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    Designerbabys auf dem Vormarsch

    „Ich war so frei und habe alle potenziell abträglichen Beschwerden ausgeschaltet. Vorzeitige Kahlheit, Kurzsichtigkeit, Alkoholismus und Suchtanfälligkeit, Neigung zu Gewalt, Fettleibigkeit. Nach der Überprüfung blieben, wie sie sehen, zwei gesunde Jungen und zwei sehr gesunde Mädchen übrig (...). Sie müssen nur noch den passenden Kandidaten aussuchen“, erklärt der Keimbahningenieur in dem Science-Fiction-Thriller „Gattaca“ dem jungen Paar, das dabei ist, eine Familie zu gründen. Als Gattaca vor rund zehn Jahren in die Kinos kam, schienen Designer-Babies noch in so weiter Ferne zu liegen, dass der neuseeländische Regisseur Andrew Niccols die Handlung seines meisterhaften Debüts in einer Zukunft ansiedelte, in der sich die Menschheit auf den ersten bemannten Raumflug zum Saturn vorbereitet.

    „Ich war so frei und habe alle potenziell abträglichen Beschwerden ausgeschaltet. Vorzeitige Kahlheit, Kurzsichtigkeit, Alkoholismus und Suchtanfälligkeit, Neigung zu Gewalt, Fettleibigkeit. Nach der Überprüfung blieben, wie sie sehen, zwei gesunde Jungen und zwei sehr gesunde Mädchen übrig (...). Sie müssen nur noch den passenden Kandidaten aussuchen“, erklärt der Keimbahningenieur in dem Science-Fiction-Thriller „Gattaca“ dem jungen Paar, das dabei ist, eine Familie zu gründen. Als Gattaca vor rund zehn Jahren in die Kinos kam, schienen Designer-Babies noch in so weiter Ferne zu liegen, dass der neuseeländische Regisseur Andrew Niccols die Handlung seines meisterhaften Debüts in einer Zukunft ansiedelte, in der sich die Menschheit auf den ersten bemannten Raumflug zum Saturn vorbereitet.

    Nun ist Niccols Zukunftsvision Wirklichkeit geworden. Denn in diesen Tagen wird in einem Londoner Krankenhaus erstmals ein im Labor erzeugtes Kind das Licht der Welt erblicken, das ohne eines der so genannten Risiko-Gene für Brustkrebs geboren wird. Die Eltern hatten sich, obwohl sie selbst zeugungsfähig sind, für eine künstliche Befruchtung entschieden, nachdem in der Familie des Vaters Frauen aus drei Generationen an Brustkrebs erkrankt waren. Um das Brustkrebsrisiko-Gen-freie Kind zu schaffen, erzeugten Ärzte um den Reproduktionsmediziner Paul Serhal vom University College Hospital in London zunächst elf Embryonen in der Petrischale und unterzogen diese anschließend einer Präimplantationsdiagnostik (PID). Bei der in Deutschland und Österreich bislang verbotenen PID werden künstlich erzeugte Embryonen vor der Übertragung in den Mutterleib im 4- bis 8-Zellstadium einem Gen-Check unterzogen. Ziel der Untersuchung ist es, nur solche Embryonen zu transferieren, die genetisch unbedenklich erscheinen.

    Das Ergebnis in diesem Fall: Sechs der elf Embryonen wiesen eine vererbbare Mutation des Gen BRAC-1 auf. Frauen mit einem solch mutierten Gen besitzen nach den Erkenntnissen der Wissenschaft ein deutlich erhöhtes Brustkrebs-Risiko. Im dem vorliegenden Fall bezifferte das Ärzteteam, die Wahrscheinlichkeit, dass eine Tochter des Paares, die das mutierte Gen erbt, im Verlauf ihres Lebens an Brustkrebs erkrankt, auf 50 bis 85 Prozent. Weil aber auch ein Sohn dieses Gen hätte weitervererben können, töteten die Reproduktionsmediziner gleich alle sechs Embryonen, bei denen das mutierte BRAC-1-Gen diagnostiziert wurde. „Wir haben den Defekt aus dem Familienstammbaum getilgt“, kommentierte Serhal die Tat.

    Von den verbleibenden fünf Embryonen implantierten die Mediziner der 27-jährigen Mutter zwei. Von diesen zweien nistete sich nur einer erfolgreich in der Gebärmutter ein. „Wir sind in eine neue Ära eingetreten“, kommentierte Serhal den Eingriff seines Teams. Es gebe Familien, die seit Generationen unter einem „genetischen Fluch“ litten. Ihnen könne nun geholfen werden. Der Reproduktionsmediziner räumte allerdings auch ein, dass Frauen auch dann an Brustkrebs erkranken könnten, wenn sie nicht Träger des mutierten BRAC-1- oder des verwandten BRAC-2-Gens seien. Krebsforscher gehen davon aus, dass beide Gene lediglich für fünf bis zehn Prozent der Brustkrebserkrankungen verantwortlich zeichnen.

    Kritik an seinem Vorgehen bezeichnet Serhal als „Unsinn“. Ein möglicher Missbrauch dürfe den Fortschritt der Wissenschaft nicht behindern. Offensichtlich geht es Serhal aber gar nicht ausschließlich darum, mit der Selektion von Embryonen das Risiko von Frauen, an Brustkrebs zu erkranken, zu verringern. Einer Krankheit, die heute zwar viel besser bekämpft werden kann als zu früheren Zeiten, die aber dennoch in jedem Fall für die betroffenen Frauen und ihre Familien immenses Leid bedeuten kann.

    Denn Serhal ist schon längst einen Schritt weitergegangen. Von der zuständigen Aufsichtsbehörde, der „Human Fertilisation and Embryology Authority“, ließ sich der Reproduktionsmediziner jetzt die „Behandlung“ eines ebenfalls zeugungsfähigen Paares genehmigen, dass an einem pathologisch hohen Cholesterinspiegel leidet und mittels künstlicher Befruchtung und anschließender PID sicherstellen will, dass sein Nachwuchs ohne ein solch nachteiliges Gen geboren wird. Das zeigt: In Verbindung mit der PID werden die Methoden der künstlichen Befruchtung immer häufiger auch von zeugungsfähigen Paaren genutzt, die sich Kinder mit einer gewünschten genetischen Ausstattung zulegen wollen.

    Das bislang häufigste Selektionskriterium: Ein Kind mit dem erwünschten Geschlecht. Bereits vor vier Jahren gab es erste deutliche Hinweise darauf, dass die PID geeignet ist, aus der künstlichen Befruchtung eine Methode der Zeugung für jedermann zu machen. Damals zeigte eine von der „European Society of Human Reproduction and Embryology“ erhobene Studie nicht nur, dass die PID längst zur Geschlechtsselektion genutzt wurde, sondern auch, dass es in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle fruchtbare Paare waren, die sich dieser Möglichkeit wegen in die Hände von Babymachern begaben.

    Und je mehr die Genforschung über das menschliche Erbgut in Erfahrung bringt, desto mehr Einsatzmöglichkeiten wird es für die PID geben. Der Wiener Genetiker Markus Hengstschläger hat sich deshalb jetzt gegen eine Zulassung der PID in Österreich gewandt: „Würde man die PID hier erlauben, würde man irgendwann auch Embryos als unbrauchbar einstufen, nur weil sie wegen einer Gen-Mutation ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall aufweisen“, so Hengstschläger.

    In Deutschland forderte dagegen die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) die Aufhebung des Verbots der PID: In einem Kommentar bezeichnete WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz die Genmedizin samt PID als „Segen“. Dabei räumte er durchaus ein, dass der Preis hoch sei: „Reagenzglasembryonen werden vernichtet, und wir greifen in den Bauplan des Lebens ein.“ Aber dieser Bauplan sei nicht endgültig. Das wisse auch „der liebe Gott“. Deshalb ziehe auch „der Einwand, am Ende stünden Designerbabys“ nicht. Jede Gesellschaft müsse zu jeder Zeit neu über die „Grenzen des Fortschritts“ entscheiden. Ob dies der Auftakt einer neuen Debatte in Deutschland ist, wird sich zeigen müssen. Fest steht nur: Die Reproduktionsmediziner scharren längst mit den Hufen.

    Von Stefan Rehder