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    „Der Fall Amri ist ein einziger Skandal“

    Das Beste des Guten kam diesmal am Ende. Zum Schluss einer gemeinsamen Expertentagung von Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und American Jewish Committee (AJC), die sich mit der Entwicklung des islamistischen Terrorismus befasste, diskutierte der jüdische Historiker und Publizist Michael Wolffsohn, emeritierter Professor der Bundeswehruniversität München, mit BILD-Chefredakteurin Tanit Koch über „Deutschland nach dem Anschlag – abgestumpft oder resilient?“

    Das Beste des Guten kam diesmal am Ende. Zum Schluss einer gemeinsamen Expertentagung von Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und American Jewish Committee (AJC), die sich mit der Entwicklung des islamistischen Terrorismus befasste, diskutierte der jüdische Historiker und Publizist Michael Wolffsohn, emeritierter Professor der Bundeswehruniversität München, mit BILD-Chefredakteurin Tanit Koch über „Deutschland nach dem Anschlag – abgestumpft oder resilient?“

    Die 39-jährige Juristin und Politikwissenschaftlerin Koch ist seit 2016 Chefredakteurin der BILD-Druckausgabe – der immer noch mit Abstand auflagenstärksten deutschen Tageszeitung. Die Diskussion moderierte die Leiterin des Berliner AJC-Büros, Deidre Berger. Auf deren Frage, wieso die Berliner „recht gelassen“ auf den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt reagiert hätten, erklärte Tanit Koch, dies sei nur ein sehr oberflächlicher Eindruck. Noch Tage nach dem Anschlag sei der Breitscheidplatz von vielen Menschen gemieden worden. Sie wisse von Freunden, dass etwa sogar Termine in einem dortigen Friseurgeschäft „gecancelt“ worden seien.

    Tagelang habe man auch nicht gewusst, wo sich der flüchtige Täter aufhalte. „Unfassbar“ sei es gewesen, dass es eine ganze Nacht gedauert habe, bis man die Papiere des Terroristen Anis Amri im Führerhaus des Lkw gefunden habe. Und auch, dass dieser ohne Grenzkontrollen über Belgien bis Italien reisen konnte. „Der Fall Amri ist ein einziger Skandal“, sagte Koch. Behörden und Politiker schöben die Verantwortung hin und her. „Man fragt sich“, fügte sie hinzu, „wenn schon jemand, der im Visier der Sicherheitsbehörden ist, nicht daran gehindert wird, einen Anschlag zu begehen, was ist dann vielleicht mit denjenigen, die noch nicht im Visier der Behörden sind?“ Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, bemerkte sie hinsichtlich vieler Skandale, „hängt jede Katze ab“, was das Überleben im Amt betreffe.

    Die Trauerfeier in Berlin nach dem Anschlag sei „seltsam verschämt“ gewesen. „Ich bin mir noch nicht schlüssig, woran das liegt“, fügte sie hinzu. Nach den Terrorakten in Frankreich etwa sei dort viel mehr Emotion und Empathie, auch Pathos gezeigt worden. „Ich glaube“, sagte die BILD-Chefin, „dass gezeigte Anteilnahme eine Gesellschaft genauso zusammenschweißt wie die Freude über einen WM-Sieg. Und dass wir in Deutschland einen Weg finden müssen, diese Anteilnahme auch öffentlich zu üben“. Wochenlang habe man nicht die Namen der deutschen Opfer erfahren. Trotz der vorausgegangenen Terroranschläge in Europa seien Behörden in Berlin „in keiner Weise vorbereitet“ gewesen, mit der Lage angemessen umzugehen.

    Erst zwei Monate nach dem Anschlag versandte der Senat Kondolenzschreiben an die Opfer, da es angeblich schwierig gewesen sei, die Adressen herauszufinden. „Die Angehörigen von Todesopfern erhielten Rechnungen für die Leichenschau“, sagte Koch. Und dies bereits drei Tage nach dem Anschlag. In der Berliner Charité hatte man die Adressen.

    Tanit Koch erinnerte daran, dass BILD die Studentin Valeriya interviewte, die bei dem Terroranschlag beide Eltern verlor. Frank-Walter Steinmeier habe Valeriya in einem Schreiben nur zum Tod ihres ukrainischen Vaters kondoliert. Die Mutter, welche schon länger die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, sei nicht erwähnt worden, weil im Außenministerium nur die Namen ausländischer Opfer vorgelegen hätten.

    Wolffsohn erklärte: „Ich stimme Tanit Koch vollkommen zu, dass von einem Gleichmut keine Rede sein kann. Das ist herbeigeredet, herbeigeschrieben und herbeigewünscht worden. Da war der Wunsch stärker als die Wirklichkeit. Was sollten die Leute denn machen? Sollten sie wie die aufgeregten Hühner herumflattern und ,Hilfe, Hilfe‘ schreien?“ Der Alltag habe weitergehen müssen – „aber im Kopf und im Herzen haben die Menschen natürlich Befürchtungen“, sagte Wolffsohn.

    Koch hatte auch darauf hingewiesen, dass bereits vor dem Anschlag in Berlin auf dem Oktoberfest in München viele Tische nicht mehr gebucht worden seien. Sie verwies zudem auf den Boom beim Erwerb von Waffenscheinen und Pfefferspray, wenngleich dieser vor allem wegen der Alltagskriminalität erfolge. Es gebe in der Bevölkerung durchaus ein großes Unsicherheitsempfinden, sagte Koch. Besonders störe sie das Relativieren: wenn es etwa heiße, es stürben mehr Menschen an Grippe oder im Straßenverkehr als an Terroranschlägen.

    Auf der Tagung war auch der israelische Terrorismus-Experte Shlomo Shpiro aus Tel Aviv. Shpiro war zufällig zehn Minuten vor dem Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gewesen. In einem Interview hatte er kurz danach erklärt: „Ich habe kaum Polizisten oder Sicherheitsleute gesehen. Nur hier und da war ein Wachmann.“ Unter den zwölf Todesopfern war auch die israelische Touristin Dalia Elyakim. Auch ihr Ehemann Rami wurde verletzt, aber überlebte. Noch immer liegen Opfer in Krankenhäusern.

    Der zentrale und hoch gefährdete Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz war tatsächlich völlig ungeschützt. Der Nürnberger Christkindlsmarkt hingegen war nach dem Terrorschlag mit einem Lkw in Nizza und bereits vor dem Berliner Anschlag mit Polizeibussen geschützt worden. Shlomo Shpiro erklärte, in Deutschland müssten „einige Behörden aus ihrem gemütlichen Dornröschenschlaf aufwachen“. Auch sei bei vorangegangenen Anschlägen von einem „Verrückten“, „Amokläufer“ und „geistig Verwirrten“ gesprochen worden. „Die Deutschen müssen lernen, den Terrorismus beim Namen zu nennen. Wie kann man das Problem lösen, wenn man nicht die richtigen Worte dafür findet?“, so Shpiro.

    Wolffsohn unterstrich dies in der Diskussion und erklärte: „Ein Terroranschlag ist ein Terroranschlag ist ein Terroranschlag.“ Der militant gewordenen Wirklichkeit könne man nicht begegnen, indem „alles mit Sirup übergossen“ werde. Sicherheitspolitik sei in der deutschen Gesellschaft „seit Jahrzehnten stiefmütterlich behandelt“ worden. Unter dem Schutz der Amerikaner habe man es sich bequem gemacht und Verteidigungsetats gekürzt. Auch mit der terroristischen Bedrohung habe man sich nicht gern befasst. Wo man sich an den Universitäten mit dem Nahen Osten beschäftige, gäbe es viele, die den „arabisch-islamischen Raum freundlich streichelnd betrachten“. Terroranschläge seien oft nur durch Hinweise der USA und auch Israels verhindert worden.

    Wolffsohn kritisierte auch die Haltung gegenüber der Polizei beim politischen Personal in bestimmten Bundesländern. „Ich bin ja oft in Berlin“, sagte er, „und habe oft offizielle Anlässe erlebt. Da kommen Vertreter der Stadt und geben jedem kleinen Bonzen, Journalisten oder Gast die Hand, begrüßen freundlich. Aber die anwesenden Polizisten, die für ihre Sicherheit sorgen, sind Luft für sie.“ Wenn man mit Polizisten darüber spreche, könne man erfahren, dass sie deswegen „zu Recht vor Wut kochen“. „Das“, sagte Wolffsohn, „ist beispielsweise in Bayern wirklich anders. Dort merken die Akteure, die für Sicherheit zuständig sind, dass sie eben nicht der Depp vom Dienst sind, sondern man ihre Arbeit schätzt.“