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    Der Gastkommentar: Es geht um die „Fülle der Zeiten“

    Die Berichte zu der neuen Karfreitagsbitte „für die Juden“ haben verunklart, dass die Fürbitte von 1970 nach wie vor in allen Gemeinden zu beten ist – außer in jenen (wenigen), die die Tridentinische Messe feiern. Seit 1970 wird gebetet, der Herr möge das Volk Seines ersten Bundes in der Treue dazu bewahren und es zum Heil führen. Dagegen bittet die jetzige „außerordentliche“ Formulierung um anderes: um Erleuchtung, dass die Juden in der Fülle der Zeiten Christus erkennen mögen.

    Die Berichte zu der neuen Karfreitagsbitte „für die Juden“ haben verunklart, dass die Fürbitte von 1970 nach wie vor in allen Gemeinden zu beten ist – außer in jenen (wenigen), die die Tridentinische Messe feiern. Seit 1970 wird gebetet, der Herr möge das Volk Seines ersten Bundes in der Treue dazu bewahren und es zum Heil führen. Dagegen bittet die jetzige „außerordentliche“ Formulierung um anderes: um Erleuchtung, dass die Juden in der Fülle der Zeiten Christus erkennen mögen.

    Dazu sind von Seiten prominenter in- und ausländischer Juden und auch vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken Befremden und Ablehnung geäußert worden. Aber sind die beiden Bitten wirklich gegenläufig? Ist die neue Bitte ein Rückfall – wohin?

    Die erste Fürbitte formuliert einen Gedanken, der nach der jahrhundertealten Formel von den „treulosen Juden“ (perfidissimi) überfällig war: schürte er doch nicht nur einen Antijudaismus, sondern verkannte auch den heilsgeschichtlichen Auftrag des Alten Bundes: Niemals war er gekündigt, der Neue Bund selbst verdankt sich ihm, „aufgepfropft auf den edlen Ölbaum“ (Röm 11,17). Weshalb also eine weitere Fürbitte? Sie verändert den Blickwinkel – wohin?

    In der Zeit eines durchgängigen Ökumenismus der Religionen taucht eine Versuchung auf: Das Kommen Christi in der endgültigen Fülle der Zeiten nur mehr als christliches Sondergut zu sehen, so dass niemand mehr wünschen darf, Christus möge von allen erkannt werden. Wenn die neue Bitte ein Rückfall wäre (bei Michael Wolffsohn hinter 1945!), dann ein Rückfall auf Jesaja, der vom Zion aus den Gesalbten (griech.: Christus) die Völker ergreifen sieht – in der Fülle der Zeiten (Jes 61). Oder es wäre ein Rückfall auf Paulus selbst, der hofft, seine Brüder möchten alle vom „Retter“ gerettet werden (Röm 11,26).

    Die „neue“ Fürbitte hat mit „Judenmission“ in der aufdringlichen Weise der US-Freikirchen nichts zu tun. Aber alles hat sie zu tun mit der Frage, wie die Christen die „Fülle der Zeiten“ erwarten: in Gestalt eines interreligiösen Einheitsgottes, gar eines neutralen göttlichen „Urgrundes“, oder doch konkret in der Gestalt Christi? Rabbi Jakob Neusner sieht in der neuen Bitte denselben Geist am Wirken, der den frommen Juden täglich (!) um Erleuchtung und Bekehrung der Nicht-Juden beten lässt: Sollte man nicht für den anderen wünschen, was man sich selbst sehnlich erbittet?

    Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz