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    Die Börse ist kein Casino

    „Stets findet Überraschung statt, da wo man's nicht erwartet hat“, reimte schon Wilhelm Busch. Aber sage niemand, der Schwarze Montag Anfang dieser Woche sei aus heiterem Himmel über die Börsen hereingebrochen. Die Warnzeichen waren unübersehbar. Der Kurssturz im Juli 2007 war kein kurzer Spuk, sondern das Gewitter vor dem Sturm, der am Montag und Dienstag nach den amerikanischen Börsen auch gleich die Aktienmärkte in aller Welt erschütterte: Rieseneinbrüche an der Börse von Bombay, Aktien an den asiatischen Börsen im freien Fall, Verluste für den Dax an den deutschen Börsen um sieben Prozent. Seit dem 11. September 2001, als mit dem Welthandelszentrum in New York auch gleich der Aktienmarkt zusammenkrachte, gab es nicht mehr so hohe Tagesverluste.

    „Stets findet Überraschung statt, da wo man's nicht erwartet hat“, reimte schon Wilhelm Busch. Aber sage niemand, der Schwarze Montag Anfang dieser Woche sei aus heiterem Himmel über die Börsen hereingebrochen. Die Warnzeichen waren unübersehbar. Der Kurssturz im Juli 2007 war kein kurzer Spuk, sondern das Gewitter vor dem Sturm, der am Montag und Dienstag nach den amerikanischen Börsen auch gleich die Aktienmärkte in aller Welt erschütterte: Rieseneinbrüche an der Börse von Bombay, Aktien an den asiatischen Börsen im freien Fall, Verluste für den Dax an den deutschen Börsen um sieben Prozent. Seit dem 11. September 2001, als mit dem Welthandelszentrum in New York auch gleich der Aktienmarkt zusammenkrachte, gab es nicht mehr so hohe Tagesverluste.

    Wenn jetzt Bundeswirtschaftsminister Glos abwiegelt und hervorhebt, dass er die Konjunktur in Deutschland nicht für belastet hält und auf den „guten Auftragsbestand“ der Unternehmen hinweist, dann erfüllt er zwar den Auftrag, zu dem Politiker gewählt worden sind – nämlich die Leute zu beruhigen –, sagt aber nur die halbe Wahrheit: Es liegt doch auf der Hand, dass es Unternehmen schwerer fallen wird, sich mit Kapital zu versorgen, wenn die Kreditmärkte ins Schlingern geraten sind.

    Entschlossen hat Ben Bernanke, der Chef der amerikanischen Notenbank, am Dienstag den Leitzins gesenkt und damit die Kredite in den Vereinigten Staaten verbilligt. Damit sollen die amerikanischen Banken Luft erhalten, um die absehbaren Verluste halbwegs zu verkraften. Ob diese Aktion sich noch rechtzeitig auswirkt, ist ungewiss. Klar ist aber: Es dürfte nicht die letzte Rettungsaktion der Notenbank gewesen sein.

    Wie auch immer: Die Krise ist nun da und ihre Ursache kein großes Geheimnis. In den Vereinigten Staaten sind zu viele Kredite vergeben worden, die nicht zurückgezahlt werden können. Und da die Finanzmärkte mittlerweile international vernetzt sind und das Geld sekundenschnell rund um den Erdball gejagt werden kann, haben auch deutsche Broker und Banker in solche windigen Geschäfte investiert, in der Hoffnung, es werde schon alles gut ausgehen: Sie haben am großen Rad gedreht und sind dabei überrollt worden. Jetzt stehen Milliardenverluste in den Kassenbüchern, und dieses Geld ist nicht nur auf dem Papier verloren. Es ist tatsächlich fort und die Zeche dafür werden nicht unfähige Aufsichtsräte, Vorstände oder sonstige Geschäftemacher bezahlen. Zur Kasse werden aller Wahrscheinlichkeit nach Leute gebeten, von denen sich viele mit dem Geschehen an der Börse gar nicht auskennen. Denn in Fonds und Lebensversicherungen, in der Riesterrente und in Betriebspensionen sind überall Aktien enthalten, so dass Millionen Bürger auf diese Weise viel Geld verloren haben.

    Das Geld, mit dem die Riesenverluste von Banken, Versicherungen und Anlagefonds ausgeglichen werden müssen, stammt auch aus den Taschen von Otto Normalverbraucher. Im Fall der Sparkassen und Landeszentralbanken muss sogar der Steuerzahler mithaften. Was etwa die Westdeutsche oder die Sächsische Landesbank am amerikanischen Hypothekenmarkt an Geld investiert und verloren haben, das fehlt jetzt an den Stellen, wo es darum geht, die Zukunft in den Ländern Nordrhein-Westfalen oder Sachsen zu planen. Allein zwei Milliarden hat die Westdeutsche Landesbank bei fehlgeschlagenen Investments in den Vereinigten Staaten mehr oder weniger verbrannt. Was hätte man mit diesem Geld alles anfangen können! Mehr Stellen für Lehrer an den Schulen hätten eingerichtet, mehr Kindergartenplätze, mehr Jugendeinrichtungen geschaffen, mehr Hilfe für Bedürftige geleistet werden können. All das kommt jetzt nicht mehr zustande.

    Und wie wird es weitergehen? Natürlich geht das Leben weiter, wegen des Schwarzen Montags geht die Welt nicht unter. Die Verluste werden ausgeglichen werden – und zwar in der Mehrzahl wohl von denen, die an dem Börsencrash keinerlei Schuld tragen. Und auch in Zukunft wird wieder produziert und investiert werden. Auch die Aktienkurse werden sich erholen und wieder ansteigen – um irgendwann wieder abzustürzen.

    Denn die Lehre, die sich aus der Krise ziehen lässt, ist sattsam bekannt: Solange Anleger die Börse mit einem Casino verwechseln und glauben, es sei möglich, am Computer mit einem Mausklick Milliardenvermögen einzuheimsen, solange können sich die Aktienmärkte nur unter großen Verlusten selbst regulieren. Solange sich Anleger von unrealistischen Renditeaussichten blenden lassen, solange Banken und Geschäftemacher Sparer mit Anlage-Versprechungen locken, die sich nicht einlösen lassen, solange wird es immer wieder zu Börsenkrisen kommen und viel Geld verbrannt werden. Denn das Wirtschaftssystem muss erst noch erfunden werden, in dem es möglich ist, reich zu werden, ohne dafür arbeiten zu müssen.

    Und: In Zeiten wie diesen, in denen das Kapital global und digital zirkuliert, sind globale Regeln zur Bankenaufsicht und Kreditvergabe unabdingbar. Hierzulande aber kommt es darauf an, an einer stabilen, kräftigen Wirtschaft zu arbeiten, statt sich der Illusion hinzugeben, Geld und Gut könnten sich von selbst vermehren.

    Von Reinhard Nixdorf