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    „Das wird ein sehr trauriges Osterfest“

    Ein Jahr lang haben sie sich Freitag für Freitag inmitten der malerischen Olivenhaine im Cremisantal bei Bethlehem versammelt, haben die Messe gefeiert und gebetet, dass dieser Kelch an ihnen vorübergehe: die drohende Konfiszierung ihrer Grundstücke durch die israelische Armee zum Zweck des Mauerbaus. Doch seit der Entscheidung eines Tel Aviver Gerichts vergangene Woche haben diese Hoffnungen einen entscheidenden Dämpfer erfahren: Ihre Klagen wurden abgewiesen. „Das wird ein sehr trauriges Osterfest für mich und meine Familie.“ Die Familie des griechisch-orthodoxen Christen Nader Abu Amscha ist wie 57 andere christliche Familien aus Beit Jala, einem mehrheitlich christlichen Ort nahe Bethlehem, direkt betroffen. „Morgen feiern wir Orthodoxe Ostern. Das ist normalerweise ein sehr fröhliches Fest. Aber wir sind alle in einer tiefen Karfreitagsstimmung. Viele Familien leben von den Einkünften durch die Olivenernte und Obstanbau. Jetzt wird sie die Mauer davon abschneiden. Sie wissen nicht, wie es für sie weitergehen soll.“

    Der von der israelischen Armee forcierte Mauerbau (hier ein Bauabschnitt in Jerusalem) kostet viele Palästinenser ihr La... Foto: dpa

    Ein Jahr lang haben sie sich Freitag für Freitag inmitten der malerischen Olivenhaine im Cremisantal bei Bethlehem versammelt, haben die Messe gefeiert und gebetet, dass dieser Kelch an ihnen vorübergehe: die drohende Konfiszierung ihrer Grundstücke durch die israelische Armee zum Zweck des Mauerbaus. Doch seit der Entscheidung eines Tel Aviver Gerichts vergangene Woche haben diese Hoffnungen einen entscheidenden Dämpfer erfahren: Ihre Klagen wurden abgewiesen. „Das wird ein sehr trauriges Osterfest für mich und meine Familie.“ Die Familie des griechisch-orthodoxen Christen Nader Abu Amscha ist wie 57 andere christliche Familien aus Beit Jala, einem mehrheitlich christlichen Ort nahe Bethlehem, direkt betroffen. „Morgen feiern wir Orthodoxe Ostern. Das ist normalerweise ein sehr fröhliches Fest. Aber wir sind alle in einer tiefen Karfreitagsstimmung. Viele Familien leben von den Einkünften durch die Olivenernte und Obstanbau. Jetzt wird sie die Mauer davon abschneiden. Sie wissen nicht, wie es für sie weitergehen soll.“

    Mit der Gerichtsentscheidung vergangene Woche ging ein sechsjähriger Prozess zu Ende. Um 1,5 Kilometer Mauer geht es. Sie sollen eine Lücke zwischen bereits fertiggestellten Mauerabschnitten verbinden. Kontrovers ist vor allem der Verlauf. Die Familien haben eine alternative Route vorgeschlagen, die ihre Grundstücke nicht berührt. Die israelische Armee hingegen ist der Auffassung, die Sperranlage müsse auf den Terrassen des Cremisantales verlaufen, das den palästinensischen Ort Beit Jala von der gegenüberliegenden israelischen Siedlung Gilo trennt. „Angeblich sollen dadurch Sniper-Attacken auf Gilo verhindert werden. Die hat es während der Zweiten Intifada tatsächlich gegeben. Aber davor wird sie die Mauer auch nicht schützen. Teile von Beit Jala liegen höher. Schützen können also nach wie vor über die Mauer hinwegschießen.“ Unter den Palästinensern ist man sich einig: Israel geht es vor allem darum, sich möglichst viel palästinensisches Land einzuverleiben. Nader: „Die israelische Seite argumentiert zwar, dass die Mauer nur provisorisch ist. Zudem werden wir rechtlich gesehen nicht enteignet, sondern unsere Grundstücke werden für die Dauer des Mauerprovisoriums konfisziert. Aber das läuft auf dasselbe hinaus.“

    Das israelische Militär hat den Grundstückseigentümern derweil zugesichert, dass sie durch ein Landwirtschaftstor Zugang zu ihren Grundstücken bekommen würden. Doch Nader überzeugt das nicht. „Der Zutritt kann uns jederzeit mit Hinweis auf die Sicherheitslage verwehrt werden. Außerdem sind eine ganze Reihe von Hürden zu nehmen, ehe man diesen Zugang erhält.“ Neben einer Sicherheitsüberprüfung müsse man, so Nader, nachweisen können, dass man persönlich der Eigentümer des Grundes sei. „Bei uns gab es aber über lange Zeit keine Landregistrierung. Mein Grund ist zum Beispiel noch immer auf meinen Großvater registriert. Ein neuer Katastereintrag ist sehr kompliziert. Wenn ich das Land jetzt aber fünf Jahre lang nicht bebaue, wird es zu öffentlichem Land und damit nach Lage der Dinge israelisch.“

    Anica Heinlein kann die Sorgen und den Zorn der Familien Beit Jalas gut verstehen. Die in Jerusalem ansässige katholische Menschenrechtsorganisation „Society Saint Yves“, für die die Deutsche arbeitet, ist seit Jahren mit den Vorgängen von Cremisan befasst. Die Anwälte der unter dem Patronat des Lateinischen Patriarchats stehenden Organisation haben die Rechtsvertretung der Salesianerschwestern übernommen. Diese hatten sich 2010 der Klage der Familien angeschlossen. Die Schwestern, die sich gegenüber der Presse nicht äußern, wollten verhindern, dass ihr Konvent auf der israelischen Seite der Mauer landen würde. Das hatten ursprüngliche Pläne der Armee so vorgesehen. Die von den Schwestern betriebene Schule mit über 400 Kindern und Jugendlichen hätte schließen müssen. Nach einem jetzt durch das Gericht bestätigten Kompromissvorschlag der Armee werden die Schwestern auf der palästinensischen Seite verbleiben. Frau Heinlein ist dennoch skeptisch. „Es ist fraglich, ob die Schule der Schwestern unter solchen Umständen überleben kann.“ Denn tatsächlich wird die Schule von drei Seiten von der Mauer umgeben sein. Es kann zudem, so meinen Beobachter, zu gefährlichen Situationen kommen. Möglich, dass viele Eltern ihre Kinder dem nicht aussetzen möchten. Doch die möglichen Konsequenzen des Mauerbaus haben das Gericht nicht beeinflusst. „Es hat uns schon erstaunt, dass das Gericht alle Rechtsargumente, die sich auf internationale Konventionen wie etwa über Kinderrechte oder Religionsfreiheit bezogen, unberücksichtigt gelassen hat“, meint Frau Heinlein weiter. Dabei sind nicht nur die Schüler vom Mauerverlauf betroffen, sondern auch die Schwestern selbst. Abgesehen davon, dass sie von Grundbesitz abgetrennt werden, wird sich das benachbarte Kloster der Salesianerpatres nach dem Willen der Armee künftig auf der israelischen Seite der Mauer befinden. Die Seelsorge, die die Patres bei den Schwestern und ihren Schülern versehen hatten, wird so nicht mehr möglich sein. Frau Heinleins Resümee: „Man kann das Urteil nur als ungerecht bezeichnen.“

    Dem schließt sich auch der Jerusalemer Weihbischof William Shomali an. Als Vikar des Lateinischen Patriarchen für die palästinensischen Gebiete ist er direkt für den Fall zuständig. Er kritisierte gegenüber dieser Zeitung am Donnerstag, dass das Gericht sein Mandat nur auf das fehlende Verbindungsstück zwischen den bereits errichteten Mauerabschnitten beschränkt sah. Eine Änderung des Verlaufs, wie von den Klägern gewünscht, sei damit von vornherein nicht möglich gewesen, weil ansonsten auch eine Änderung der bereits gebauten Mauern nötig gewesen wäre. Dazu sah sich das Gericht nicht ermächtigt. Shomali: „Das ist sinnlos. Gerechtigkeit gilt unbedingt. Das heißt, Fakten sollten von der Gerechtigkeit geschaffen werden. Keinesfalls aber sollte sich die Gerechtigkeit nach vollendeten Tatsachen richten müssen.“

    Doch noch gibt es Hoffnung. Der Anwalt der Familien hat bereits die zweite Instanz angerufen. Diese ist allerdings auch schon die letzte. Denn es handelt sich um das Oberste Gericht Israels. Bis dieses sein Urteil gefällt hat, darf die Armee auch nicht bauen. „Der Anwalt der betroffenen Familien hat beim Obersten Gericht schon eine einstweilige Verfügung gegen einen Baubeginn erreicht“, teilt Frau Heinlein mit. Ihre Organisation als Rechtsvertreterin der Schwestern überlegt, ob es der Klage der Anwohner beitritt oder eine eigene Klage einreicht. Dies soll in jedem Fall schnellstmöglich geschehen. Wann der Prozess dann beginnen kann und wie lange er dauern wird, weiß Frau Heinlein auch nicht. Nur abweisen kann der Oberste Gerichtshof den Fall nicht. „Da der Supreme Court letzte Schiedsinstanz ist, muss der Fall verhandelt werden.“

    Die Bewohner Beit Jalas haben sich indes schon an eine andere Instanz gewandt. In einem Offenen Brief haben sie Papst Franziskus in Rom um Beistand gebeten.