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    Der Frust der Pfeffersäcke

    Von Guido Horst

    Von Guido Horst

    Mit einem Kommentar unter dem Titel „Wir waren Papst“ hatte der römische Korrespondent des „Spiegel“ Alexander Smoltczyk am 29. Dezember vergangenen Jahres das Drehbuch für das vorgegeben, was sich in den vergangenen Tagen um Benedikt XVI. abgespielt hat. Mit einem weiteren Kommentar, „Der Entzauberte“, meldete er nun vorgestern auf Spiegel-online den Vollzug. Der Fall ist abgewickelt. Das Drehbuch wurde verfilmt, der Film selber erzielte höchste Einschaltquoten. Und auf der Leinwand steht jetzt nur noch: „Ende“. Deutschland hat in einer kollektiven Entschlackungskur seine Papst-Gefühle abgewickelt, zwischen Rom und dem Heimatland Joseph Ratzingers klaffen wieder die üblichen Löcher und Gräben.

    Während man im Vatikan noch analysiert, wie es geschehen konnte, dass ausgerechnet Stellen in der römischen Kurie an dieser Scheidung auf Deutsch eifrig mitgewirkt haben, sollte man sich auch fragen, warum das Drehbuch „Wir waren Papst“ überhaupt geschrieben wurde. Denn selbstverständlich ist das nicht. Spiegel-Korrespondent Smoltczyk war selbst jemand, der an den Lippen des deutschen Papstes hing. Ratzinger, lobte er einst, sei einer, „der die Ungläubigen versteht und für sie schreibt“. Von Faszinosum war die Rede. Das war vor drei Jahren. Und damals kamen sie alle aus deutschen Landen, die Verleger und Chefredakteure, die Feuilletonisten und Literaten, ergatterten sich eine Karte für die „prima fila“ in der Generalaudienz – und schmolzen dahin. Um es gleich zu sagen: Jetzt „Wir waren Papst“ zu schreiben, ist schon deshalb falsch, weil auch das „Wir sind Papst“ nicht richtig war. Wo sind die Massen, die sich in Deutschland nach dem April 2005 zu einem Leben in der Nachfolge Christi bekehrt hätten, zu einer Katholizität, die im Papst den obersten Lehrer und Hirten anerkennt? Hat der Papst Deutschland verändert? Von wegen. Auch unter Benedikt XVI. ist Deutschland im selben Tempo wie zuvor immer säkularer, protestantischer und post-christlicher geworden. Leitartikler rochen geradezu die „Rückkehr der Religion“. Aber diese Düfte stiegen wohl eher aus den Suppentöpfen fernöstlicher Weisheitslehren gesalzen mit ein paar christlichen Versatzstücken auf. Ernsthaftes Katholisch-Sein war nördlich der Alpen auch in den vergangenen drei Jahren nicht wirklich gefragt.

    Dennoch: „Wir sind Papst“ war griffig formuliert. Auch in Rom kam der Satz gut an. Der schräge Slogan drückte ein Gefühl der Sympathie aus wie auch den heimlichen Stolz, sechzig Jahre nach der deutschen Katastrophe wieder einen Papst stellen zu dürfen. Dieses Hochgefühl hat sich nun wieder aufgelöst. Warum? Schlag nach bei Smoltczyk, denn er hatte das Glück, genau zur richtigen Zeit den Startschuss für die Papst-Demontage zu geben – und jetzt das Ergebnis vermelden zu dürfen.

    Papst Benedikt, so schrieb der Spiegel-Mann am 29. Dezember in dem Beitrag „Wir waren Papst“, sehe sich nicht als Weltveränderer, sondern wolle „das sein, was er am besten kann: Kirchenlehrer“. Richtig. Genau deswegen schätzen wir den deutschen Theologen-Papst. Aber genau deswegen schätzt ihn der Spiegel-Kommentar nicht und legt dann ordentlich los: „Wir waren Papst. Jetzt sind wir Merkel, Steinbrück, Schmidt – nicht zufällig sind das allesamt Protestanten, knochentrockene Lutherlinge, denen überdies alles Gewabere, alles Ideengetränkte, Tröstliche zuwider ist.“ Die Finanzkrise etwa, die Smoltczyk besonders wichtig ist, brauche praktische Lösungen. In jeder Talkshow, schreibt der Autor weiter, werde heute an die „Moral“ appelliert. Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx habe ein ganzes Buch darüber geschrieben. „Als ob es auf Moral ankäme. Die Banker sollen nur ihren Job richtig machen, nüchtern, hanseatisch pfeffersäckig. Protestantisch.“ Die Aufklärung, so der Beitrag, schlage zurück gegen die „Rückkehr der Religionen“. Vorschläge statt Prinzipien, fordert der Autor. Atomenergie, Stammzellenforschung, aktive Sterbehilfe, Gentechnik – da gebe es bereits Antworten und Ideen. „Aber man erwartet sie nicht im Pressesaal des Heiligen Stuhls.“ Von der römischen Kirche sei dazu wenig Hilfreiches zu hören. „Sie lebt in der babylonischen Gefangenschaft der Dogmen, und wenn sie sich zur Gegenwart äußert, dann oft zu kategorisch, um mitreden zu können. Stammzellenforschung schlecht, Gentechnik sowieso, Finanzkapitalismus irgendwie auch, Konsumismus böse, Kommunismus ganz bitterböse. Was bleibt dann noch?“

    Eine ganze Menge, möchte man Autor Smoltczyk sagen, aber seine Einlassungen – die im Einzelnen einige Anmerkungen verdient hätten – zeigen schon, wohin der deutsche (protestantische) Hase läuft: Die wirkliche Erlösung, die der Papst verkündet, die brauchen wir nicht. Lösungen müssen her, für die ganz praktischen Probleme. „Man hat ein wenig Weihrauch geschnuppert und mit dem Gedanken des Glaubens kokettiert“, hieß es in dem Spiegel-Artikel. „Doch jetzt haben wir, weiß Gott, andere Sorgen als die Erbsünde.“ Das ist nicht Luther oder protestantisch, das ist der pure Geist der Welt. Ein säkularisierter Protestantismus allenfalls, den jetzt, wo die Rezession in die Portemonnaies zu greifen droht, die Frage nach dem Jenseits nicht mehr interessiert.

    Es ist schade, dass ausgerechnet der fürchterliche Verdacht, im Vatikan nehme man den Holocaust nicht mehr ernst, die Blase „Wir sind Papst“ platzen ließ. Aber es war halt eine Blase. Geplatzt wäre sie so oder so.