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    Der Fall „Ted“ McCarrick

    Das ausschweifende Homo-Leben des ehemaligen Erzbischofs von Washington: Viele wussten es, alle schwiegen. Von Guido Horst

    Es ist nicht nur die erste Entlassung aus dem Kardinalsstand seit neunzig Jahren, die den Fall von Theodore McCarrick einzigartig macht. Der Brief mit dem Angebot des Rücktritts aus dem Kardinalsstand des nunmehr 88 Jahre alten ehemaligen Erzbischofs von Washington kam am vergangenen Freitag. Sofort am Tag darauf nahm Franziskus den Rücktritt an. Zuletzt war bekannt geworden, dass „Onkel Ted“ in seiner sexuell aktiven Zeit nicht nur Seminaristen mit in sein Bett nahm, sondern sich an Minderjährigen vergriffen hat. Doch nicht nur die Schwere des Falls macht ihn zu einem wirklichen Sprengsatz für die Kirche in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus. Zu viele haben gewusst, was für ein Typ McCarrick war, bis weit in den Episkopat hinein. Der Präfekt des vatikanischen Dikasteriums für Laien, Familie und das Leben, Kardinal Kevin Farrell, hat sich jahrelang mit McCarrick die Wohnung geteilt – und will nichts von dessen Ausschweifungen gewusst haben? Auch den Kardinal von Boston, Séan Patrick O‘Malley, zugleich Chef der Päpstlichen Kinderschutzkommission, hat der Skandal erreicht. Er hat Briefe bekommen, in denen schwere Vorwürfe gegen McCarrick erhoben wurden. Warum hat er nichts getan – er, der Franziskus nach dessen Besuch in Chile öffentlich vorgeworfen hat, mit der Art der Verteidigung des Bischofs von Orsono den Missbrauchsopfern nochmals großes Leid zugefügt zu haben? Wenn es O’Malley wirklich so ernst ist mit den Gefühlen der Opfer, warum hat er dann bei seinem Amtsbruder McCarrick offensichtlich eine Ausnahme gemacht?

    Während nun ein Kirchengericht ein Urteil über den ehemaligen Kardinal von Washington zu fällen hat, der jetzt in Hausarrest ein zurückgezogenes Leben der Buße und des Gebets führen soll, aber noch Kleriker ist, ist die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in Chile noch nicht beendet, wo, so Franziskus, homosexuelle Seilschaften und die Vertuschung von Missbrauchsfällen zu einem Systemfehler der Ortskirche geworden waren. Auch in Australien muss ein Kardinal noch seine zwei Missbrauchs- und Vertuschungsprozesse durchstehen. George Pell dürfte kaum in sein altes Kurienamt zurückkehren. Für die Diözese Adelhaide in Australien hat der Papst nun einen Apostolischen Administrator ernannt, weil ein Gericht den dortigen Erzbischof Philip Wilson für schuldig befunden hat, das Missbrauchsvergehen eines Priesters vertuscht zu haben. Und mit Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga, der in Rom den Rat der neun Kardinäle leitet, ist – neben O’Mallay – ein weiterer Papstberater in den Sog der Gerüchte und Anschuldigungen geraten. Zwar hat Franziskus jetzt „nur“ den Rücktritt des 57 Jahre alten Weihbischofs der Diözese Tegucigalpa, Juan Jose Pineda, angenommen – wegen schweren sexuellen Fehlverhaltens und finanzieller Unregelmäßigkeiten, aber der Verdacht, hohe Geldsummen der Diözese bei Finanzspekulationen verbrannt zu haben, trifft auch den dortigen Ortsbischof Rodríguez Maradiaga selber. Angesichts dieses Panoramas kann man nur sagen: Im Augenblick ist es nicht schön, Papst zu sein. Die Kette der Kleriker-Skandale reißt einfach nicht ab.

    Wer, wie diese Zeitung und der Autor dieser Zeilen, seit der Jahrtausendwende laufend über Missbrauchsvergehen und sexuelles Fehlverhalten in der Kirche zu berichten hatte und hat – mit den Paukenschlägen in den Vereinigten Staaten, dann dem Gründer der Legionäre Christi, den Vorgängen in Deutschland und Irland und jetzt in Chile, wieder Nordamerika, Australien und Honduras – muss einfach zu dem Schluss kommen, dass die ganz schlimmen Fälle die Spitzen von Eisbergen waren, die Kirche aber insgesamt ein Problem mit ihrem Klerus hat. Der Fall McCarrick ist wieder eine solche Spitze. Und wann kommt die nächste? Sollte das Thema Homosexualität und Klerus nicht einmal grundsätzlich auf den Tisch?

    von Guido HorsT

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