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    Die Politik darf Gott nicht aus den Augen verlieren

    Der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, wird am 25. Dezember 75 Jahre alt. Im Gespräch mit Viola von Melis (KNA) hielt der Erzbischof, dessen altersbedingtes Rücktrittsgesuch Papst Benedikt XVI. kürzlich abgelehnt hat, Rückschau auf seine langjährigen Erfahrungen als Seelsorger und sprach über eine Politik ohne Gott und sein geistliches Testament.

    im Dezember werden Sie 75. Haben Sie sich als schlesischer Junge träumen lassen, dass Sie eines Tages Kölner Kardinal werden?

    Das habe ich mir natürlich nicht träumen lassen. Wir mussten die Heimat verlassen und lebten in Thüringen in ärmlichen Verhältnissen. Da sage ich manchmal: Gott holt seine Diener nicht von den Podesten, sondern aus den Nischen der Geschichte. Der größte Abenteurer, den ich kenne, ist Gott.

    Was war Ihr schönstes Erlebnis als Seelsorger?

    Das schönste Erlebnis liegt nicht lange zurück. Am Aschermittwoch der Künstler kam einer der Künstler und sagte: „Herr Kardinal, Sie haben unsere Ehe gerettet durch ihren Fastenhirtenbrief.“ Ich dachte, er nimmt mich auf den Arm, denn für Hirtenbriefe höre ich selten Lob. Aber es stimmte. Das Paar wollte sich trennen, las dann den Brief und kam darüber ins Gespräch. Schließlich hat sich in diesem Prozess des Wiederfindens ein Baby angemeldet. Sein Foto habe ich mir erbeten, es steht jetzt auf meinem Schreibtisch. Das hat mich riesig gefreut.

    Was war das schwierigste Erlebnis?

    Für einen Bischof sind die dunkelsten Punkte, wenn ein Priester kommt und sagt, ich gebe das Priestertum auf. Das belastet und bedrückt mich so sehr, dass ich jedes Mal Tage brauche, um mich davon wieder zu erholen. Dabei haben die Priester bei der Weihe Ehrfurcht und Gehorsam versprochen, und zwar nicht dem Herrn Meisner, sondern Christus, der sie in seinen Dienst für die Menschen gerufen hat.

    Wo steht die deutsche Kirche heute?

    Sie ist unterwegs zwischen den Anfeindungen der Welt und den Tröstungen Gottes. Der Atheismus organisiert sich wieder. Unsere Sendung ist es, ihn zu überwinden. Die missionarischen Herausforderungen in unserem Volk sind größer als früher. Wir brauchen aber keine Angst vor dem Atheismus zu haben. Ich bin überzeugt, dass in jedem Menschen Gottesglaube steckt. Wir müssen ihn nur entbinden, wie eine Hebamme.

    Kürzlich haben Sie die Politik wieder scharf ermahnt, das christliche Menschenbild nicht zu vergessen...

    Ja, das ist mir wichtig, von der Politik hängt das Wohl der Menschen mit ab. 55 Jahre lang habe ich in der Nazi-Zeit und in der DDR erlebt, was es heißt, das menschliche Leben ohne Gott regulieren zu wollen. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts liegt nicht weit zurück und die Politiker sollten wissen, welche Verantwortung sie tragen. Wenn sie Gott aus den Augen verlieren, geht die Menschenwürde verloren. Diese Gefahr besteht zum Beispiel in allen bioethischen Fragen, auch im Umgang mit alten Menschen. Ich werde das immer wieder sagen.

    Sie schreiben an Ihrem geistlichen Testament.

    Worum geht es?

    Es geht darum, vor dem ewigen Richter Rechenschaft abzulegen über mein Tun und Lassen. Ich möchte der Erzdiözese Köln etwas hinterlassen, was mir für sie im Angesicht meines Richters wichtig erscheint. Es wird kein Roman, sondern drei Seiten. Die soll man den Menschen nach meinem Tod vorlesen.