• aktualisiert:

    „Der IS ist der Feind der Menschheit“

    Assads Bild prangt am Kriegerdenkmal auf dem Dorfplatz. Riesige syrische Flaggen flattern im Wind. Man ist in Syrien. Atmosphärisch und völkerrechtlich jedenfalls. Denn der drusische Ort Maschdal Schams liegt auf dem von Israel 1967 eroberten und später annektierten Golan. Die internationale Gemeinschaft hat dies aber nie anerkannt. Auch die drusischen Bewohner sehen sich als Syrer und haben noch immer den syrischen Pass. Und Syrien will den Golan ohnehin bis auf den letzten fußbreit Boden zurück. Der Grenzzaun verläuft direkt am Ortsrand des Dorfes und trennt Syrien von Syrien. Hunderte Drusen sind in dieser Woche in Maschdal Schams und direkt am Grenzzaun zusammengekommen, um für ihre von islamischen Extremisten bedrohten Glaubensbrüder auf der anderen Seite zu demonstrieren. Sie halten die bunte Fahne der drusischen Nation in der Hand. Laute Sprechchöre ertönen. Die Emotionen kochen. Das hat seinen Grund. Man kann von Maschdal Schams aus mit bloßem Auge sehen, wie das drusische Dorf Chader nahe der Grenze von Rebellen bedrängt wird. „Wir müssen unseren Brüdern helfen. Sie sind in höchster Gefahr“, sagt ein Mann aus Maschdal Schams. „Wir werden nicht zulassen, dass unsere Männer ermordet und unsere Frauen vergewaltigt werden wie die Jesiden im Irak.“

    Aufgeschreckt: In Maschdal Schams demonstrierten zahlreiche Drusen für ihre syrischen Glaubensbrüder. Foto: Maksan

    Assads Bild prangt am Kriegerdenkmal auf dem Dorfplatz. Riesige syrische Flaggen flattern im Wind. Man ist in Syrien. Atmosphärisch und völkerrechtlich jedenfalls. Denn der drusische Ort Maschdal Schams liegt auf dem von Israel 1967 eroberten und später annektierten Golan. Die internationale Gemeinschaft hat dies aber nie anerkannt. Auch die drusischen Bewohner sehen sich als Syrer und haben noch immer den syrischen Pass. Und Syrien will den Golan ohnehin bis auf den letzten fußbreit Boden zurück. Der Grenzzaun verläuft direkt am Ortsrand des Dorfes und trennt Syrien von Syrien. Hunderte Drusen sind in dieser Woche in Maschdal Schams und direkt am Grenzzaun zusammengekommen, um für ihre von islamischen Extremisten bedrohten Glaubensbrüder auf der anderen Seite zu demonstrieren. Sie halten die bunte Fahne der drusischen Nation in der Hand. Laute Sprechchöre ertönen. Die Emotionen kochen. Das hat seinen Grund. Man kann von Maschdal Schams aus mit bloßem Auge sehen, wie das drusische Dorf Chader nahe der Grenze von Rebellen bedrängt wird. „Wir müssen unseren Brüdern helfen. Sie sind in höchster Gefahr“, sagt ein Mann aus Maschdal Schams. „Wir werden nicht zulassen, dass unsere Männer ermordet und unsere Frauen vergewaltigt werden wie die Jesiden im Irak.“

    Aus zwei Gründen im Visier

    Aufgeschreckt wurde die im 11. Jahrhundert aus dem Islam hervorgegangene Gemeinschaft nach einem Massaker, das die mit Al Kaida verbundene An-Nusra-Front kürzlich in der Region Idlib im Norden Syriens verübt hatte. Über 20 Drusen wurden dabei ermordet. An Nusra entschuldigte sich danach dafür. Das Massaker sei ein Versehen gewesen. Der zuständige Kommandeur werde zur Rechenschaft gezogen werden. Vielleicht war das Massaker tatsächlich nicht im Sinne der Nusra-Führung. Denn diese will als Teil eines von den Türken und Saudis unterstützten Rebellenbündnisses im Westen derzeit nicht unnötige Ablehnung erzeugen. Doch die Drusen geben nicht viel darauf. Sie wissen, dass die Dschihadisten sie aus zwei Gründen im Visier haben: Weil sie Drusen sind und als Häretiker gelten, und weil man sie für Anhänger des Assad-Regimes hält. Das stimmt nur teilweise. Viele Drusen sehen Assad kritisch. Er habe die Drusen nur benutzt und letztlich auch nicht schützen können, meinen sie. Bekämpft haben sie ihn aber auch nicht. Andere wiederum bekennen sich angesichts der islamistischen Alternative jetzt noch lauter zu ihm.

    Noch mehr als An Nusra fürchten die Drusen derweil den „Islamischen Staat“. Dieser bedroht von Osten her das vom Krieg bislang weitgehend verschont gebliebene drusische Herzland, den Dschebel Ad Durus im Süden Syriens. Für einige Jahre hatte das Gebiet um Suwaida von der französischen Mandatsmacht in den zwanziger Jahren sogar Autonomie erhalten. 1936 wurde es Syrien wieder eingegliedert. Das militärisch ausgezehrte und auf allen Seiten unter Druck stehende Assad-Regime verliert derweil in der Gegend Stützpunkt um Stützpunkt. Die Region liegt damit zunehmend schutzlos da. Dabei leben 450 000 der vielleicht 700 000 syrischen Drusen hier. Auch viele drusische Flüchtlinge haben sich hierher geflüchtet.

    Damit fühlt sich die drusische Gemeinschaft in der Pflicht – über die Landesgrenzen hinweg. Die pandrusische Solidarität erwacht. Weit über eine Million Menschen bekennen sich im Nahen Osten zum drusischen Glauben, der unter anderem Elemente des schiitischen Islam sowie des Neuplatonismus verblendet. Man kann nur als Druse geboren werden. Konversion ist nicht möglich. Drusen aus den Nachbarländern wollen ihre Brüder in Syrien unterstützen, die sich zur Selbstverteidigung formieren. Aus dem Libanon sind bereits drusische Kämpfer unterwegs. Und auch in Israel will man helfen. „Das Problem ist nicht, dass sich unsere Brüder nicht verteidigen wollen. Kämpfer haben sie genug. Das Problem ist, dass ihnen die Waffen fehlen“, sagt Ayub Kara. Der israelische Druse gehört Netanjahus Likud an und ist Vize-Minister in seiner Regierung. Israels Drusen – etwa 130 000 Menschen – sind von Anfang an loyale Israelis gewesen. Anders als die arabischen Staatsbürger des Landes dienen sie mit Überzeugung in der Armee. Die Minderheit hat die Loyalität gegenüber dem jeweils herrschenden Regime zur Maxime ihres politischen Handelns erhoben. In Israel ist dies nicht anders als in Syrien. „Wir haben Geld für unsere Brüder gesammelt, damit sie Waffen kaufen können“, erzählt Kara weiter. Um Millionen Dollar soll es gehen. Über Jordanien sei das Geld transportiert worden. Kara legt im Gespräch aber großen Wert darauf, dass die Unterstützung von Israels Drusen, nicht von Israel komme. Er weiß: Unterstützung durch den Judenstaat käme einem Todeskuss gleich. Im Hass auf Israel sind sich Dschihadisten und Regime in Syrien einig.

    Israel will nicht in den Krieg verwickelt werden

    Und Israels Führung selbst will nicht direkt in den syrischen Krieg verwickelt werden. Oberste Maxime angesichts des Kriegs im Nachbarland war seit 2011 stets, sich strikt defensiv zu verhalten. Israel reagierte nur dann, wenn es glaubte, dass sich die Gewichte zu seinen Ungunsten verschieben könnten. So wurden beispielsweise mehrmals Ziele in Syrien von Israel bombardiert. Die Angriffe galten meist strategisch relevanten Waffen, die für die Hisbollah bestimmt waren. Auf dem Golan selbst ging es Israel darum, zu verhindern, dass die Hisbollah sich dort festsetzen würde, um neben dem Süd-Libanon eine weitere Front an der Grenze zu Israel aufbauen zu können. Stillschweigend, so Beobachter, habe Israel deshalb die Rebellen an seiner Grenze gewähren lassen, ja sogar unterstützt, um die Hisbollah und das Regime in Schach zu halten.

    „Alle Drusen würden gegen Dschihadisten kämpfen“

    Die Bedrohung der drusischen Gemeinschaft in Syrien indes setzt Jerusalem unter Druck. Vom drusischen Dilemma ist die Rede. Man will die loyale Gemeinschaft durch Untätigkeit schließlich nicht vom Staat entfremden. Auch will man angesichts möglicher drusischer Flüchtlingsströme in Richtung israelischer Grenze international nicht hartherzig erscheinen. Jerusalem hat sich deshalb zum Kompromiss entschlossen. Man hat die auftauchenden Forderungen israelischer Drusen abgelehnt, militärisch zugunsten der bedrängten Drusen zu intervenieren. Das hat Netanjahu klargemacht. Gleichzeitig gibt man sich selbst bezüglich humanitärer Hilfe offen. Israel hat sich bereits auf einen Ansturm von drusischen Flüchtlingen aus Chader und anderen Gebieten auf seine Grenze vorbereitet. Mehrere Szenarien spiele man durch, so Israels Armeechef Gadi Eisenkot dieser Tage. Am liebsten sähe Israel es, wenn die Drusen und andere Flüchtlinge in einer Schutzzone auf syrischer Seite verblieben. Nur in Ausnahmefällen will man die Grenze öffnen. Ohne Risiko, in den Konflikt verwickelt zu werden, ist eine Pufferzone indes auch nicht. Denn was nützt eine Schutzzone, wenn sie nicht geschützt wird?, fragen Israels Kommentatoren.

    Wäre die Grenze derweil in die andere Richtung offen, ist sich Ajub Kara sicher: „Alle Drusen aus Israel würden gegen die Dschihadisten kämpfen. Der IS ist der Feind der Menschheit. Sie sind wie die Nazis. Man muss sie bekämpfen bis zum letzten Mann.“