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    Die Kraft der Selbsthilfe

    Europa im Jahr 1844: Agrarreformen haben die Leibeigenschaft beendet, die Bauern sind frei. Aber diese Reformen haben ein Heer von Tagelöhnern zur Folge. Fabriken entstehen, Verkehrswege werden ausgebaut. Die Zahl der Arbeiter steigt, der Kontinent erlebt ein enormes Bevölkerungswachstum. Nur finden immer weniger Menschen ihr Auskommen. Die kleinen Handwerker und Heimarbeiter haben gegen die Konkurrenz der Fabriken keine Chance. In Schlesien gehen die Weber im Juni auf die Straße. Die preußische Regierung unterdrückt ihren Protest mit Waffengewalt, elf Menschen sterben.

    Europa im Jahr 1844: Agrarreformen haben die Leibeigenschaft beendet, die Bauern sind frei. Aber diese Reformen haben ein Heer von Tagelöhnern zur Folge. Fabriken entstehen, Verkehrswege werden ausgebaut. Die Zahl der Arbeiter steigt, der Kontinent erlebt ein enormes Bevölkerungswachstum. Nur finden immer weniger Menschen ihr Auskommen. Die kleinen Handwerker und Heimarbeiter haben gegen die Konkurrenz der Fabriken keine Chance. In Schlesien gehen die Weber im Juni auf die Straße. Die preußische Regierung unterdrückt ihren Protest mit Waffengewalt, elf Menschen sterben.

    Missernten lösen Hungerkatastrophen aus. Landauf, landab beschäftigen sich Menschen mit der Lösung der sozialen Probleme: Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Bürgermeister der Gemeinde Weyerbusch im Westerwald, gründet im Hungerwinter 1845 einen Brotverein – Keimzelle der Genossenschaftsbewegung, die bis heute seinen Namen trägt. Solidarische Selbsthilfe ist die Idee dieser Bewegung: Nicht die Wohlhabenden helfen aus reiner Mildtätigkeit ihren notleidenden Mitbürgern, nein, es sind die Betroffenen selbst, die sich zusammenschließen, um ihre Notlage zu lösen – solidarisch, gleichberechtigt und autonom.

    Dieser Genossenschaftsbewegung gelingt es, das Kapital zu mobilisieren, das bisher für Zukunftsinvestitionen gefehlt hat. Sie überwindet die Rückständigkeit auf dem Land. Molkerei- und Wassergenossenschaften, gewerbliche Genossenschaften des Handwerks und die bald flächendeckend arbeitenden Volks- und Raiffeisenbanken legen die Basis für erfolgreiche Innovationen auf dem Land. Bis heute trägt die Genossenschaftsidee Raiffeisens Früchte, auch in der unterentwickelten Welt. In über hundert Ländern sind dreihundert Millionen Menschen Mitglieder von Genossenschaftsbanken.

    Friedrich Wilhelm Raiffeisen starb am 9. März 1888, also vor hundertzwanzig Jahren. Was hätte wohl ein anderer, der sich ebenfalls mit der sozialen Frage befasste und dessen Todestag sich gestern zum 125. Male gejährt hat, zur Bewegung Raiffeisens gesagt?

    Karl Marx, der Begründer des Historischen Materialismus, gilt seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks den meisten als abgetan – doch vieles, was er vor hundertfünfzig Jahren analysiert hat, wirkt heute geradezu prophetisch: Das Kapital, heißt es im „Kommunistischen Manifest“ schafft den Weltmarkt, „gestaltet die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch. ... an die Stelle der alten nationalen und lokalen Abgeschlossenheit ist eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander getreten. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut ... Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen, in die Zivilisation...“

    Das Kapital entmächtigt Regierungen, Staaten und Nationen, Überproduktionen und der Mangel an kaufkräftiger Nachfrage vernichten Unternehmen und stoßen Völker in Armut und Not: Das liest sich wie ein frühes Drehbuch der Globalisierung. Und: Marx beschreibt die kapitalistische Welt als „verzauberte“ Welt, in der sich Ursache und Wirkung verkehren: Für den Produzenten sind Produktion, Profit und Mehrwert das Ursprüngliche und Natürliche. Was das Produkt aber ausmacht, worin sein Sinn und Zweck, seine Verarbeitung und Qualität bestehen, darüber entscheidet allein die kapitalistische Logik, nicht derjenige, der das Produkt einmal benutzen wird.

    Lapidar heißt es bei Marx dazu: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es.“ Und wirklich: Wenn Familien heute zu Aufzuchtstätten von purem „Humankapital“, Pflanzen zu Genreservoirs, Staaten zu Wirtschaftsstandorten und Länder zum Rohstoff der Tourismusindustrie absinken, dann ist unsere Welt dem Bild des Kapitalismus, wie es Karl Marx gezeichnet hat, sehr nahe gekommen.

    Aber welches Gegenmittel gibt es? Marx setzte seine Hoffnung auf eine revolutionäre Klasse, auf den Aufstand der Unterdrückten. Die Entwicklung der kommunistischen Welt zeigt, dass die Diktatur des Proletariats nichts gegen Pfusch bei Produktion und Dienstleistungen, Entfremdung in der Arbeit und Umweltzerstörung ausgerichtet hat, ganz im Gegenteil. Und auch heute setzen die Epigonen von Karl Marx ihre Hoffnung vor allem auf den starken Staat, ohne zu erkennen, wie sehr die Globalisierung den Staat bereits entmächtigt hat.

    Eher bietet sich als Weg zu einer Wirtschaft, die allen nützen will, der an, den Friedrich Wilhelm Raiffeisen vor über hundertfünfzig Jahren eingeschlagen hat. Denn wer einer Genossenschaft angehört, will, dass dieses Unternehmen dazu beträgt, dass es ihm und allen Mitgliedern besser geht – nicht durch zusätzliches Geld, sondern durch die Dienstleistung, die diese Genossenschaft erbringt. Und da gibt es auch in unserer Gesellschaft eine Fülle von Aufgaben, die sich am besten lösen lassen, wenn sich die Betroffenen zusammentun, statt immer nur nach dem Staat zu rufen – wie das aktuell zum Beispiel die Linke tut, die „Erben“ von Karl Marx.

    Von Reinhard Nixdorf