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    Wien

    Die FPÖ im Strache-Dilemma

    In gutem einem Monat wird in Österreich gewählt. Den Aussichten der FPÖ hat der Ibiza-Skandal dabei bislang kaum geschadet. Doch dessen Hauptakteur wird sie nicht los.

    FPÖ und Strache
    Heinz-Christian Strache wurde vom Frontmann zur Hypothek der FPÖ. Foto: dpa

    Vor mehr als drei Monaten, am 18. Mai, trat Heinz-Christian Strache als FPÖ-Chef und Vizekanzler der Republik Österreich zurück. Und doch wird ihn seine FPÖ einfach nicht los. Was immer der Spitzenkandidat und designierte FPÖ-Chef Norbert Hofer, der am 14. September auf einem Parteitag in Graz auch formal zum Parteichef gewählt werden wird, tut: Mit Interviews, Job-Spekulationen und Anzeigen dominiert Strache die mediale Bühne.

    Der FPÖ blieb der Totalabsturz erspart

    Dabei ist der bisherige Verkehrsminister Hofer alles andere als eine graue Maus: Im Kampf um das Amt des Bundespräsidenten errang er 2016 die besten bundesweiten Ergebnisse in der Geschichte seiner Partei.

    Mitte Mai veröffentlichten „Der Spiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“ ein Video, das Strache im Sommer 2017 auf Ibiza mit einem nicht nur moralisch fragwürdigen, sondern eindeutig korruptionswilligen Verhalten zeigt. In Folge räumte Strache die innenpolitische Bühne, um die ÖVP/FPÖ-Koalition zu retten und den Absturz seiner Partei zu verhindern. Eine Fehleinschätzung: Bundeskanzler Sebastian Kurz beendete die Koalition dennoch; aber der FPÖ blieb – wie die Europawahl zeigte und alle Umfragen zeigen – ein Totalabsturz erspart.

    Aufatmen kann die FPÖ-Doppelspitze noch lange nicht

    Der alkoholisierte Auftritt des damaligen Parteichefs, der auf Ibiza einer vermeintlichen russischen Oligarchen-Nichte umfangreiche Staatsaufträge im Gegenzug für die Unterstützung seiner Partei anbot, der mit der „Russin“ eine feindliche Übernahme der mächtigen „Kronen Zeitung“ diskutierte und beschrieb, wie sie Parteispenden am Rechnungshof vorbei schleusen könnte – all dies schadete der FPÖ offenbar kaum. Die Partei liegt stabil bei rund 20 Prozent und ringt laut Umfragen mit der oppositionellen SPÖ um Platz zwei.

    Aufatmen kann die aus Norbert Hofer und dem vormaligen Innenminister Herbert Kickl bestehende FPÖ-Doppelspitze mit Blick auf die Nationalratswahl am 29. September dennoch nicht. Denn ihr alles übertönender Ex-Chef Strache ist in keine Wahlkampfstrategie einzubinden. Während Hofer gebetsmühlenartig die Erfolge der bisherigen Regierungsarbeit preist und die Fortsetzung der Koalition mit der ÖVP wortreich zum singulären Wahlziel erklärt, wirft Strache dem ÖVP-Chef Wortbruch vor. Sebastian Kurz habe ihm für den Fall seines Rücktritts die Fortführung der Regierungszusammenarbeit versprochen, wenige Stunden später dann aber die Koalition gebrochen.

    Strache strickt an einer Verschwörungstheorie

    Während Hofer mit aller Kraft Sachthemen in den Vordergrund zu rücken versucht, um das Gewicht des Ibiza-Skandals zu relativieren, kämpft Strache öffentlich um seine Rehabilitierung, initiiert Anzeigen gegen die Hintermänner der Ibiza-Falle und wird nicht müde, den entgleisten Abend als politisches Attentat auf ihn, seine Partei und die Regierung zu vermarkten. Während also Hofer seine Partei neuerlich als regierungswillig und -tauglich präsentieren möchte, bemüht sich Strache, die eigene moralische, intellektuelle und politische Fehlleistung von Ibiza für die FPÖ-Fangemeinde in den Nebel einer großen Verschwörungstheorie zu kleiden.

    So skurril das für alle klingen mag, die den sieben Minuten langen, öffentlich zugänglichen Ausschnitt aus dem siebenstündigen Video gesehen haben: Die Strache-Strategie funktioniert offenbar. Zumindest für ihn selbst: Bei der Europawahl am 26. Mai – nur neun Tage nach Veröffentlichung des Videos – errang Strache so viele Vorzugsstimmen, dass er vom aussichtslosen Platz 42 aus ein Mandat hätte beanspruchen können. Strache verzichtete, doch setzte die FPÖ – dafür? – seine Ehefrau Philippa auf einen sicheren Platz für die bevorstehende Nationalratswahl.

    Straches Facebook-Seite hat 800 000 Follower

    Mit knapp 800 000 Followern ist Straches Facebook-Seite bis heute das reichweitenstärkste Medium der FPÖ. Nach einigem Hin und Her hat die FPÖ mittlerweile „bis zu den Neuwahlen“ die Administratorenrechte der Seite übernommen, wie sie auch die Facebook-Auftritte von Hofer und Kickl administriert.

    Ruhiger wird es um den Ex-FPÖ-Chef dennoch nicht: Er wolle künftig für eine Firma tätig sein und sich wirtschaftlich neu ausrichten, sagt er in einem Interview. Er werde alle Kraft darauf verwenden, die Hintergründe der Ibiza-Falle aufzuklären und seine politische Rehabilitation zu betreiben, sagt er in anderen.

    Für die FPÖ-Kernwähler ist Strache weiter relevant

    Kein Wunder, dass in der FPÖ die Debatte über ein mögliches Comeback des einstigen Partei-Stars nicht abreißt. „Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, wenn er vor dem Scherbenhaufen seines Lebenswerks steht und dennoch jeden zweiten Tag barfuß in die Scherben tritt“, meinte FPÖ-Landesrat Gottfried Waldhäusl in der Gratiszeitung „Heute“. Andere in der FPÖ hoffen jedoch auf eine Kandidatur Straches bei der Wahl im roten Wien 2020.

    Hofer und Kickl haben längst begriffen, dass die mediale und politische Dauerpräsenz des vormaligen Chefs ihren Wahlambitionen schadet. Alle strafrechtlichen Vorwürfe gegen Strache müssten restlos ausgeräumt sein, bevor an eine künftige politische Rolle zu denken ist, lautet ihre Linie.

    Veröffentlichung des Ibiza-Buches entlastet Strache nicht

    Bundespolitisch dürften die Hürden noch höher sein. Zumindest dann, wenn die FPÖ weiterhin an einer Regierungsbeteiligung interessiert sein sollte. Die FPÖ-Spitze steckt also in einem Strache-Dilemma: Einerseits ist der Ex-Parteichef weiterhin ein mediales Schwergewicht und für den Kern der eigenen Kernwählerschaft so relevant, dass sie ihn schwerlich beiseite schieben, geschweige denn aus der Partei ausschließen kann. Andererseits wird sich weder Sebastian Kurz noch irgendwer in den anderen Parteien auf eine Zusammenarbeit mit der FPÖ einlassen, wenn Strache dort künftig eine tragende Rolle spielt.

    Zumal die Veröffentlichung eines Ibiza-Buches durch die Aufdecker von der „Süddeutschen Zeitung“ vor wenigen Tagen den Ex-FPÖ-Chef keineswegs entlastet. Zwar ist noch immer nicht geklärt, wer die Falle stellte, finanzierte und organisierte, doch die charakterliche Performance Straches wird durch zusätzliche Zitate nochmals fragwürdiger. Das staatsmännische Image, um das Strache in seiner Zeit als Vizekanzler sichtlich bemüht war, dürfte mit diesem spätpubertären Macht- und Machogehabe irreparabel zerstört sein.