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    „Die Menschen in Israel leben in Hysterie“

    Jerusalem hat sich verändert. Menschen schauen sich im Vorübergehen kurz aber intensiv in die Augen, um ängstlich zu prüfen, mit wem sie es zu tun haben. Die Sinne sind in Zeiten der Messerattentate schärfer als sonst. Schnell beschleunigende Autos erregen Aufmerksamkeit. Man dreht sich um. Zwar sind die meisten Bushaltestellen mittlerweile mit Metallpfosten befestigt, nachdem es im vergangenen Jahr zu tödlichen Angriffen gekommen war. Aber man weiß nie, ob ein Terrorist sein Auto nicht auch an anderer Stelle gegen Passanten lenken könnte. Der Terror und die Angst davor prägen Jerusalem dieser Tage. Wo sich in der schicken Mamilla-Einkaufstraße nahe der Altstadt sonst die Menschen drängen, sind am Dienstagabend nur wenige Besucher unterwegs. Auf dem Mahane-Jehuda-Markt im jüdischen Westen der Stadt ist es nicht anders. Der normalerweise vor einheimischen und fremden Besuchern wimmelnde Markt mit seinen Gemüse-, Fleisch und Käse-Ständen und kleinen Kneipen ist seltsam leer. „Wir haben 70 Prozent weniger Umsatz als sonst. Seit diese Terrorwelle losging, bleiben die Kunden weg“, sagt Mara, eine Verkäuferin in einer Bäckerei. „Die Menschen haben Angst. Sie erinnern sich an die Zweite Intifada, als es hier zu Anschlägen kam.“ Auch die Altstadt ist spürbar leerer. Grenzpolizei ist noch stärker als zuvor im Straßenbild sichtbar. Metalldetektoren wurden am sonst viel frequentierten Jaffa-Tor aufgestellt. Der Verkehr wiederum hat zugenommen. Die Menschen versuchen, Bus und Straßenbahn zu meiden. Wer kann, steigt auf das eigene Auto um oder nimmt ein Taxi. Kurz: Das Leben geht weiter, aber nur gedämpft, verlangsamt, wie in Watte.

    Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen in der Jerusalemer Altstadt: Um Verkehrsmittel und Straßen zu sichern, wurden 300 Elite... Foto: dpa

    Jerusalem hat sich verändert. Menschen schauen sich im Vorübergehen kurz aber intensiv in die Augen, um ängstlich zu prüfen, mit wem sie es zu tun haben. Die Sinne sind in Zeiten der Messerattentate schärfer als sonst. Schnell beschleunigende Autos erregen Aufmerksamkeit. Man dreht sich um. Zwar sind die meisten Bushaltestellen mittlerweile mit Metallpfosten befestigt, nachdem es im vergangenen Jahr zu tödlichen Angriffen gekommen war. Aber man weiß nie, ob ein Terrorist sein Auto nicht auch an anderer Stelle gegen Passanten lenken könnte. Der Terror und die Angst davor prägen Jerusalem dieser Tage. Wo sich in der schicken Mamilla-Einkaufstraße nahe der Altstadt sonst die Menschen drängen, sind am Dienstagabend nur wenige Besucher unterwegs. Auf dem Mahane-Jehuda-Markt im jüdischen Westen der Stadt ist es nicht anders. Der normalerweise vor einheimischen und fremden Besuchern wimmelnde Markt mit seinen Gemüse-, Fleisch und Käse-Ständen und kleinen Kneipen ist seltsam leer. „Wir haben 70 Prozent weniger Umsatz als sonst. Seit diese Terrorwelle losging, bleiben die Kunden weg“, sagt Mara, eine Verkäuferin in einer Bäckerei. „Die Menschen haben Angst. Sie erinnern sich an die Zweite Intifada, als es hier zu Anschlägen kam.“ Auch die Altstadt ist spürbar leerer. Grenzpolizei ist noch stärker als zuvor im Straßenbild sichtbar. Metalldetektoren wurden am sonst viel frequentierten Jaffa-Tor aufgestellt. Der Verkehr wiederum hat zugenommen. Die Menschen versuchen, Bus und Straßenbahn zu meiden. Wer kann, steigt auf das eigene Auto um oder nimmt ein Taxi. Kurz: Das Leben geht weiter, aber nur gedämpft, verlangsamt, wie in Watte.

    „Die Menschen in Israel leben derzeit in einer totalen Hysterie“, meint Lior Akerman. Der Israeli arbeitete 25 Jahre für Schin Bet, den israelischen Inlandsgeheimdienst, zuletzt im Rang eines Generals. Die besetzten Gebiete kennt er wie seine Westentasche. „Daran haben auch die sozialen Medien einen Anteil. Margaret Thatcher konnte noch die Berichterstattung über den IRA-Terror unterbinden, um Panik im Volk zu vermeiden. Das ist heute nicht mehr möglich. Jeder hat ein Handy mit einer Kamera. Die Filme werden ins Netz gestellt. Sie verängstigen die Israelis und laden Palästinenser zur Nachahmung ein. Öffentlichkeit ist schließlich das, was Terroristen wollen.“

    Tatsächlich tobt in den sozialen Medien ein Kampf. Hetze beider Seiten findet sich auf Facebook und Co. Manche sprechen schon von einer „Social Media Intifada“. Ein Video, in dem ein vermummter Palästinenser zeigt, wie man ein Messer schärft und richtig, das heißt tödlich, gegen Juden führt, verbreitet sich rasch und schockiert Israels Juden. Palästinenser wiederum sind angewidert von „Tod den Arabern“-Kommentaren rechtsgerichterer Israelis und Videos, die aus ihrer Sicht unverhältnismäßige Polizeigewalt zeigen.

    Derweil reißt die Kette der Attentate nicht ab. Ein Siedler wurde am Dienstag nahe Hebron von einem Laster überrollt und getötet. In der Siedlung Jitzhar bei Nablus erschossen die Sicherheitskräfte ein palästinensisches Mädchen, das sich mit einem Messer bewaffnet Zugang schaffen wollte. Für Aufsehen sorgte ein Vorfall in der am Rand der Negev-Wüste gelegenen Stadt Beer Scheba. Am Sonntagabend griff dort ein israelischer Beduine Reisende auf dem Busbahnhof an. Er wurde erschossen. Ein eritreischer Migrant wurde für einen Komplizen des Attentäters gehalten und von einem Wachmann ebenfalls angeschossen. Ein Mob bildete sich dann, der den schwer verletzten Mann trat und bespuckte, ehe er schließlich starb. Wie sich herausstellte, war der Eritreer völlig unbeteiligt. Israel war geschockt über den Lynchmord. Kommentatoren sprachen von einer Verrohung angesichts des Terrors und davon, wie dünn die Schicht der Zivilisation über dem sozialen Leben ist.

    Das sieht auch Pater David Neuhaus so. Der israelische Jesuit leitet im Auftrag des Lateinischen Patriarchen die Seelsorge an den hebräisch-sprachigen Katholiken Israels. Er wurde in Südafrika als Jude geboren und wanderte nach Israel ein, konvertierter allerdings dort als junger Mann zum Katholizismus. Ihn betrübt die auf beiden Seiten verbreitete Unfähigkeit, das Mensch-Sein des Anderen zu sehen. „Die Dämonisierung des Feindes erlaubt und rechtfertigt die schlimmsten Grausamkeiten. Ein Symbol dafür ist Haptom, der eritreische Asylbewerber, der jetzt ,aus Versehen‘ getötet wurde, weil man glaubte, dass er ein Terrorist sei.“ Die katholische Kirche im Heiligen Land, so Neuhaus, anerkennt das Recht der Palästinenser auf Widerstand und das der Israelis auf Selbstverteidigung. Beidem aber seien durch Ethik und Moral klare Grenzen gesetzt. „Beide Seiten liegen meiner Meinung nach da falsch, wo sie von einem Sieg sprechen, der auf Gewalt beruht. Der einzige Sieg wird dann kommen, wenn die Besatzung endet und Israelis und Palästinenser zusammenleben.“

    Sein Patriarch Fuad Twal weilt zurzeit in Rom auf der Familiensynode. Doch die angespannte Lage in seiner Bischofsstadt und im Heiligen Land treibt auch ihn um. Besonders die Aufstellung einer Mauer innerhalb Jerusalems kritisiert er. Die Behörden hatten kürzlich eine Mauer errichtet, um den arabischen Stadtteil Dschabal Mukaber von der jüdischen Siedlung Armon Hanatziv zu trennen. Damit sollte das Werfen von Steinen und Molotow-Cocktails durch junge Palästinenser unterbunden werden. „Die neue Trennmauer macht uns traurig und entstellt das Gesicht Jerusalems“, so Twal. Wichtig sei vielmehr, die Ursachen der jüngsten Gewaltwelle zu beseitigen und das Profil Jerusalems als einer Stadt des Friedens zu verteidigen.

    Jerusalems Polizei hat derweil bekannt gegeben, dass die ergriffenen Maßnahmen wie Straßensperren und Kotrollpunkte dazu geführt hätte, dass die Gewalt in Ost-Jerusalem zurückgegangen sei. Von einer Trendwende wollte Polizeichef Bentsi Sau aber noch nicht sprechen. 5 000 Grenzpolizisten, so ein Sprecher, seien seit Beginn der jüngsten Terrorwelle Anfang Oktober im Einsatz. Sie hätten 490 Verdächtige festgenommen. Hunderte weiterer Festnahmen werden in den nächsten Tagen erwartet. Sicherheitsexperte Lior Akerman glaubt, dass die gegenwärtige Runde der Gewalt wie die im letzten Jahr abebben werde. „Wenn nicht ein großer palästinensischer Terroranschlag mit vielen Toten passiert, wird Israel sich auch nicht zu eskalierenden Schritten gezwungen sehen wie einem großen Militäreinsatz im Westjordanland oder ähnlichem. Aber ein Prophet bin ich natürlich nicht.“

    Neben Angst und Terror sowie dem in den sozialen Medien ausgetragenen Hass, der das Misstrauen zwischen Juden und Arabern schürt, gibt es aber auch Menschen, die sich um Normalität und Miteinander mühen. In dem Ort Harisch in Nordisrael verteilen jüdische Israelis Kuchen an ihre arabischen Nachbarn, aber auch an jüdische Polizisten. Die Menschen würden auf diese einfache Geste oft sehr emotional reagieren, so die Veranstalter. Ihre Initiative hat mittlerweile in mehreren Orten Israels Nachahmer gefunden. In Kfar Vitkin will ein jüdischer Hummusrestaurantbesitzer Juden und Araber an einem Tisch versammeln – sie bezahlen dann nur die Hälfte.