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    Der Papst erklärt Europas Seele

    Straßburg (DT) Der Papst habe Europa die Leviten gelesen, hieß es später in mehreren Kommentaren. Tatsächlich hat Franziskus am Dienstag in zwei großen Reden vor dem Europäischen Parlament wie anschließend im Europarat in Straßburg viel tiefer und visionärer angesetzt: Gemeinsam ein Europa aufzubauen, „das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person“, das war der zentrale Appell vor den Vertretern der Europäischen Union. Sowohl hier, im direkt gewählten Parlament der 28 Staaten umfassenden Union, als auch im Europarat mit seinen 47 Mitgliedstaaten erklärte ein nachdenklicher, intellektueller Papst Franziskus seine Vision von Europa anhand zahlreicher aktueller Herausforderungen: von der Jugendarbeitslosigkeit, der Familienpolitik und dem Umweltschutz bis zum Umgang mit den Migranten und Europas Rolle in einer globalisierten und dynamischen Welt.

    Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Johannes Paul II. sprach am Dienstagmittag wieder ein Papst vor dem Europäischen Pa... Foto: EP

    Straßburg (DT) Der Papst habe Europa die Leviten gelesen, hieß es später in mehreren Kommentaren. Tatsächlich hat Franziskus am Dienstag in zwei großen Reden vor dem Europäischen Parlament wie anschließend im Europarat in Straßburg viel tiefer und visionärer angesetzt: Gemeinsam ein Europa aufzubauen, „das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person“, das war der zentrale Appell vor den Vertretern der Europäischen Union. Sowohl hier, im direkt gewählten Parlament der 28 Staaten umfassenden Union, als auch im Europarat mit seinen 47 Mitgliedstaaten erklärte ein nachdenklicher, intellektueller Papst Franziskus seine Vision von Europa anhand zahlreicher aktueller Herausforderungen: von der Jugendarbeitslosigkeit, der Familienpolitik und dem Umweltschutz bis zum Umgang mit den Migranten und Europas Rolle in einer globalisierten und dynamischen Welt.

    Auch wenn die Alitalia-Maschine, mit der Franziskus auf dem kleinen Regionalflughafen Strasbourg-Entzheim landete, neben der vatikanischen Flagge die französische Tricolore statt eines Sternenkranzes auf blauem Grund trug, auch wenn das mit „SCV-1“ geschmückte Papamobil in diesem Fall ein Peugeot sein musste: Der vierstündige Aufenthalt des Papstes im elsässischen Straßburg war kein Pastoralbesuch in Frankreich, sondern ein Auftritt vor den Gremien des vereinten Europa.

    Die Initiative dazu war von Martin Schulz (SPD), dem jüngst wiedergewählten Präsidenten des Europäischen Parlaments ausgegangen. Und es war Schulz, der Franziskus auffallend herzlich durch das Europaparlament führte und im Plenum ausdrücklich mit „Heiligkeit“ und „Heiliger Vater“ ansprach. Der Papst traf hier nicht nur mit der gesamten Führungsriege der Europäischen Union zusammen – neben den Granden des Europaparlaments waren auch EU-Ratspräsident Herman van Rompuy, Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Außenbeauftragte Federica Mogherini und Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi (als gerade amtierender EU-Ratsvorsitzender) zugegen. Schulz, der Franziskus nie von der Seite wich, hatte für den Papst auch ein sehr persönliches – überraschendes – Wiedersehen arrangiert: Die heute 97-jährige Helma Schmidt, die den damaligen Pater Jorge Bergoglio vor 28 Jahren in Deutschland beherbergt hatte, durfte einige Minuten mit dem Heiligen Vater plaudern.

    Im Plenarsaal des Europaparlaments würdigte Martin Schulz die Rede Johannes Pauls II. vor diesem Gremium im Jahr 1988, die „ein Meilenstein auf dem Weg zum Fall des Eisernen Vorhangs und des Beginns der Wiedervereinigung Europas“ gewesen sei. Der Parlamentspräsident verwies zugleich auf die „dramatische und beispiellose Krise“ der vergangenen Jahre, auf den „Vertrauensverlust der Menschen den Institutionen gegenüber“, auf die Herausforderungen durch Migration, Jugendarbeitslosigkeit und die „ungleiche Verteilung von Reichtum und Lebenschancen“. Vor wie nochmals nach der Rede des Papstes sagte der sozialdemokratische Parlamentspräsident an den Gast aus Rom gewandt: „Ihre Worte bieten Orientierung in Zeiten der Orientierungslosigkeit.“ Schulz erinnerte auch an das Migrantenschicksal der Familie Bergoglio, die Europa einst verließ, um in Südamerika eine neue Heimat zu finden. Die Geschichte dieses Papstes könne „uns als Vorbild dienen und Europa helfen, sich zu erneuern und zu reformieren“.

    Der Papst rief in seiner Rede dazu auf, „Vertrauen auf den Menschen“ zu setzen, „und zwar weniger als Bürger und auch nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern auf den Menschen als eine mit transzendenter Würde begabte Person“. Allzu oft würden Menschen als Objekte behandelt: „weil sie schwach, krank oder alt geworden sind“, wenn ihnen das Notwendigste zum Leben fehlt oder eine Arbeit. „Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden“, sagte Franziskus und nannte in diesem Zusammenhang die Kranken im Endstadium, die verlassenen Alten und die „Kinder, die vor der Geburt getötet werden“ als Beispiele einer „Wegwerf-Kultur“.

    Der Papst appellierte an Europa, sich dem Transzendenten zu öffnen, weil es sonst seine Seele verliere. Er erinnerte an die Verfolgungen, „die täglich die religiösen und besonders die christlichen Minderheiten in verschiedenen Teilen der Welt treffen“, an die „geeinte, fruchtbare und unauflösliche Familie“ als „grundlegende Zelle und kostbarer Bestandteil jeder Gesellschaft“, an die Millionen Menschen, die den Hungertod sterben, „während jeden Tag Tonnen von Lebensmitteln von unseren Tischen weggeworfen werden“. Er forderte die EU auf, das Migrationsproblem gemeinsam anzugehen, dabei „in aller Klarheit die eigene kulturelle Identität vorzulegen“ und auch auf die Ursachen von Migration einzugehen.

    Wider die Globalisierung der Gleichgültigkeit

    Franziskus erklärte den Parlamentariern auch ihre eigene Aufgabe: „die europäische Identität zu bewahren und wachsen zu lassen“, damit die Bürger wieder Vertrauen gewinnen können, „daran zu arbeiten, dass Europa seine gute Seele wiederentdeckt“. Ähnlich erinnerte der Papst später im nahegelegenen Plenarsaal des Europarates, in dem schon 1988 Johannes Paul II. sprach, daran, dass der „Schlussstein der Mission des Europarates“ noch nicht gesetzt ist: „Europa wiederherzustellen in einem Geist gegenseitigen Dienstes“. Hier wie zuvor im Europaparlament warnte der Papst vor einer individualistischen, letztlich egoistischen Fehlinterpretation der Menschenrechte, was nur die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ fördere, die soziale Dimension verkenne, menschlich arm und kulturell unfruchtbar mache. Im Europarat malte Franziskus das Bild eines vielfältiger und multipolar gewordenen Europa, das nur durch die Wiederentdeckung seines historischen Erbes und der Tiefe seiner Wurzeln fähig werden kann, die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen. In einer an die Enzyklika „Fides et ratio“ und an Papst Benedikts Regensburger Rede erinnernden Passage seiner Rede erklärte Franziskus, wie Vernunft und Glaube, Religion und Gesellschaft berufen seien, „einander zu erhellen, indem sie sich gegenseitig unterstützen und sich wechselseitig von den ideologischen Extremismen läutern“.

    „Sie sind eine große Inspiration für uns!“, sagte der Generalsekretär des Europarates, Thorbjörn Jagland, an Franziskus gewandt. Der Europarat begrüße, dass der Papst den Menschen in den Mittelpunkt stelle, insbesondere den Ausgegrenzten, der keine Gefahr für die Gesellschaft sei, sondern eine ungenutzte Ressource. Die Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Anne Brasseur, meinte nach der Papstrede, Franziskus habe erneut „eine Kultur der Gleichgültigkeit“ verurteilt, die eine Form der Intoleranz sei. Die religiöse Dimension des interkulturellen Dialogs sei wichtiger denn je und dem Europarat ein zentrales Anliegen. Auch gelte es heute, jene Kräfte Lügen zu strafen, die Religion zur Quelle von Gewalt machen.

    Der Papst habe deutlich gemacht, „dass das Evangelium eine Quelle der Inspiration für ein multikulturelles Europa“ sein könne, meinte am Ende der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Er gehörte als Präsident der COMECE, der Konferenz der Bischofskonferenzen in der EU, in Straßburg ebenso zum päpstlichen Gefolge wie Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und der Präsident des Rates des Europäischen Bischofskonferenzen, der ungarische Kardinal Péter Erdö. Gastgeber Martin Schulz meinte bilanzierend, der Papst habe mit seinen Reden die Herzen seiner Zuhörer erreicht.

    (Siehe Seiten 2, 5-9, 15)