu erfahren. Nur die Neuigkeit, dass der kahlköpfige Mann mit der rauchigen Stimme ursprünglich Priester haben werden wollen und sogar schon im Seminar war, rauscht durch den Blätterwald. Vom entschiedenen Katholiken zum entschiedenen Kommunisten und wieder zurück – wer hätte das bei ihm gedacht?

    Auch ein anderer polnischer Politiker, wenngleich weniger rotgestrickt, dafür aber noch am Leben, der erfolgreiche Sektproduzent und radikalliberale Parteiführer von „Twój Ruch“ (Deine Bewegung), Janusz Palikot, der sich im übrigen bester Gesundheit erfreut, nutzte den Jahreswechsel 2014/2015 zur öffentlichen Gewissenserforschung. Auf seinem Blog entschuldigt sich Palikot, der in den vergangenen Jahren immer wieder durch antiklerikale Hass-Attacken auffiel, für seine harschen Worte über die Kirche und ihre Vertreter. Es sei ein „Fehler“ gewesen, so der 50-Jährige, der in den 1980er Jahren an der Katholischen Universität Lublin Philosophie studierte und paradoxerweise als Kenner von Thomas von Aquin gilt, alle Bischöfe im Land mit dem Thema Pädophilie in Verbindung zu bringen. Er habe beim Kampf für den laizistischen Staat gegen die Kirche Grenzen überschritten. Das solle 2015 nicht mehr vorkommen. Ein pathetisches Schuldbekenntnis, das aber wohl nicht nur, wenn überhaupt, mit Reue zusammenhängt, sondern vermutlich auch mit den derzeitigen Umfragewerten. Fast fünf Jahre nach dem kometenhaften Aufstieg seiner Partei ist Palikots Bewegung von satten 15 Prozent auf überschaubare zwei, drei Prozentpunkte abgestürzt. Nur wenige Monate vor den polnischen Präsidentenwahlen, bei denen Palikot auch antritt, ist man seiner antiklerikalen Eskapaden offenbar müde. Ist Palikots öffentliches Reuebekenntnis also in Wirklichkeit nur der Auftakt des Wahlkampfs? Völlig ausschließen kann man es nicht.

    Auch Jaruzelski wurde vor dem Tod wieder religiös

    Doch erstaunlich, gerade für deutsche Verhältnisse, ist es schon, wie unverkrampft bei unserem östlichen Nachbarn die verschiedenen politischen Lager mit dem Thema Religion und insbesondere Katholizismus umgehen. Vor Weihnachten kamen wie jedes Jahr alle Parlamentarier zum traditionellen Oblate-Treffen zusammen, um in Anwesenheit des Warschauer Metropoliten, Kardinal Kazimierz Nycz, einander Gutes zu wünschen. Küsschen hier, Segen da. Selbst Edel-Kommunisten wie der frühere postkommunistische Premier Leszek Miller, der allerdings auch Wert darauf legt, kirchlich verheiratet zu sein, oder der derzeit parteilose Rechtsanwalt Ryszard Kalisz, dessen populistische Sprüche vom linken Rand an Gregor Gysi erinnern, haben kein Problem, sich in diese katholischen Traditionen einzufügen.

    Ebenso wenig der 2014 verstorbene Kriegsrecht-General Wojciech Jaruzelski, der am Ende seines Lebens alles tat, um sich mit Gott und der Kirche zu versöhnen. Wozu auch ein kirchliches Begräbnis zählte. In diese Richtung gingen auch die Gedanken von Józef Oleksy, der Journalisten erklärte, dass ein solches für ihn sehr wichtig sei. Was denn aber doch die Frage erlaubt, wieso all diese gestandenen Machtmenschen erst auf der Zielgeraden hin so frei von ihren religiösen Wurzeln erzählen. Wäre es nicht schön, in Polen wie auch in Deutschland, wenn sich die Politiker schon früher als Christen zu erkennen geben würden und ihre Politik noch deutlicher an das religiöse Wertesystem anpassten – ohne ideologische Zwischenexperimente? Also nicht erst, wenn das Jüngste Gericht an die Stelle von demokratischen Wahlen rückt?

    Wie das geht, führt in Polen seit Jahrzehnten Lech Wa³êsa vor: der frühere Vorsitzende der Gewerkschaft „Solidarnoœæ“ (Solidarität), der 1983 den Friedensnobelpreis erhielt und von 1990 bis 1995 Staatspräsident Polens war, trägt auch als rüstiger Polit-Rentner weiterhin ein Abzeichen der „Schwarzen Madonna von Tschenstochau“ auf dem Revers. Den Nobelpreis legte der schnurrbärtige Mann, der in den polnischen Medien aufgrund seines Charismas und Humors weiterhin gern als Kommentator politischer Ereignisse dient, symbolisch an der Ikone im polnischen Wallfahrtsort nieder, um dadurch deutlich zu machen, dass es eine größere Macht als den Menschen gibt. Was Wa³êsa nicht davon abhält, sein eigenes historisches Tun selbstbewusst zu bewerten – als Werkzeug im Kontext der göttlichen Vorsehung.

    Im Falle von Oleksys Tod bemerkt man nun aber auch bei dem großen kleinen Mann aus Danzig erste Anzeichen von Gewissensprüfung. „Ich hätte mich gern noch bei Oleksy dafür entschuldigt, dass ich ihn als russischen Agenten beschimpft habe“, gab Wa³êsa jetzt zu.