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    „Die Christen fürchten die Umbrüche“

    Sie haben kürzlich mit Christen in Jordanien, im Irak und dem Heiligen Land sprechen können: Wie sieht man dort die politischen Umbrüche in der Region? Egal, ob sie Christen aus dem Irak, aus Israel oder Jordanien fragen: Alle sehen die Umbrüche kritisch bis sehr kritisch.

    André Stiefenhofer ist Öffentlichkeitsreferent von „Kirche in Not“. Er kehrte eben von einer mehrwöchigen Informationsre...

    Sie haben kürzlich mit Christen in Jordanien, im Irak und dem Heiligen Land sprechen können: Wie sieht man dort die politischen Umbrüche in der Region?

    Egal, ob sie Christen aus dem Irak, aus Israel oder Jordanien fragen: Alle sehen die Umbrüche kritisch bis sehr kritisch. Sie haben Angst davor, dass die Region destabilisiert werden könnte. Sie fragen sich: Ist es wirklich möglich, in diesen Ländern Staat und Religion so zu trennen, dass jede Religion dort leben kann? Und die andere Frage ist: Ist auch Konversion möglich? Kann sich jeder mit seinem Gewissen für eine Religion seiner Wahl entscheiden? Eine positive Antwort auf diese Fragen zeichnet sich derzeit nicht ab.

    Die Christen haben ja auch – etwa in Syrien oder Jordanien – eine gute Stellung und damit ein Interesse am Status quo.

    Natürlich haben die Christen insofern ein Interesse am Status quo, als dieser ihnen bisher Sicherheit beschert hat. Den Christen steht warnend das Schicksal ihrer irakischen Glaubensbrüder vor Augen, die plötzlich von einer geachteten Minderheit zu den Verfolgten geworden sind. Und das möchten sie in den anderen Ländern vermeiden.

    Sie haben auch mit Bischöfen gesprochen. Gibt es da eine andere Sicht der Dinge als bei den einfachen Gläubigen?

    Bei den Bischöfen ist es so, dass je näher sie am Mittelmeer sind, sie umso positivere Erfahrungen mit dem interreligiösen Dialog machen. In Jordanien etwa gibt es gute Verbindungen zur großen muslimischen Mehrheit. Im Irak ist das anders. Da sind auch die Bischöfe desillusioniert. Mir wurde dort gesagt, dass ein Dialog mit den irakischen Muslimen nicht möglich ist. Viele Bischöfe sagen: Die muslimischen Führer kommen, predigen uns den Islam und gehen. Sie hören uns nicht zu. Eine moderne, kritische Betrachtung des Koran sei die Voraussetzung, um miteinander reden zu können. Die Christen haben sich, herausgefordert durch die Philosophie und die Modernität geändert, aber nicht die Muslime, so sagen es manche irakische Bischöfe. Und wenn Sie hören, dass viele Imame im Irak ihren Gläubigen sogar verbieten, auf christlichen Baustellen zu arbeiten, sagt das alles. Wenn Sie jetzt nach Jordanien gehen oder auch ins Heilige Land, dann gibt es dort durchaus fortschrittliche islamische Eliten, mit denen Gespräche möglich sind. Allerdings fehlt auch dort für einen echten Dialog der Grundkonsens, dass Religion nicht mit Politik vermischt werden darf und dass jeder Mensch das Recht hat, seine Religion frei zu wählen. Darum stellen sich auch dort die Bischöfe die Frage, ob der Islam die Grundlage für eine Demokratie sein kann, die volle Religionsfreiheit gewährt. Diesbezüglich ist man selbst in diesen Ländern nicht optimistisch. Aber es gibt natürlich auch positive Signale von Seiten der Muslime, wie zum Beispiel diesen Vorstoß aus dem Libanon, dass man mit einer Fatwa Gewalt gegen Christen verurteilen will. Das stimmt hoffnungsvoll.

    Fürchten die Christen, dass es durch Demokratie tatsächlich zur Machtübernahme islamistischer Kreise kommt?

    Das ist die große Befürchtung. Gerade auch in Jordanien haben wir das öfter gehört. Dort war die Aussage: Der König hat ja die Leute aufgefordert und gebeten, Parteien zu gründen. Und das Ergebnis waren lauter kleine Splittergrüppchen. Die einzige Gruppierung, die eine größere Unterstützung erfahren hat, waren die Muslimbrüder. Das liegt hauptsächlich an der Stammesmentalität, die dort vorherrscht und nur winzige Partikularinteressen im Blick hat. So etwas wie eine Volkspartei oder einen Grundkonsens gibt es in dieser Region nicht. Die Muslimbrüder sind in dieser Hinsicht die einzige „Volkspartei“, mit einem politischen Islam als Grundlage. Auf dieser Grundlage kann man aber keine Demokratie bauen und wenn sich das durchsetzt, bedeutet es für die Zukunft der Christen in diesen Ländern nichts Gutes.