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    „Die Einheit der Kirche ist ein Geschenk Gottes“

    100 Jahre Gebetswoche für die Einheit der Christen: Was hat die Initiative für die Ökumene gebracht?

    100 Jahre Gebetswoche für die Einheit der Christen: Was hat die Initiative für die Ökumene gebracht?

    Die ökumenische Bewegung ist ihrem Ursprung und ihrem Wesen nach eine Gebetsbewegung. Schon die erste Initiative vor 100 Jahren geht zurück auf viele Gebetsgruppen, die unabhängig voneinander in allen Kirchen und in unterschiedlichen Teilen der Welt entstanden sind – auch in Deutschland. Das zeigt zum einen: Die Einheit der Kirche ist nicht etwas, was wir machen können, sondern sie ist ein Geschenk Gottes. Zum anderen muss die Einheit der Herzen Vorrang vor der strukturellen Einigung haben. Die Gebetswoche hat sich weltweit ausgedehnt, sie ist eine der wichtigsten ökumenischen Initiativen überhaupt.

    Also würden Sie diese Initiative als einen Erfolg werten?

    Ja, sicher – soweit man das von einem Gebet sagen kann. Sie hat auf jeden Fall eine große Ausbreitung erfahren.

    Vor genau 40 Jahren gab es im Zuge des Konzils eine weitere Etappe. Die jährlichen Themen und Texte für die Gebetswoche werden seither gemeinsam erarbeitet. Ein weiterer Anstoß für die Dialoge?

    Selbstverständlich. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die katholische Kirche auch in den institutionellen Ökumenismus eingestiegen, hat sich dafür geöffnet. Die gemeinsamen Vorbereitungen haben nochmals deutlich gemacht, dass es nicht nur um ein Anliegen einzelner Kirchen, sondern der Kirche insgesamt geht. Bezeichnenderweise wurden die Vorbereitungen für dieses Jahr in Graymoor bei New York gemacht – wie schon vor 100 Jahren.

    Wie steht die Ökumene im 100. Jahr der Weltgebetswoche da?

    Sie ist in der katholischen Kirche insgesamt angenommen und wird als unwiderrufliche Entscheidung des Zweiten Vatikanischen Konzils betrachtet. Sie hat sich seither unglaublich ausgebreitet. Seit dem Fall der Berliner Mauer verzeichnen wir eine viel stärkere Beteiligung aller östlichen Kirchen; die Dialoge wurden erneuert. Was die westliche Ökumene betrifft, sind inzwischen viele Freikirchen hinzugekommen. Unsere Beziehungen breiten sich heute auch auf Kirchen hin aus, mit denen wir bisher kaum Kontakt hatten. Allerdings stellen wir mitunter interne Schwierigkeiten in einzelnen Kirchen fest, etwa bei den Anglikanern, wo der Dialog momentan etwas auf der Stelle tritt, ohne dass die Kontakte unterbrochen worden wären. Insgesamt befindet sich die Ökumene derzeit in einem großen Übergang; gerade die geistliche Ökumene nimmt sehr zu. Überall entwickeln sich Gebetsgemeinschaften zwischen Bischöfen, Priestern, Laien, aber auch zwischen Klöstern und geistlichen Gemeinschaften.

    Besonders gut sind die Kontakte zum Patriarchen von Konstantinopel. Bartholomaios I. wird im Februar erneut zu Besuch nach Rom und in den Vatikan kommen ...

    Den orthodoxen Kirchen stehen wir vom Glauben her mit am nächsten. Die Unterschiede sind mehr kultureller und mentalitätsmäßiger Natur. Aber eine Einheitsbewegung ist ja dazu da, diese Schranken zu überwinden. Ich glaube, wir haben mit dem Dokument des Dialogtreffens von Ravenna im September einen guten Schritt gemacht und eine gute Grundlage für die Diskussion mit den Orthodoxen über den päpstlichen Primat in den nächsten Jahren gelegt. Aber Ökumene ist nicht nur eine Frage der Dokumente, wie gerade mein Besuch Ende November in Konstantinopel zeigt: Es gibt heute einen neuen Geist der Freundschaft.

    Von Johannes Schidelko