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    „Der demokratische Prozess ist in Gefahr“

    In einer ersten Stellungnahme haben Sie Ihrer „Sorge um den Frieden und die Demokratie“ in Lateinamerika Ausdruck verliehen. Worauf gründet diese Sorge?

    In einer ersten Stellungnahme haben Sie Ihrer „Sorge um den Frieden und die Demokratie“ in Lateinamerika Ausdruck verliehen. Worauf gründet diese Sorge?

    Es ist entscheidend, dass der demokratische Prozess nicht nur in Honduras, sondern auch im übrigen Lateinamerika weitergeführt wird. Dieser Prozess ist aus unserer Sicht in Gefahr. Leider sind die demokratischen Institutionen in den meisten lateinamerikanischen Staaten noch immer schwach ausgebildet und damit immer wieder angreifbar. Das ist einer der tiefergehenden Gründe für den Staatsstreich in Honduras. Unsere Haltung bei Adveniat ist, dass die Demokratie respektiert werden muss und die künftige Entwicklung ohne Blutvergießen und ohne Verletzung der Menschenwürde weitergehen soll.

    Welche Haltung vertritt die Kirche in Honduras zur Absetzung Zelayas?

    Aufgabe der Kirche ist es, auf der Seite der Bevölkerung zu stehen, und die ist in dieser Krise der eigentliche Leidtragende. Aus diesem Grund hatten sich die honduranischen Bischöfe bereits in einer Erklärung am 19. Juni dafür ausgesprochen, das Volk am Prozess der Verfassungsänderung, den Zelaya angestrengt hat, stärker zu beteiligen. Nun fordert die Kirche Aufklärung über die genauen Umstände der Absetzung. Besonders wichtig ist ihr, dass eine Eskalation der Gewalt vermieden und weiteres Blutvergießen verhindert wird. Langfristig setzt sich die Kirche für einen nationalen Dialog unter Beteiligung der gesamten Gesellschaft ein, um die Ursachen der Krise zu beheben.

    Welchen Beitrag kann die Kirche zur Herausbildung einer neuen politischen Ethik in Honduras und Lateinamerika leisten?

    Es ist wichtig – und das hat der Vorsitzende der Bischofskonferenz in Honduras, Kardinal Maradiaga, in vielen Reden angemahnt – dass die Kirche Menschen, die ein Amt, einen Dienst in der Politik innehaben, einlädt, um ihnen die Prinzipien der christlichen Soziallehre näher zu bringen. Die Diözesen in Lateinamerika entwickeln Programme für Politiker, auch für junge Menschen, die in die Politik streben, damit sie sich mit sozialen und ethischen Fragestellungen auseinandersetzen. Die politische Elite Lateinamerikas muss lernen, dass Demokratie heißt: Herrschaft des Volkes – und nicht: Herrschaft einiger weniger. Man muss die Stimme des Volkes achten und einbeziehen so, wie sie sich ausdrückt: in Wahlen, auch in Parteien und Bürgerbewegungen. Das ist ein Lernprozess und muss in Lateinamerika immer wieder neu angegangen werden. Wir haben uns in Deutschland auch lange schwer getan; das demokratische Lernen hat auch bei uns Zeit gebraucht.

    Wie schätzen Sie die Zukunft in Honduras ein?

    Es hängt jetzt vieles ab von den Personen, die Verantwortung tragen im politischen Raum, auch im wirtschaftlichen und sozialen Bereich. Als Kirche ist es unsere Aufgabe, deutlich zu machen: Es muss in den Ländern Lateinamerikas einen gesellschaftlichen Prozess der Solidarisierung geben. Dazu gehören soziale Umschichtungen – nicht nur im materiellen Sinne, sondern Umschichtungen auch der Macht. Es müssen mehr Menschen, mehr gesellschaftliche Institutionen an politischen Entscheidungen beteiligt werden. Es gibt noch immer viele Länder Lateinamerikas, in denen der jeweilige Präsident meint, er sei absoluter Herrscher, und ihm diese Machtfülle auch von der Verfassung zugeschrieben wird. Demokratie aber bedeutet Gewaltenteilung: Judikative, Legislative und Exekutive gemeinsam können, in einem ausgewogenen Zusammenspiel, vieles zum Wohl der Menschen bewirken. Auch das – ein Lernprozess in Lateinamerika.

    Von Anja Kordik