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    Das grüne K-Karussell

    Zumindest in einem Punkt sind sich alle vier einig: Nach zwölf langen Jahren Opposition im Bundestag soll Bündnis 90/Die Grünen wieder in Regierungsverantwortung. Doch die seit vergangener Woche laufende Urwahl, an deren Ende die Nominierung des Spitzenkandidaten der Grünen zur Bundestagswahl 2017 stehen wird, macht deutlich: Das Profil der zur Abstimmung stehenden vier Kandidaten könnte unterschiedlicher kaum sein.

    Länderrat der Grünen
    Nur einer kann gewinnen (v.l.n.r.): Robert Habeck, Kathrin Göring-Eckardt, Cem Özdemir, Anton Hofreiter. Foto: dpa,–

    Zumindest in einem Punkt sind sich alle vier einig: Nach zwölf langen Jahren Opposition im Bundestag soll Bündnis 90/Die Grünen wieder in Regierungsverantwortung. Doch die seit vergangener Woche laufende Urwahl, an deren Ende die Nominierung des Spitzenkandidaten der Grünen zur Bundestagswahl 2017 stehen wird, macht deutlich: Das Profil der zur Abstimmung stehenden vier Kandidaten könnte unterschiedlicher kaum sein.

    Bis kommenden Januar haben die rund 60 000 grünen Parteimitglieder Zeit, sich ein Bild zu machen. Was aber aber können Katholiken von den vier Grünen erwarten, die die Geschicke des Staates lenken wollen? Vorweg: Der katholischen Kirche gehört keiner der vier an. Mit Positionen, die sich ausdrücklich an dem katholischen Verständnis von Person, Gemeinschaft, Kirche und Wert des Lebens orientieren, kann daher kaum gerechnet werden. Was allerdings nicht bedeutet, dass christliche Sichtweisen keine Rolle spielen. So ist die einzige Frau des Quartetts, die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, für ihr evangelisches Engagement bekannt. 2011 leitete die Mutter zweier Söhne den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden als Präsidentin. Seit 2013 gehört die heute 50-Jährige dem Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages an, und von 2009 bis 2013 war sie Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Evangelische Frömmigkeit, die auch im Alltag gelebt wird – sie gilt als Markenzeichen der Thüringerin, für das sie von manchen Kirchenfernen, auch in der eigenen Partei, belächelt wird. Ob sie diesen Akzent ihrer Biografie als Urwahl-Kandidatin betonen wird, bleibt abzuwarten. Fest steht: Der hehre, oft aber nur schwer umsetzbare Anspruch, Politik zu machen auf Grundlage des christlichen Menschenbildes, vereint Göring-Eckardt mit manchen Unionspolitikern. Nicht ohne Grund steht sie wie kaum eine andere in ihrer Partei für Schwarz-Grün.

    Was von Anton Hofreiter, ihrem männlichen Pendant an der Spitze der Bundestagsfraktion und ebenfalls Mitglied im Kandidatenquartett zur Urwahl, nicht gesagt werden kann. Hofreiter, konfessionslos, ledig, bezeichnet sich selbst gern als „kernigen Öko“. Er wirbt für sich als einen „Parteilinken“, wobei auch er immer wieder durchblitzen lässt, dass das alte grüne Lagerdenken kaum mehr zeitgemäß ist. Wie dem auch sei, Hofreiter, promovierter Biologe und Fachmann in Fragen des Naturschutzes und der Umweltpolitik, erinnert mit seiner Haarpracht eher an einen 68er, als an einen Spitzenpolitiker dieser Tage. Er wirkt originell und redet pointiert, doch als Bundesminister ist er für viele nur schwer vorstellbar und wäre darum trotz fachlicher Kompetenz ein eher sperriges Angebot – selbst an die eigene Wählerklientel. Viele jüngere Grüne dürften Hofreiters Öko-Schwerpunkt zwar sympathisch finden, aber insgesamt wohl doch eher „retro“, ohne ausreichende Zukunftsperspektive.

    Bleiben der stellvertretende Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Robert Habeck, und der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir. Beiden ist das Religiöse nicht fremd, auch wenn sie es selbst nicht leben. Habeck, Jahrgang 1970, leitet als promovierter Philosoph und früherer Schriftsteller das Landwirtschaftsministerium in Kiel. Vom hohen Norden aus zieht es ihn in die Bundespolitik. Dabei ordnet er sich selbst als pragmatischen Linken ein, obgleich er sich in früheren Jahren als Anhänger von Schwarz-Grün einen Namen gemacht hatte. Habeck gilt als Überzeugungstäter. Manche sehen darin eine Kampfansage an das Berliner Parteiestablishment und erfrischende Ambition eines Mannes mit unkonventionellem Lebenslauf. Habeck, der mit der Schriftstellerin Andrea Paluch vier Kinder hat und an der Grenze zu Dänemark lebt, wirbt für sich als „regierungserfahrenen Träumer“ und fordert einen „Schuss mehr Rebellentum“ in der Politik. In Kiel wird er als Fachmann in Umweltfragen geschätzt. Religionspolitisch trat er am 23. April 2012 in Erscheinung, damals als Fraktionschef im Landtag. In einem offenen Brief an die Kirchen und Religionsgemeinschaften warb er für einen überkonfessionellen Religionsunterricht, der auch konfessionslosen Kindern offenstehen soll. Bis auf den kirchenpolitischen Sprecher der SPD, Rolf Fischer, waren die Reaktionen eher ablehnend.

    Auch Cem Özdemir, befreundet mit CDU-Bundesvize und ZdK-Mitglied Armin Laschet, weiß um die Bedeutung der Religion für die Gesellschaft. Er selbst bezeichnet sich als „säkularen Muslim“. Als Sohn türkischer Einwanderer nach Baden-Württemberg hat der heute 50-Jährige aber die Halt gebende Kraft des Glaubens in der Gemeinschaft türkischer Migranten selbst beobachten können. Einen Namen machte er sich in den vergangenen Jahren als Fürsprecher religiöser und ethnischer Minderheiten in der Türkei. So warnte er vor Bestrebungen, den Islam als Staatsreligion in der Verfassung zu verankern. Dies würde die ohnehin „stark polarisierte türkische Gesellschaft weiter spalten“ und den sozialen Frieden gefährden. Religiöse und andere Minderheiten wären die Leidtragenden. Sie würden noch stärker an den Rand der Gesellschaft gedrängt – „und das mit der Verfassung in der Hand“.