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    Der Schokoladenkönig liegt vorn

    Es herrscht Wahlkampf in der Ukraine, am Sonntag wird gewählt. Die Korruptionsbekämpfung ist ein wichtiges Thema, auch Russland, Europa und die Verteidigung. Die Kampagne läuft aber auf Sparflamme. Wahlplakate fallen kaum ins Auge, Wahlveranstaltungen sind selten. Wahlkampfhelfer verteilen vor den Ständen der Kandidaten Flyer, Kalender und Programme.

    „Schokoladenkönig“ Petro Poroschenko, der mutmaßlich nächste Präsident der Ukraine, besuchte Bundeskanzlerin Angela Merk... Foto: dpa

    Es herrscht Wahlkampf in der Ukraine, am Sonntag wird gewählt. Die Korruptionsbekämpfung ist ein wichtiges Thema, auch Russland, Europa und die Verteidigung. Die Kampagne läuft aber auf Sparflamme. Wahlplakate fallen kaum ins Auge, Wahlveranstaltungen sind selten. Wahlkampfhelfer verteilen vor den Ständen der Kandidaten Flyer, Kalender und Programme.

    Das ist aber kein Zeichen für fehlendes Interesse oder für eine geringe Wahlbeteiligung. Nicht weniger als 79 Prozent wollen sich an der Wahl beteiligen, in der West- und Zentralukraine sogar über 90 Prozent. Die Hoffnung, dass sich die Lage nach der Wahl stabilisiert, ist groß. Glaubt man den Meinungsumfragen, gibt es nur eine spannende Frage: Werden die Wahlen bereits in der ersten Runde entschieden oder findet eine Stichwahl statt? Der Sieger scheint festzustehen: der milliardenschwere Unternehmer und Politiker Petro Poroschenko. Man nennt ihn den „Schokoladenkönig“, sein Imperium reicht aber vom Schiffsbau bis zum Mediengeschäft. Er gilt als „guter Oligarch“, sein TV-Sender „Kanal 5“ war bei der Orangen Revolution 2004 als auch bei den Protesten gegen das Janukowitsch-Regime fast der einzige, der von Anfang an über die Ereignisse objektiv informierte.

    Der junge Mann in dem kleinen roten Zelt auf dem Freiheitsboulevard in Lemberg schwitzt. Etwas gelangweilt versucht der Wahlhelfer mit einem älteren Herrn über den Kandidaten zu diskutieren. Es gebe keine „idealen Kandidaten“, können sich die beiden bald einigen. Wichtig sei, dass Poroschenko die Gesellschaft nicht polarisiere. Und er könne mit anderen Staatsoberhäuptern ohne Dolmetscher sprechen. Poroschenko spricht nämlich fließend Englisch und war schon einmal Außenminister.

    Er wirbt für „ein neues Leben“ und für einen Neuanfang, verspricht, gegen die Korruption zu kämpfen. Die Unternehmer sollen Steuern zahlen, und nicht Schutzgelder an die korrupten Beamten. Auch Gerichte, Polizei, Finanzamt und Zoll sollen von der Korruptionsplage befreit werden. Das hört sich gut und richtig an. Die anderen Kandidaten schlagen ähnliche Töne an. Viele hoffen, dass Poroschenko die weitere Spaltung des Landes verhindern kann. Immerhin denkt ein Drittel der ukrainischen Wähler so, wie jüngste Meinungsumfragen zeigen. Bei Julia Timoschenko sieht es anders aus. Sie scheint die neuen Tendenzen der Zeit nicht verstanden zu haben und läuft ihrer ehemaligen Popularität hinterher. Neue Ideen hat man von ihr zuletzt nicht gehört. Der alte Zopf auf den Schwarz-Weiß-Fotos ist zurück, das Vertrauen ist weg. Sie polarisiert immer noch stark, und das bringt ihr keine neuen Wähler. Als Gegenkandidatin zu Janukowitsch war sie zwar für viele umstritten, aber noch gut genug. Sobald der ehemalige Präsident geflüchtet und von der politischen Bühne verschwunden war, sind ihre Umfragewerte in den Keller gerutscht. Selbst der zweite Rang, den sie im Moment mit gerade 8,4 Prozent belegt, ist ihr nicht mehr sicher.

    Den kann ihr der frühere Verteidigungsminister Anatolij Hrytsenko noch streitig machen. Er wird als Gegenpol zu allen anderen Kandidaten gesehen. Er gilt als ehrlich, aber gleichzeitig als zu direkt und zu wenig diplomatisch. 40 Prozent der Wähler glauben, dass er am wenigsten korrupt ist, und fast die Hälfte, dass er Russland am besten die Stirn bieten kann. Zuletzt hat er stark an Popularität gewonnen. Es ist vielleicht die Suche nach den neuen Gesichtern, die die Menschen treibt.

    Die einst im Osten so starke „Partei der Regionen“ steht nun ziemlich ratlos vor einem Scherbenhaufen. Einige ihrer Vertreter unterstützen – genauso wie die Kommunisten – die Separatisten im Donbass, andere versuchen, sich vom früheren System zu distanzieren. Nach neuen Gesichtern sucht man hier vergebens. So kann Poroschenko auch im Osten punkten.

    Kaum noch präsent sind dagegen die Nationalisten. Der Spitzenkandidat von „Swoboda“ Oleh Tjahnybok liegt in den jüngsten Umfragen bei 0,7 Prozent, knapp vor dem anderen Kandidaten vom rechten Flügel, dem Parteichef des von der russischen Propaganda verteufelten „Rechten Sektors“, Dmytro Jarosch. Selbst in der vermeintlich nationalistischen Westukraine bekommen die beiden kaum mehr Zuspruch. Die Zeiten, da „Swoboda“ bei den Kommunalwahlen 2010 in Galizien einen Erdrutschsieg eingefahren und zwei Jahre später ins nationale Parlament eingezogen ist, scheinen vorbei zu sein. Die einst von der aggressiven und provozierenden Politik der „Partei der Regionen“ verunsicherten Protestwähler haben ihr den Rücken gekehrt.

    Das größte Problem wird es sein, die Wahlen im Donbass durchzuführen. Es ist jetzt schon klar, dass dort viele Wahllokale nicht öffnen werden. Sie werden von Separatisten blockiert, Mitglieder der Wahlkommissionen werden eingeschüchtert. Aber auch die Stimmung in der Bevölkerung im Donbass ist anders – rund die Hälfte will gar nicht zur Wahl gehen. Dies wird für Russland ein willkommener Anlass sein, um die ukrainischen Wahlen nicht anzuerkennen.