• aktualisiert:

    Der Einstieg in den Ausstieg

    Machen wir uns nichts vor: Beihilfe zur Selbsttötung wird praktiziert, aber meist im Geheimen, ohne Regeln und Kontrollen, unter Verletzung ethischer Standards“, sagt Ralf Jox. Der Akademische Rat auf Zeit, der seiner Habilitationsschrift den Titel „Änderung des Therapieziels: medizinische Probleme im Übergang von kurativer zu palliativer Medizin“ gab, weiß, wovon er spricht. Sieben Jahre lang arbeitete Jox als Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin (IPZ) des Klinikums der Universität München. Heute leitet 40-Jährige, der sein Abitur an dem Katholischen Gymnasium St. Konrad in Ravensburg machte, während seines Studiums ein Stipendium der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk erhielt und anschließend an der von Jesuiten geleiteten Hochschule für Philosophie in München das Bakkalaureat errang, am „Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin“ der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München den Arbeitsbereich „Klinische Ethik“.

    Hübsch verpackt, aber gefährlich: Der Entwurf der Hochschullehrer will Suizidhilfe in die Hände von Ärzten legen. Foto: Foto/Montage: Daniel Rennen

    Machen wir uns nichts vor: Beihilfe zur Selbsttötung wird praktiziert, aber meist im Geheimen, ohne Regeln und Kontrollen, unter Verletzung ethischer Standards“, sagt Ralf Jox. Der Akademische Rat auf Zeit, der seiner Habilitationsschrift den Titel „Änderung des Therapieziels: medizinische Probleme im Übergang von kurativer zu palliativer Medizin“ gab, weiß, wovon er spricht. Sieben Jahre lang arbeitete Jox als Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin (IPZ) des Klinikums der Universität München. Heute leitet 40-Jährige, der sein Abitur an dem Katholischen Gymnasium St. Konrad in Ravensburg machte, während seines Studiums ein Stipendium der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk erhielt und anschließend an der von Jesuiten geleiteten Hochschule für Philosophie in München das Bakkalaureat errang, am „Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin“ der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München den Arbeitsbereich „Klinische Ethik“.

    Jox ist einer der vier Hochschullehrer, die am Dienstag dieser Woche gemeinsam in München einen Gesetzentwurf „zur Regelung des assistierten Suizids“ vorstellten (DT v. 28.8.). Und jemand, der offenbar zudem in die Zukunft sehen kann: „Ein bloßes Verbot der geschäftsmäßigen Suizidhilfe“, wie es etwa Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) wünscht, werde an der gegenwärtigen Praxis „nichts ändern“, sagt Jox. Im Gegenteil: „Die Situation würde sich nur verschärfen.“ „Wer es wirklich ernst meint mit dem Schutz des Lebens, muss Regeln aufstellen für eine verantwortungsvolle Suizidbeihilfe. Das tun wir mit diesem Gesetzesvorschlag.“

    An Selbstbewusstsein mangelt es dem Münchner Medizinethiker offenbar so wenig, wie den anderen drei Autoren. Und auf den ersten Blick hin scheint das durchaus gerechtfertigt zu sein. Denn der Gesetzentwurf der vier Hochschullehrer will ja zunächst etwas bisher Erlaubtes verbieten. Mehr noch: Er will die Beihilfe zu einer Tat unter Strafe stellen, die selbst straffrei ist. Das wäre ein Novum in der deutschen Strafrechtssystematik. Nirgendwo sonst sanktioniert das deutsche Strafrecht die Beihilfe zu einer Tat, die selbst als nicht strafwürdig betrachtet wird.

    Nun gibt es gute Gründe, um mit dieser Regel beim Suizid zu brechen. Man kann sich nämlich auf den Standpunkt stellen, dass der Suizid als solches zwar durchaus eine verbotene Handlung darstellt, die an und für sich auch strafwürdig ist, jedoch die Sinnhaftigkeit einer tatsächlichen Bestrafung in Zweifel ziehen. Schließlich gibt es dort, wo ein Suizid „erfolgreich“ war, niemanden mehr, der bestraft werden könnte. Und dort, wo er misslingt, wäre der Betreffende – so sollte man zumindest meinen können – schon genug bestraft.

    Was die katholische Kirche zum Suizid lehrt

    Für die katholische Kirche stellt der Suizid eine unerlaubte Handlung dar. Denn nach katholischer Lehre ist der Mensch „Verwalter“, und nicht „Eigentümer“ des Lebens, das ihm von Gott geschenkt wurde (vgl. KKK 2280). Wie die Kirche weiter lehrt, widerspreche der Suizid „auch der natürlichen Neigung des Menschen, sein Leben zu bewahren und zu erhalten“ und stelle „eine schwere Verfehlung gegen die rechte Eigenliebe“ dar. Ferner verstoße er „gegen die Nächstenliebe“, da er „zu Unrecht die Bande der Solidarität mit der Familie, der Nation und der Menschheit“ zerreiße, „denen wir immer verpflichtet sind.“ Und schließlich widerspreche er „der Liebe zum lebendigen Gott“ (vgl. KKK 2281). Was die Strafwürdigkeit des Suizids betrifft, bleibt die Kirche allerdings sehr zurückhaltend: So weist etwa bereits die am 20. Mai 1980 erschienene Erklärung der Vatikanischen Glaubenskongregation zur Euthanasie darauf hin, dass einem Suizid „wie wir alle wissen, seelische Verfassungen zugrunde liegen, welche die Schuldhaftigkeit mindern oder ganz aufheben können“. Und auch der 1993 erschienene Weltkatechismus der katholischen Kirche hält fest: „Schwere psychische Störungen, Angst oder schwere Furcht vor einem Schicksalsschlag, vor Qual oder Folterung können die Verantwortlichkeit des Selbstmörders vermindern“ (vgl. KKK 2282). Mehr noch, anders als zu früheren Zeiten, in denen Suizidenten kein kirchliches Begräbnis erhalten durften, schließt die kirchliche Lehre heute nicht einmal aus, dass ein Suizident in den Himmel gelangen kann.

    Man dürfe, heißt es im Katechismus, „die Hoffnung auf das ewige Heil der Menschen, die sich das Leben genommen haben, nicht aufgeben. Auf Wegen, die Gott allein kennt, kann er ihnen Gelegenheit zu heilsamer Reue geben. Deshalb betet die Kirche für die Menschen, die sich das Leben genommen haben“ (vgl. KKK 2283). Folgerichtig hob 1983 auch das kirchliche Gesetzbuch, der „Codex Iuris Canonici“, das noch in der vorausgegangenen Fassung aus dem Jahr 1917 enthaltene Verbot einer kirchlichen Bestattung von Suizidenten auf.

    Anders als die katholische Kirche betrachten die vier Hochschullehrer den Suizid jedoch gar nicht als eine unsittliche Handlung. „Wir wollen, dass Menschen, die für sich keinen anderen Ausweg als die Selbsttötung sehen, in einem vertrauensvollen Gespräch mit ihrem Arzt Alternativen aufgezeigt bekommen, letztlich aber auch von ihrem Arzt in den Tod begleitet werden dürfen“, sagt etwa der Mannheimer Medizinrechtler Jochen Taupitz. „Die Bürger“, pflichtet ihm Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Medizinethik an der Universität Tübingen und ehemaliger Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, bei, hätten „ihre eigene Vorstellungen vom Leben und Sterben und befürworten weit mehrheitlich die Beihilfe zum Suizid. Ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom würdevollen Sterben sind zu respektieren. Der Gesetzgeber darf dem Bürger die richtige Weise zu leben und zu sterben nicht vorschreiben, aber er muss Sorge dafür tragen, dass niemand in seinen individuellen Entwürfen von anderen bedrängt, manipuliert oder geschädigt wird.“

    In der dem Gesetzentwurf vorangestellten „Zusammenfassung“ halten alle vier Autoren zudem gemeinsam fest: Der Gesetzentwurf wolle „Rechtssicherheit schaffen, Freiräume für ein selbstbestimmtes Sterben belassen, und zugleich den Lebensschutz stärken, also Suizide verhindern und lebensfeindlichem sozialen Druck vorbeugen“.

    Gegen eine solche Position wäre in einem weltanschaulich neutralen Staat, der sich die Lehre einer Glaubensgemeinschaft nicht zu eigen machen braucht, nicht viel zu sagen, sie würde sogar Unterstützung verdienen, wenn sie nicht einen Haken hätte. Denn wer den Suizid als einen Akt der Selbstbestimmung zu betrachten können glaubt, der stellt sich gegen die Erkenntnisse, welche die Suizidforschung in den letzten rund 180 Jahren zutage gefördert hat. In fast allen Fällen, in denen Menschen nach einem ernsthaften Suizidversuch gerettet konnten, kommen die Nachuntersuchungen zu dem Ergebnis, dass die Suizidenten zum Zeitpunkt der Tat psychisch derart schwer beeinträchtigt waren, dass von einem „freiverantwortlichen Suizid“ keine Rede sein kann.

    Anzweifelbar: Der Suizid als Akt der Selbstbestimmung

    In der bisher umfangreichsten Meta-Studie aus dem Jahr 2004, bei der 27 wissenschaftliche Studien miteinander verglichen wurden, in denen wiederum insgesamt 3 275 Suizide erfasst wurden, kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass in 87,3 Prozent der Fälle eine zuvor diagnostizierte psychische Erkrankung die Hauptursache für die Selbsttötung war. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Auch bei den verbleibenden 12,7 Prozent konnte nicht etwa ein „freiverantwortlicher Suizid“ nachgewiesen werden, sondern die Hauptursache bloß nicht zweifelsfrei ermittelt werden.

    Wenn aber der Suizid – zumindest in der Mehrzahl der Fälle – Ausdruck einer geistig-seelischen Krankheit ist – dann kann er eigentlich nicht als eine Form, sich selbst zu bestimmen, betrachtet werden. Wer dies dennoch tut, müsste auch den Spirituosenkonsum eines Alkoholkranken als Ausdruck seiner Willensfreiheit werten und nicht – wie es gemeinhin üblich ist – als Beleg für eine mangelnde Willensfreiheit. Auch ein weltanschaulich neutraler Staat darf keine Gesetze erlassen, die es anderen gestatten, jemandem bei der Ausführung einer Tat zur Hand zu gehen, die er, wenn er gesund und sein Wille frei wäre, gar nicht wollen könnte.

    Nun könnte man – und die Autoren legen dies zumindest nahe – den Gesetzentwurf als Weg betrachten, solche Suizide zu verhindern und die „Suizidwilligen“ den Fachleuten zuzuführen, die solche Beeiträchtigungen dank ihrer Expertise erkennen und behandeln können.

    Wie die staatlich organisierte Schwangerschaftskonfliktberatung zeigt, ist das jedoch eine Illusion. Das Konzept „Hilfe statt Strafe“ hat nicht nur die Zahl der vorgeburtlichen Kindstötungen nicht spürbar reduziert, es hat das Bewusstsein, dass die Tötung eines Kindes im Mutterleib ein Unrecht darstellt, aus den Köpfen und Herzen weitgehend verbannt.

    Daran ändern auch die – zugegeben vergleichsweise hohen – Hürden nichts, die der Gesetzentwurf der vier Hochschullehrer aufstellt und die Ärzte erst einmal nehmen müssen, um einem Patienten bei einem Suizid assistieren zu können. So sollen zwei Ärzte den „Suizidwilligen“ untersuchen, sich von der Freiwilligkeit und Überlegtheit seines Wunsches überzeugen, ihn über mögliche Formen der Suizidhilfe und palliativmedizinische Alternativen aufklären und ein schriftliches Gutachten erstellen. Haben die Ärzte alle diese Bedingungen erfüllt, müssen sie zehn Tage verstreichen lassen, bis sie dem Suizidenten dabei zur Hand gehen können, sich selbst zu töten. Man braucht kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der von den Ärzten verlangte hohe zeitliche Aufwand den assistierten Suizid zu einer Kassenleistung machen würde, die mit der Zeit mancherlei Begehrlichkeiten wecken wird. Haben sich die Menschen erst einmal daran gewöhnt, dass Ärzte ihnen auch beim Suizid assistieren, werden auch die Stimmen lauter werden, die das Verfahren vereinfachen und die die Kompetenzen der Ärzte ausdehnen wollen. Denn es ist eine – weitere – Illusion, zu glauben, auf diese Weise könne der Ruf nach der „Tötung auf Verlangen“ zum Verstummen gebracht werden. Weil Wünsche grenzenlos sind, wird – wie etwa der schrittweise Abbau des Embryonenschutzes gezeigt hat – vielmehr das Gegenteil der Fall sein.

    Mehr noch: So wie sich Eltern, die ein behindertes Kind großziehen, heute bereits dafür rechtfertigen müssen, dass sie es nicht abgetrieben haben und sich Sätze wie „so etwas ist doch heute nicht mehr nötig“ anhören müssen, so werden Schwerstkranke in absehbarer Zukunft erklären müssen, warum sie keinen ärztlich assistierten Suizid in Anspruch nehmen wollen und die Kosten für ihre Behandlung der Solidargemeinschaft aufbürden.

    Sollte dieser Gesetzentwurf im Parlament eine Mehrheit finden, dann würde tatsächlich der Arzt, Freimaurer und Illuminat Christoph Wilhelm Hufeland Recht bekommen, der schon 1806 mahnte: „Der Arzt soll und darf nichts anderes thun, als Leben erhalten; ob es ein Glück oder ein Unglück sey, ob es Wert habe oder nicht, dies geht ihn nichts an. Und maßt er sich an, diese Rücksicht in sein Geschäft aufzunehmen, so sind die Folgen unabsehbar, und der Arzt wird der gefährlichste Mensch im Staat.“