• aktualisiert:

    „Das schmerzt die Soldaten sehr“

    Deutsche Soldaten sterben in den weltweiten Einsätzen der Bundeswehr. Die Anteilnahme hierzulande aber ist nur gering. Das hat der Wehrbeauftragte Robbe kürzlich beklagt. Sehen Sie das auch so?

    Deutsche Soldaten sterben in den weltweiten Einsätzen der Bundeswehr. Die Anteilnahme hierzulande aber ist nur gering. Das hat der Wehrbeauftragte Robbe kürzlich beklagt. Sehen Sie das auch so?

    Ja. Ich habe erst kürzlich in Koblenz am Zentrum für Innere Führung der Bundeswehr zum Spannungsverhältnis zwischen weltweiten Einsätzen und deren Wahrnehmung im Inland gesprochen. Die Bevölkerung nimmt den aufopferungsvollen Friedensdienst unserer Soldaten weltweit tatsächlich zu wenig wahr. Ich weiß von meinen Truppenbesuchen, dass die Soldaten das sehr schmerzt. Vielleicht müsste die Bundeswehr noch offensiver über ihren Auftrag sprechen. Überhaupt ist sie im öffentlichen Leben zu wenig präsent. Das selbstbewusste Tragen der Uniform auch im Alltag könnte hier zur Entkrampfung beitragen.

    Egal wie viele Brunnen die Bundeswehr in Afghanistan bohrt: Ist das distanzierte Verhältnis der Bevölkerung zur Armee nicht die logische Konsequenz aus der Geschichte?

    Natürlich hat die Distanz mit der Geschichte zu tun. Andererseits war die Wertschätzung der Streitkräfte in früheren Jahren auch in der Bundesrepublik höher. Mittlerweile aber muss man doch sagen, dass sich das Verhältnis wieder ein wenig entspannt. Nicht mehr jedes Gelöbnis wird gleich zum Politikum.

    Immer häufiger kehren deutsche Soldaten in Särgen in die Heimat zurück. Sie sind in den Einsätzen gefallen, wie es Verteidigungsminister Jung kürzlich erstmals bezeichnet hat. Was sagen Sie den Hinterbliebenen?

    Ich kann dem Minister hier nur zustimmen. Man muss die Dinge beim Namen nennen. Die Verstorbenen sind nicht einfach verunglückt. Sie sind gefallen im Einsatz für Frieden und Sicherheit. Das Trösten der Angehörigen kann einen Seelsorger natürlich auch an seine Grenzen bringen. Mit schablonenhaften Antworten kommt man da nicht weit. Was man aber sagt, das hängt ganz von den Hinterbliebenen und ihrer spezifischen Situation ab.

    Religiöser Zuspruch ist das Eine. Kann es aber nicht sein, dass es in Deutschland auch an einer säkularen Gedenkkultur fehlt? Mit der Formel „Geopfert auf dem Altar des Vaterlands“ ist viel Schindluder getrieben worden. In den USA, Großbritannien und Frankreich wird sie so oder ähnlich aber auch als Ausdruck öffentlicher Wertschätzung und als sinnstiftend empfunden.

    Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Deshalb bejahe ich das in Berlin im Entstehen begriffene Ehrenmal für im Dienst um das Leben gekommene Soldaten. An die Formel „Geopfert auf dem Altar des Vaterlands“ können wir heute aber nicht mehr so einfach anknüpfen.

    Warum?

    Weil dies keinen Rückhalt im Empfinden der Bevölkerung hätte. Zudem ist der Auftrag der Bundeswehr ja einer, der die engen Grenzen der Nation übersteigt. Die Soldaten schaffen Sicherheit und Freiheit ja gerade für andere Völker: für die Afghanen, die Kosovaren, die Bosnier. Nicht zu vergessen sind die Soldaten im Marine-Einsatz. Das alles ist mit einem hohen Risiko verbunden. Die zeitliche Begrenzung des Einsatzes und die erhöhten Bezüge während dieser Zeit sind deshalb eine Selbstverständlichkeit.

    Aber ist nicht gerade das das Problem, dass diese Einsätze in der Öffentlichkeit unter Berufsrisiko mit Gefahrenzulage verbucht und abgeheftet werden?

    Natürlich. Das hat aber auch mit der ex-trem langen Friedensperiode zu tun, die wir in Deutschland seit dem Krieg glücklicherweise erleben dürfen. 64 Jahre Frieden: Die meisten kennen den Krieg nur aus den Nachrichten. Es ist deshalb schwer, ein echtes Verständnis zu entwickeln für das, was unsere Streitkräfte leisten. Hier ist aber wie gesagt auch die Bundeswehr gefordert, mehr zu tun. Man muss bei uns klarer erkennen können, dass unsere eigene Freiheit und Sicherheit vom Einsatz der Bundeswehr in den Bündniseinsätzen weltweit abhängt.

    Unsere Freiheit und Sicherheit werden also tatsächlich am Hindukusch verteidigt?

    Gefahren für unser Land müssen nicht mehr unmittelbar von der Nachbarschaft ausgehen. Deshalb sind Einsätze auch in weit entfernten Regionen mitunter notwendig.

    Aber wie sind diese moralisch zu begründen? Stehen humanitäre Aspekte über patriotischen?

    Beide haben ihre Berechtigung. Menschen zu helfen, in Sicherheit und geordneten staatlichen Strukturen zu leben, ist eine humanitäre Pflicht. Gleichzeitig geht davon aber auch eine stabilisierende Wirkung für die Sicherheit Deutschlands aus. Das ist gelebter Patriotismus.

    Herr Militärbischof, lassen Sie uns über die Militärseelsorge sprechen. Der religiöse Grundwasserspiegel sinkt auch in den Streitkräften. Mit Rekruten aus Ostdeutschland und Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion nimmt die Zahl der Ungetauften zu. Wie reagiert die Militärseelsorge darauf?

    Mit Offenheit. Meine Militärseelsorger berichten mir ständig davon, wie gerne ihre Gesprächsangebote und Gottesdienste gerade von Nicht-Christen angenommen werden. Die Pfarrer und Pastoralreferenten stehen außerhalb der militärischen Hierarchie und sind deshalb geschätzte Vertrauenspersonen. Gerade während der Auslandseinsätze steigt zudem die existenzielle Offenheit für grundsätzliche Frage nach Sinn und Wert des menschlichen Lebens.

    Ermutigen Sie Ihre Militärgeistlichen, explizit missionarisch tätig zu sein?

    Von den Militärpfarrern weiß ich, dass das kontraproduktiv wäre. Aktive Mission würde abschreckend wirken. Aber natürlich werden wir religiös Suchende nicht abweisen, wenn der Wunsch aufkommt. Es gibt ja immer wieder auch Taufen und Konversionen. Aber es wird kein Militärpfarrer gezielt auf einzelne Soldaten zugehen.

    Der Papst stand ja in den letzten Monaten häufig in der Kritik. Werden Sie in der Bundeswehr darauf angesprochen?

    Ja. Vor allem die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft, darunter der Holocaust-Leugner Williamson, hat viele Offiziere und Soldaten interessiert. Ich konnte aber im Gespräch die eigentliche Intention des Heiligen Vaters verständlich machen. Der Papst ist verpflichtet, Pontifex, Brückenbauer zu sein. Das ist dann immer dankbar und mit Verständnis angenommen worden.

    Steht die Militärseelorge personell auf sicheren Füßen?

    Im Moment zum Glück ja. Meine bischöflichen Mitbrüder stellen in der Regel ohne Probleme Priester und Pastoralreferenten für diesen Dienst frei, denn sie wissen um den Wert, den die Militärseelsorge für die Kirche in Deutschland heute und künftig hat. Ich hoffe, dass das so bleibt.

    Von Oliver Maksan