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    Der Gastkommentar: In dubio pro vita

    Auf dem Felde der Bioethik fällt es der Politik schwer, gänzlich widerspruchsfreie Entscheidungen zu treffen. Ein besonders eklatantes Beispiel dafür stellt der Stichtags-Beschluss des Deutschen Bundestages aus dem Jahre 2002 dar: Eine embryonale Stammzelle, die vor dem 1. Januar 2002 im Ausland gewonnen wurde, darf seither in Deutschland zu Forschungszwecken benutzt werden. Es wäre eine seltsame Moral, welche die Nutzung und damit Vernichtung solcher Stammzellen vollkommen unterschiedlich bewertet – je nachdem, in welchem Staat oder zu welchem Zeitpunkt sie entstanden sind.

    Auf dem Felde der Bioethik fällt es der Politik schwer, gänzlich widerspruchsfreie Entscheidungen zu treffen. Ein besonders eklatantes Beispiel dafür stellt der Stichtags-Beschluss des Deutschen Bundestages aus dem Jahre 2002 dar: Eine embryonale Stammzelle, die vor dem 1. Januar 2002 im Ausland gewonnen wurde, darf seither in Deutschland zu Forschungszwecken benutzt werden. Es wäre eine seltsame Moral, welche die Nutzung und damit Vernichtung solcher Stammzellen vollkommen unterschiedlich bewertet – je nachdem, in welchem Staat oder zu welchem Zeitpunkt sie entstanden sind.

    Die dem Kompromiss aus dem Jahre 2002 zugrunde liegende Frage, ob menschliches Leben bereits mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt, entzieht sich einer letztgültigen naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Auch die Bibel gibt uns darauf unmittelbar keine Antwort. Seit wir aber aus der Genetik wissen, dass für die menschliche Entwicklung das Erbgut von Mutter und Vater entscheidend ist, steht fest, dass der Verschmelzungsakt beider Zellen eine wichtige Zäsur in dieser Entwicklung ist. Bleibt auch eine gewisse Unsicherheit, so kann ich diese für mich nur nach der Klugheitsregel „in dubio pro vita“ auflösen, wonach im Zweifelsfalle von dem jeweils früheren Beginn des Lebens auszugehen ist.

    Der Gesetzgeber tut gut daran, sich dieser Klugheitsregel zu unterwerfen. Und er hat es auch bereits getan, als er 1990 im Embryonenschutzgesetz alle menschlichen Embryonen unter den Schutz des Strafrechts gestellt hat, gerade auch dann, wenn sie im Reagenzglas gezeugt worden sind. Das Embryonenschutzgesetz steht in einem rechtspolitisch äußerst unbefriedigenden Widerspruch zu der Erlaubnis des Stammzellenimportes. Wenn der Gesetzgeber bei seiner Prämisse des Jahres 1990 bleibt (oder zu ihr zurückkehren will), dass embryonales menschliches Leben den Schutz der Rechtsordnung verdient, so ist die Freigabe von Embryonen zur Forschung damit unvereinbar. Ein Embryo, der zu Forschungszwecken „verbraucht“ wird, wird dagegen zu einem bloßen Instrument, zu einem Objekt der Forschung herabgewürdigt. Deshalb ist es richtig, das Drängen nach einer Stichtagsverschiebung zum Anlass zu nehmen, den umfassenden Embryonenschutz in Deutschland wieder herzustellen und auf die Forschung an embryonalen Stammzellen zu verzichten.

    Von Günter Krings, MdB