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    Die Evangelien lassen keinen Zweifel

    Pater Wucherpfennig, angenommen, die sterblichen Überreste Jesu würden heute gefunden werden: Würden Sie dann morgen Ostern feiern? Ihre Frage erinnert mich an einen Witz über den Jesuitengeneral. Man findet hieb- und stichfeste Beweise für die sterblichen Überreste Jesu in seinem Grab.

    Ansgar Wucherpfennig
    Ansgar Wucherpfennig, Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. Foto: Archiv

    Pater Wucherpfennig, angenommen, die sterblichen Überreste Jesu würden heute gefunden werden: Würden Sie dann morgen Ostern feiern?

    Ihre Frage erinnert mich an einen Witz über den Jesuitengeneral. Man findet hieb- und stichfeste Beweise für die sterblichen Überreste Jesu in seinem Grab. Als der Jesuitengeneral davon erfährt, reagiert er: „Oh, das muss ich meinen Leuten sagen. Dann hat er ja wirklich gelebt!“ Das ist ein böser Witz, weil er mit dem angeblichen Unglauben der Jesuiten spielt. Aber zurück zu Ihrer Frage: Nein, ich würde dann nicht Ostern feiern, weil es nichts zu feiern gäbe. Das Grab war ja tatsächlich nicht leer. Man hat zwei Leinenbinden darin gefunden. Den Leichnam des Herrn nicht. Und das ist so gut im Neuen Testament bezeugt, dass ich gar keinen Zweifel daran habe.

    Aber was macht Sie da so sicher? Warum genügt das Neue Testament Ihren Ansprüchen als Historiker in Bezug auf die Auferstehungsbotschaft? Immerhin steht und fällt mit ihr das Christentum ...

    Das leere Grab an sich ist tatsächlich kein Beweis für die Auferstehung – aber die notwendige Bedingung dafür. Das leere Grab und die zurückgelassenen Binden, die darin gefunden werden, verweisen auf das, worauf es ankommt: Und das ist die leibliche Auferstehung Jesu. Daran lassen die Evangelien keinen Zweifel. Zudem gibt es schon im ältesten Zeugnis über die Auferstehung, in 1 Kor 15 drei verschiedene Hinweise, die auch ein Historiker ernstnehmen muss: Jesus ist gestorben und wurde wirklich begraben. Gott hat seinen Gesalbten auferweckt, und der Auferstandene erscheint ausgewählten Zeugen.

    Eine spiritualistische Auslegung, wie sie heute vielfach versucht wird – Jesus ist zwar nicht mit seinem Leib, aber seiner Leiblichkeit und ihrer sozialen Dimension nach auferstanden – geben die Evangelien also nicht her?

    Nein. In Jerusalem hätte sich der Auferstehungsglaube bei vollem Grab keinen Tag halten können. Dafür hätte niemand sein Leben hingegeben, wie es die Jünger später getan haben. Eine Spiritualisierung wird den Erzählungen nicht gerecht. Denn sie zeigen gerade, dass Jesus leibhaft erscheint. Schauen Sie bei Lukas: In der Emmauserzählung geht Jesus sechzig Stadien mit seinen Jüngern, das sind circa elf Kilometer. Das kann keine bloße innere Erscheinung sein. Dann zeigt sich Jesus vor allen Jüngern: Er lässt sich sogar anfassen: Er ist kein Geist. Die Jünger haben nicht nur eine innere Gewissheit, dass Jesus lebt. Dann lässt er sich zu essen geben, gebratenen Fisch: Der Auferstandene isst ein köstliches Fischgericht wie wir. Der Fokus der Erzählungen liegt darauf: Aus dem Grab ist tatsächlich ein Mensch mit seinem Leib erstanden.

    Nun ist ja jeder der von Ihnen genannten Hinweise im Zuge der rationalistischen Bibelkritik bestritten worden. Da gab es Hypothesen, wonach beispielsweise der Leichnam Jesu von Anhängern entwendet worden sei. Die Erscheinungen des Auferstandenen hat man sich als Massenhalluzination erklärt. Warum halten Sie das nicht für überzeugend?

    Der älteste Beleg für die Überlieferung, dass der Leichnam Jesu von seinen Anhängern entwendet worden sei, findet sich im Matthäusevangelium. Matthäus geht offensichtlich auf ein Gerücht ein, das in Jerusalem existierte, und das er selber kannte. Alle anderen Belege für dieses Gerücht sind jünger als Matthäus und von ihm abhängig. Wenn Matthäus dieses Gerücht wiedergeben kann, dann muss er sich seiner Sache so sicher sein, dass er es sich leisten kann, davon zu berichten. Deswegen ist die Quellenlage eigentlich so, dass sie für eine Betrugshypothese kaum Raum lässt.

    Und die halluzinierenden Jünger? Können die sich die Erscheinungen nicht eingebildet haben? Der Exeget Lüdemann nimmt das an.

    Professor Lüdemann hat ja auch in der protestantischen Kirche Schwierigkeiten mit seinen Auffassungen bekommen. Es ist, meine ich, ein Grundproblem der historisch-kritischen Methode. Sie geht verbreitet so vor, dass sie eigentlich alles, was nach Bekenntnis riecht, aus den Evangelien herausstreichen möchte. Das ist aber nicht historisch, sondern unterliegt einem Vorverdacht: Dass es einen Bruch zwischen dem nachösterlichen geglaubten Jesus und dem vorösterlichen gäbe. Selbstverständlich sind die Evangelien aus der Perspektive von Ostern geschrieben. Aber die Jünger erkennen doch Jesus wieder, der mit ihnen zusammen war und sie gelehrt hat. Der nachösterliche Jesus wird ja nicht von Grund auf neu erfunden. Es war für die Jünger ein ganz überraschendes Wiedersehen, aber ist es deswegen eine Halluzination? Es braucht viel mehr Fantasie, das Zeugnis der Evangelien mit einer solchen Theorie erklären zu wollen, als ihnen einfach zu glauben.

    Sie würden sagen, dass die Evangelien so, wie sie bezüglich des Auferstehungsglaubens geschrieben sind, eigentlich immun sind gegen all die rationalistischen Wegerklärungsversuche, die es in den letzten 200 Jahren gegeben hat?

    Immun sind sie offensichtlich nicht, sonst würden Sie mich das nicht zu fragen brauchen. Denn es braucht Vertrauen, ja Glauben einem Text gegenüber. Dieses Grundvertrauen brauchen auch die Erzählungen von dem Auferstandenen. Ich bin übrigens der Meinung, man sollte sie nicht einfach nur Berichte nennen: Sie sind mehr als bloße Tatsachendarstellungen, sie sind Erzählungen, die unser Vertrauen suchen. Das leere Grab war mehrdeutig: Nach dem ältesten erhaltenen Schluss bei Markus in 16,8 fliehen die Frauen vor dem Grab, weil sie verängstigt sind. Fakten machen noch keinen Glauben. Erst wenn ich ihnen vertraue, finde ich in ihnen einen Sinn, der mich trägt.

    Exegeten wie David Friedrich Strauß, Bultmann oder in jüngster Zeit Lüdemann hat es also an diesem Grundvertrauen in die Texte gefehlt?

    Das würde ich nicht sagen. Ich kann ja nicht in das Herz dieser Wissenschaftler schauen. Bultmann beispielsweise hat sicherlich versucht, herauszustellen, dass es bei Jesus um alles Entscheidende für unsere Existenz geht. Grundsätzlich ist man heute, denke ich, weiter im Verständnis der Konventionen, mit denen die Evangelien geschrieben worden sind.

    Welche Konventionen wären das?

    Johannes erzählt symbolisch und teilt dabei eine tiefere Bedeutung der Ereignisse mit, die über die bloße historische Erforschbarkeit doch deutlich hinausgeht – das macht die Erzählung ja gerade auch angreifbar. Wenn Sie zum Beispiel Maria Magdalena nehmen, werden Sie gar nicht so leicht feststellen, wie oft sie sich umgedreht hat, bis sie Jesus erkennt. Aber das ist symbolisches Erzählen: Es bedarf auch eines anderen Umdrehens, um den Auferstandenen zu erkennen, nämlich eines Umkehrens, einer Bekehrung, um Jesus als Lebendigen zu sehen. Wie oft sie sich herumgedreht hat, ist historisch ziemlich unwichtig, aber es ist Evangelium. Trotzdem erzählt Johannes ernst zu nehmende Geschichte. Er ist, wie Dei Verbum sagt, Hagiograph, er schreibt Heiliges, folgt aber auch den Konventionen seiner Zeit.

    Nun ist es ja auch so, dass die Evangelien bezüglich der Erscheinungen des Auferstandenen Unterschiedliches sagen. Matthäus kennt neben der Erscheinung Jesu an die Frauen am leeren Grab nur eine Erscheinung an die Elf in Galiläa; Lukas verwendet nur die Jerusalemer Überlieferung, Johannes weiß von Erscheinungen sowohl in Jerusalem wie in Galiläa zu berichten. Wie ist es denn dazu gekommen?

    Das hat viele verschiedene Gründe, auf die ich hier unmöglich eingehen kann. Gott hat offensichtlich gewollt, dass wir Menschen ihn bezeugen, sonst hätte Jesus es ja direkt diktieren können. Die Pluralität des Zeugnisses belegt für die Schrift die eine Wahrheit, sie ist kein Widerspruch zur Einheit im Glauben.

    Die Auferstehung, so wie Sie sie verstehen, ist wesentlich kein mythologisches Ereignis, sondern ein reales. Was sind die literarischen Hinweise darauf, die es etwa von offensichtlich mythischen Teilen des Alten Testamentes unterscheiden?

    Mythologie und Mythisches sind eigentlich Worte, die mir nicht sehr gefallen. Dabei fallen mir sofort Nationalmythen ein oder griechische Götterabenteuer, bestenfalls noch so schöne Geschichten wie der Herr der Ringe, ein christlicher Kunstmythos. Aber die Schrift hat mit all dem doch irgendwie wenig zu tun. Für die Pastoralbriefe sind alle Mythen sogar Fabeleien. Der Hauptunterschied zwischen einem Mythos und der Bibel ist meines Erachtens, dass es bei dem Gott der Bibel immer um geschichtlich konkrete Erfahrung geht.

    Aber ist das wirklich immer so klar? In 1 Kor 15 rekurriert Paulus auf den dritten Tag als dem Tag der Auferstehung. Ist das tatsächlich ein echtes kalendarisches Datum oder nicht eher, wie viele Exegeten sagen, nach Hosea 6, 1 entworfen und damit eine theologisch-rhetorische Figur?

    Hosea 6 hat sicherlich damit zu tun. Der dritte Tag ist einfach der Tag der Wende in der Schrift – nicht nur bei Hosea, sondern da gibt es unzählige Beispiele. Aber wenn Gott nun an diesem Tag die Wende schafft, warum soll er nicht an diesem Tag seinen Sohn aus dem Reich des Todes herausgeholt haben?

    Also funktioniert der Schluss: Es gibt eine Analogie zum Alten Testament, also ist das Neue Testament konstruiert und unhistorisch, nur unter der rationalistischen Prämisse, wonach Gott nicht in Raum oder Zeit handeln und den Gleichklang der Ereignisse stören kann?

    Gott hat im Neuen Testament nichts völlig Neues gemacht. Gott hat den Ablauf der Ereignisse nicht gestört, er hat seine Verheißungen erfüllt. Aber ich würde das nicht so sehr mit dem Rationalismus zusammenbringen, als mit einer christlichen Urhäresie. Schon Markion hat im 2. Jahrhundert versucht, Jesus luftleer ohne das Alte Testament zu verstehen. Der Auferstandene tut nichts Anderes, als dass er den Jüngern die Schrift auslegt und sie verstehen sie in seinem Licht neu. Es braucht das Alte Testament sogar, um die Auferstehung zu verstehen. Sie ist Sinn und Ziel der gesamten Schrift.

    Heute ist Karsamstag. Wo war Jesus nach der Schrift zwischen Kreuzigung und Auferstehung?

    Darauf gibt es im Neuen Testament nur zarte Hinweise: Jesus spricht etwa vom Beispiel des Propheten Jona, der im Bauch des Wales war, und sagt: so wird der Menschensohn im Schoß der Erde sein. Im Schoß der Erde aber liegen die Toten. Jona wird für Christen zum Bild dafür, dass der Menschensohn hinabsteigt in das Reich der Toten und mit seiner Liebe alle umfängt. Und das heißt offenbar nicht nur die Entschlafenen – schon als er am Kreuz stirbt und das Erdbeben die Stadt erschüttert, kommen ja nach Matthäus die Väter aus ihren Gräbern hervor –, sondern es meint offenbar noch mehr: Steigt er nicht in den Ort der Gottesferne und Gottverlassenheit herab und lässt dort Gottes Liebe gegenwärtig werden, die er am Kreuz bezeugt hat?

    Die Kreuzigung des Herrn: Wie kommt es gemäß dem Neuen Testament, dass der Tod des Einen das Heil aller wirkt?

    Jesus ist eben unerschütterlich dem Willen des Vaters gefolgt. Als der Eine ist er so für uns alle in den Tod gegangen. In Christi Tod sind wir alle gestorben. Durch seine Auferstehung ist auch unser aller Tod vernichtet. Das illustriert eine schöne muslimische Geschichte. zehn Brüder haben in der Wüste nur ein Glas Wasser zum Überleben. Einer gibt es dem Anderen weiter und stirbt schließlich. Der letzte endlich trinkt es und rettet sich in die nächste Oase. Die Leute fragen ihn: Warum hast Du nicht auch das Wasser verschmäht und es in den Sand geschüttet. Darauf antwortet er: Um die Hingabe meiner Brüder zu bezeugen. Unsere Geschichte ist ähnlich: Nur ist das Zahlenverhältnis anders. Wir alle bezeugen die Hingabe des einen Jesus.

    Dessen leibliche Auferstehung wir morgen guten exegetischen Gewissens feiern dürfen?

    So ist es. Frohe Ostern!