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    Das Wunder der Liebe Gottes

    Im christlichen Europa, besonders in den deutschsprachigen Landen, ist das Weihnachtsfest zur feststehenden Volkstradition geworden – aus dem Kult wurde eine reiche und vielfältige Kultur, die jedes Jahr erneut schon vor der Adventszeit Städte und Dörfer in festliche Kleider hüllt. Geschäftiges Treiben erfüllt Plätze und Straßen, von bunt erleuchteten Verkaufsbuden durchzogen, die winterliche Luft mit verlockendem Duft gebrannter Mandeln und wärmenden Glühweins beatmend. Und aus den Läden und Geschäftshäusern klingen weihnachtliche Gesänge. Christliche Familien treffen sich zu abendlicher Hausmusik beim Kerzenschein des Adventskranzes, zum Nüsseknacken und zur Herbergssuche.

    Gott hat uns nicht allein gelassen. Er ist selbst höchstpersönlich in die Geschichte eingetreten: „Hic de Vergine Maria ... Foto: dpa

    Im christlichen Europa, besonders in den deutschsprachigen Landen, ist das Weihnachtsfest zur feststehenden Volkstradition geworden – aus dem Kult wurde eine reiche und vielfältige Kultur, die jedes Jahr erneut schon vor der Adventszeit Städte und Dörfer in festliche Kleider hüllt. Geschäftiges Treiben erfüllt Plätze und Straßen, von bunt erleuchteten Verkaufsbuden durchzogen, die winterliche Luft mit verlockendem Duft gebrannter Mandeln und wärmenden Glühweins beatmend. Und aus den Läden und Geschäftshäusern klingen weihnachtliche Gesänge. Christliche Familien treffen sich zu abendlicher Hausmusik beim Kerzenschein des Adventskranzes, zum Nüsseknacken und zur Herbergssuche.

    Kunstvolle Krippen werden in allen Kirchen, auf Märkten und in öffentlichen Gebäuden aufgestellt, bringen Kinderaugen zum Staunen und Leuchten. Auch woanders auf dieser Welt kopiert man einige dieser Traditionen, selbst in Asien und Afrika mit Weihnachtsmann und Tannenbaum.

    Hier bei uns, im Ursprungsland von Weihnachten, ist alles auf den historischen Ort konzentriert, auf Bethlehem, auf die berühmte Mitternachtsmesse in der St. Katharinen-Basilika, die von Gläubigen aus aller Welt bis in den letzten Winkel gefüllt ist. Bis zu zweihundert Priester aus vielen Nationen beteiligen sich an der festlichen Liturgie, und in den ersten Reihen sitzt der palästinensische Präsident mit weiteren, meist muslimischen Regierungsmitgliedern.

    Am Ende der Liturgie gehen die Zelebranten singend in Prozession zur Geburtsgrotte hinunter. Vor dem vierzehnzackigen silbernen Stern am Boden unter dem Altar mit der lateinischen Inschrift „Hic de Vergine Maria Jesus Christus natus est“ – „Hier ist von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren“, wird Halt gemacht, Statio. Ein Moment von tiefstem Ergriffensein. Hier ist der Ort, auf diesem winzigen Planeten Erde, irgendwo im schier unendlichen Universum, wo der göttliche Schöpfer selbst Geschöpflichkeit angenommen hat und aus unfasslicher Liebe zu uns Menschen Mensch geworden wie wir, als kleines Kind in diese Zeit gekommen ist, um als „Immanuel“ – „Gott ist mit(ten unter) uns“ (Jes 7,14; Lk 1,23) alle Phasen des menschlichen Lebens mit uns zu teilen, außer der Sünde. Das ist geschehen an diesem Ort Bethlehem, in dieser Zeit vor etwa 2019 Jahren.

    Gott hat uns nicht nur nicht allein gelassen in der Geschichte, Er ist selbst höchstpersönlich in die Geschichte eingetreten, an diesem Weihnachtsort Bethlehem Ephrata in Judäa. Seitdem ist Er der „Gott mit uns“. In Seinem Menschsein hat Er, Jesus Christus, uns Menschen für immer unverbrüchlich in Seine Gottheit gezogen. Alle, die sich von Ihm erlösen lassen, gerechtfertigt durch Seinen Sühnetod am Kreuz, werden eingegliedert in Ihn als Söhne und Töchter Gottes, sozusagen in Ihm wiedergeboren in der Grotte von Bethlehem und nun Teilhaber am ewigen Leben des Dreieinigen Gottes.

    In Bethlehem erscheint die Liebe des Vaters. Er schenkt uns Seinen vor aller Zeit gezeugten Sohn als Menschenkind und bietet Sein Geschenk täglich neu an in völliger Hingabe. Bethlehem bedeutet im Hebräischen „Haus des Brotes“, im Arabischen „Beitlahem“ – „Haus des Fleisches“, liebevolle vorausschauende Fügung des himmlischen Vaters, Hinweis auf das Eucharistische Brot, den fleischgewordenen Menschensohn Jesus Christus, uns zur geistlichen Speise – „unser tägliches Brot gib uns heute“.

    In diesem Moment des Ergriffenseins reicht uns die Jungfrau Maria ihren göttlichen Sohn, legt Ihn in die Krippe zur Anbetung der Hirten und der Weisen aus dem Morgenland, so wie es der Diakon in unserer nächtlichen Liturgie tut, wenn er unter Gesang und Gebet die Jesuskind-Figur vom Geburtsstern nimmt und drei Stufen hinunter auf den Krippenaltar legt. „Kommt, lasset uns anbeten!“

    Das ist Bethlehem an Weihnachten auch im Jahre 2012, und das Wunder der Liebe Gottes berührt zutiefst unser gläubiges Herz. Aber in allem Ergriffensein schwingt in unserem Bewusstsein eine schwere Sorge mit für unsere Brüder und Schwestern in Syrien, die nur wenige hundert Kilometer von Bethlehem entfernt unter Bomben und Kugeln und völliger Ungewissheit über ihre Zukunft Weihnachten in Angst und Not verbringen müssen. Und wie wird Weihnachten und danach für unsere Christen in Ägypten aussehen? Was kommt auf uns alle zu hier im Nahen Osten, rund um Bethlehem und Jerusalem?

    Neben der Geburtsgrotte befindet sich – unter mehreren Höhlenkapellen – eine, die den Unschuldigen Kindern geweiht ist. Sie erinnert an die ersten Märtyrer, an den Kindermord des Herodes, der den neugeborenen König verfolgen ließ, um Ihn zu beseitigen.

    Auch in der Gegenwart gibt es wieder solche wie Herodes, Machtmenschen, keine guten Hirten für ihr Volk, nationalistische Politiker, keine Staatsmänner, die sich globaler Gerechtigkeit verantwortlich wissen. Das Böse hat sich der Menschheit wieder bemächtigt. Arroganz und Stolz verhindern den Frieden in der Welt.

    Zur Heilung gibt es in Bethlehem ein Symbol: die kleine Pforte zur Geburtskirche, nur 120 mal 79 Zentimeter groß. Jeder, der hier durch will, um zur Geburtsstätte Jesu zu gelangen, muss sich beugen.

    Wir rufen die Verantwortlichen der Völker auf, sich zu beugen in Demut vor Gott, dem sie Rechenschaft geben müssen. Niemand wird Seinem Urteil entrinnen. Der Psalmist mahnt: „Meide das Böse und tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach“ (Ps 34,15).

    In diese große Sorge hinein ruft der Engel den Hirten auf dem Felde zu: „Fürchtet euch nicht, ... heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; Er ist der Messias, der Herr“ (Lk 2,10–11).

    „Fürchtet euch nicht!“, das ist auch der Zuruf des Heiligen Vaters an alle Christen hier im Nahen Osten kürzlich im Libanon, „fürchtet euch nicht, die Frohe Botschaft anderen zu verkünden ... seid eingedenk, dass jede Person ein heiliges Land ist, in dem der Herr geboren werden und aufwachsen möchte, sodass wir Zeugnis geben können“. Im Glauben und liebenden Vertrauen zu Gott wollen wir diesem ermutigenden Aufruf folgen, denn da ist der Immanuel – „Gott ist mit uns“, seit Bethlehem.

    Mit der Bitte, uns Christen der Mutterkirche im Heiligen Land, die wir nur wenige sind, nicht zu vergessen, nicht allein zu lassen, für uns beständig zu beten und uns – furchtlos – als Pilger zu besuchen, wünsche ich allen Lesern der „Tagespost“ ein friedevolles, gnadenreiches Weihnachtsfest.

    Der Autor ist Lateinischer Patriarch von Jerusalem.