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    Deutsche und Türken gründen neue Universität

    Gestern unterzeichneten die Außenminister der Türkei und Deutschlands, Frank-Walter Steinmeier und Ali Babacan, die Gründungsvereinbarung für die Stiftung einer deutsch-türkischen Universität in Istanbul. Sie ist zunächst ausgelegt auf 500 Studierende der Ingenieur-, Wirtschafts-, Sozial-, Rechts- und Kulturwissenschaften. Der Gründung gingen mehrere vergebliche Versuche voraus; zuletzt fiel 1997 ein bereits von beiden Seiten unterzeichnetes Abkommen den deutsch-türkischen Verstimmungen am Ende der Kohl-Ära zum Opfer, als es nicht zur parlamentarischen Ratifizierung kam.

    Gestern unterzeichneten die Außenminister der Türkei und Deutschlands, Frank-Walter Steinmeier und Ali Babacan, die Gründungsvereinbarung für die Stiftung einer deutsch-türkischen Universität in Istanbul. Sie ist zunächst ausgelegt auf 500 Studierende der Ingenieur-, Wirtschafts-, Sozial-, Rechts- und Kulturwissenschaften. Der Gründung gingen mehrere vergebliche Versuche voraus; zuletzt fiel 1997 ein bereits von beiden Seiten unterzeichnetes Abkommen den deutsch-türkischen Verstimmungen am Ende der Kohl-Ära zum Opfer, als es nicht zur parlamentarischen Ratifizierung kam.

    Mitte 2006 wurde der Plan wiederbelebt. Auswärtiges Amt und Bildungsministerium verständigten sich mit der türkischen Seite auf die Einsetzung einer gemeinsamen Expertenkommission zur Konkretisierung des Projektes. Unter dem Druck der Kulturkampfatmosphäre hatte sich in Berlin und Ankara die Einsicht durchgesetzt, deutschen Überfremdungsängsten und islamistisch eingefärbtem türkischen Nationalismus durch bessere Bildungsangebote entgegenzuwirken.

    „Überwindung kultureller und religiöser Missverständnisse“

    Schon vor dem Ausbruch des gegenseitigen Misstrauens nach dem Feuer in Ludwigshafen gab es zahlreiche deutsch-türkische Annäherungen in Form von Projektpartnerschaften, akademischem Austausch und vermehrten Integrationsbemühungen der Bundesregierung. Vor allem der Streit um die Mohammed-Karikaturen hatte gezeigt, wie kulturelle und religiöse Sichtweisen und Gefühlswelten unterschiedlich wahrgenommen werden können. Offenkundig lag hier der gefährliche Treibstoff für fundamentalistische und extremistische Angriffe auf die westliche Zivilisation.

    Im September 2006 kündigten Steinmeier und sein damaliger türkischer Kollege Abdullah Gül, heute Staatspräsident, in einem gemeinsamen Namensartikel zum Karikaturenstreit in der BILD-Zeitung und im türkischen Massenblatt „Hürriyet“ eine nachhaltige Intensivierung der Zusammenarbeit zur „Überwindung kultureller und religiöser Missverständnisse“ an. Das war der Beginn der „Ernst-Reuter-Initiative für Dialog und Verständigung zwischen den Kulturen“, einer deutsch-türkischen Einrichtung mit dem Ziel, „kulturelles Selbstbewusstsein statt Uniformität“ zu fördern und eine „Debatte über die zentralen Grundwerte Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit“ zu führen. In diese Initiative bringen sich Repräsentanten aus Wirtschaft und Medien, Kunst und Kultur, Bildung und Wissenschaft ein, die Ideen, Projekte und Programme unterstützen und durch öffentliche Aufmerksamkeit Breitenwirkung erzielen wollen. Ihr „Leuchtturmprojekt“ ist die Stiftung der deutsch-türkischen Universität.

    Der Name Ernst Reuter ist Programm – Programm für die Wiederaufnahme einer engen und vertrauensvollen Beziehung zwischen Türken und Deutschen auf kulturellem und politischem Gebiet, ungeachtet unterschiedlicher religiöser Überzeugungen. Reuter, der Regierende Bürgermeister Berlins während der Luftbrücke, gehörte wie Paul Hindemith, George Tabori oder Wilhelm Röpke zu jenen durch die Nazis verfolgten Deutschen, die in den Dreißigern und Vierzigern im türkischen Exil Schutz suchten. Zehn Jahre lebte er in Ankara, wo er als Berater im türkischen Wirtschaftsministerium die kommunale Selbstverwaltung einführte und als Dozent für Städtebau und Stadtplanung an der Verwaltungsakademie lehrte. Reuter und viele andere deutsche Emigranten beteiligten sich zwischen 1933 und 1945 am Aufbau des jungen laizistischen Staates. Auch führten sie die Universitäten in Ankara und Istanbul an das europäische wissenschaftliche Niveau heran. Sie alle sind unvergessen und begründeten den guten Ruf der Deutschen. Trotz der gewachsenen Problemlasten und trotz des nachlässigen Umgangs mit diesem Kapital ist die Deutschfreundlichkeit der Türken auch heute noch allenthalben zu spüren.

    Politische Versäumnisse aus Gleichgültigkeit und ideologischen Vorbehalten wirkten sich langfristig vor allem in der Bildungspolitik aus. Gewiss, es gibt 7 000 türkische Studenten an deutschen Hochschulen und etwa 400 studentische Austauschprogramme, dazu Forschungskooperationen zwischen einigen deutschen und türkischen Universitäten. Seit 2001 ist die Türkei zudem Mitglied des Bologna-Prozesses, das heißt Teil des bis 2010 zu schaffenden gemeinsamen Hochschulraums, was die Rahmenbedingungen für das Studium im Ausland weiter erleichtert.

    Doch das alles ist nicht allzu viel und zeugt eher von vertanen Möglichkeiten. Die angelsächsische Dominanz auf dem Bildungssektor ist überwältigend. Deutsch ist die Sprache der Arbeiter, Englisch die der Gebildeten; zwanzig amerikanische Colleges schöpfen die Elite des türkischen Nachwuchses ab. Die Besten gehen zum Studium in die Vereinigten Staaten, nur wenige nach Hamburg oder München – auch wenn bei türkischen Studenten die deutschen Hochschulen in Europa den Spitzenplatz der Beliebtheit einnehmen, vor den Niederlanden, Frankreich und Italien. Die selbstkritische Erkenntnis muss lauten: Obwohl viele Türken jahrelang an Rhein und Elbe arbeiteten und in engen Kontakt mit Sprache und Kultur kamen, und obwohl über zwei Millionen Türken in Deutschland leben, die alle über verwandtschaftliche Beziehungen in ihre Heimat verfügen, wurde das Beliebtheitskapital verschleudert.

    Beginn einer stärkeren Präsenz am Bosporus

    Die neue deutsch-türkische Universität wird vorerst kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein, aber mit ihr beginnt eine stärkere kulturelle und politische Präsens Deutschlands in der Türkei. Zum einen sind 2 500 deutsche Firmen in der Türkei tätig. Bei einem jährlich zehnprozentigen Wachstum des Außenhandels ist der Bedarf an gut ausgebildetem Personal mit kulturellem Verständnis bei den deutschen Unternehmen groß und muss gedeckt werden. Zum anderen muss mit Blick auf das aktuelle Konfliktpotenzial zwischen Abendland und Morgenland die Vernetzung türkischer und deutscher Interessen über das Ökonomische hinausgehen. Die Zukunftschancen liegen im Aufbau einer internationalen Lerngemeinschaft, wie Steinmeier und Rita Süssmuth es in einem gemeinsamen Papier ausdrückten. 85 türkische Hochschulen können nur einem Drittel der 700 000 Schulabsolventen einen Studienplatz anbieten. Der Bedarf für qualifizierte Hochschulausbildung ist riesig, nimmt zu. Junge Türken mit Deutsch als zweiter Fremdsprache werden deutsche Bildungsangebote gern annehmen.

    Es gibt viel Potenzial für einen deutsch-türkischen Beitrag zum interkulturellen Ausgleich, meinen nicht nur der Außenminister und Annette Schavan, die Bildungsministerin. Auch der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan will die neue gemeinsame Universität, will den Dialog. Wenn er vor drei Monaten seine Landsleute in Deutschland aufforderte, sich zu integrieren, aber nicht zu assimilieren, so ist das Ausdruck der Furcht, die religiöse Identität der ohnehin zu spät gekommenen Nation zu verlieren. Das ist es, was die areligiöse christliche Gesellschaft als erstes vom interkulturellen Dialog lernen muss.

    Von Rüdiger Drews