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    Das Naturrecht in der Denker-Werkstatt

    Es gibt Sätze, die schlagen ein wie der Blitz. Das Augustinus-Zitat, mit dem Papst Benedikt XVI. seine Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September während seines Deutschland-Besuchs im vergangenen Jahres garnierte, gehört sicher zu ihnen: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande.“

    Denker-Werkstatt an einem außergewöhnlichen Ort: Gespräch über das Naturrecht in der Aula des Collegium Albertinum. Foto: Alexander von Lengerke

    Es gibt Sätze, die schlagen ein wie der Blitz. Das Augustinus-Zitat, mit dem Papst Benedikt XVI. seine Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September während seines Deutschland-Besuchs im vergangenen Jahres garnierte, gehört sicher zu ihnen: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande.“

    „Wir Deutsche“, fuhr der Heilige Vater damals fort, „wissen es aus eigener Erfahrung, dass diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrundes treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren“ sei und bleibe „die grundlegende Aufgabe des Politikers“. Wie aber, fragte der Papst, „erkennen wir was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden?“

    Fragen, die am Sonntag in der mit 150 Teilnehmern voll besetzten Aula des Collegiums Albertinum in Bonn auch der Philosophische Arbeitskreis „Vernunft und Glaube“ unter der Überschrift „Auf dem Weg zu einer ,Ökologie des Menschen‘ – Das Naturrecht in der Diskussion“ zu beantworten suchte. Und weil für die Mitglieder des Arbeitskreises, obgleich sie recht unterschiedliche Zugänge und Stile bevorzugen, die von der Scholastik über die Transzendentalphilosophie bis zur Phänomenologie und der Analytischen Philosophie reichten, Vernunft und Glaube nun einmal keine Gegensätze darstellen, konnte die Tagung mit einem Gottesdienst in der Hauskapelle des Kölner Priesterseminars beginnen, den niemand Geringeres zelebrierte als der Hausherr selbst. Ein Grund dafür dürfte wohl auch die große Wertschätzung sein, die der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, dem Stuttgarter Philosophen Robert Spaemann entgegenbringt, der in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feiern konnte, und der selbstverständlich auch auf dieser Tagung nicht fehlte.

    „Als Denker des Natürlichen setzen Sie sich nicht vom Übernatürlichen ab, sondern vom Widernatürlichen“, wandte sich Meisner in seinem Grußwort in der Aula des Collegium Albertinum im Anschluss an den Gottesdienst, denn auch direkt an den Jubilar. Berthold Wald, Lehrstuhlinhaber für Systematische Philosophie der Theologischen Fakultät Paderborn, der gemeinsam mit dem Neusser Philosophen Hanns-Gregor Nissing durch die Tagung führte, dankte Spaemann dafür, dass er das Thema Naturrecht in Deutschland und weit darüber hinaus „wach gehalten“ und aus dem „katholischen Ghetto“ herausgeholt habe. Spaemanns Einsatz habe, zeigte sich Wald überzeugt, ganz sicher auch „den Papst inspiriert“.

    Der so Geehrte bedankte sich, indem er einfach zur Sache sprach. Der Rechtspositivismus sei eine „Schönwettertheorie“. Sie funktioniere nur solange, wie überall die Sonne scheine. Wenn es aber stürme, dann entziehe der Rechtspositivismus „Staatsverbrechen der Rechtsprechung“. Darum habe der Papst, so Spaemann weiter, „den Bundestagabgeordneten zu bedenken gegeben, dass nicht schon alles Recht ist, was sie demokratisch bechlossen haben“.

    Auch stünde das positive, von Menschen geschaffene Recht, ohne das es weder Rechtssicherheit noch Rechtsfrieden gebe, nicht in einem grundsätzlichen Gegensatz zu dem, was von Natur aus recht ist. Den von dem schottischen Philosophen David Hume gegen das Naturrecht in Stellung gebrachten Einwand des naturalistischen Fehlschlusses, wonach aus dem Sein schon logisch kein Sollen folgen könne, wandte Spaemann ein, Hume habe einen, reduktionischen Seinsbegriff besessen. „Sein“ sei nämlich, so Spaemann, immer schon gut, der den Teilnehmern in diesem Zusammenhang auch die Lektüre von Leo Strauss, Philippa Foot empfahl. Auch Kants Metaphysik sei ein System des Naturrechts. Zwar werde heute der Gedanke der Wahrheitsfähigkeit des Verstandes überwiegend von Katholiken verteidigt, doch habe schon Friedrich Nietzsche gezeigt, dass es, wenn es keine Wahrheit gebe, es auch keine Aufklärung geben könne.

    Das Naturrecht könne „uns lehren, was richtig ist, aber es kann uns nicht verpflichten, es zu tun“, so Spaemann. Das sehe erst dann anders aus, wenn hinter dem Naturrecht der Wille Gottes stehe. Letztlich könne überhaupt nur Gott Autorität legitimieren. Denn an sich habe, so Spaemann weiter, „kein Mensch das Recht, über einen anderen zu befehlen. Auch eine Mehrheit besitze dieses Recht nicht. Entweder steht hinter der befehlenden Autorität die Autorität Gottes oder es gibt überhaupt keine Autorität.“

    Welche dramatischen Auswirkungen die Leugnung der Existenz des Naturrechts hat, zeigte Spaemann an einem recht drastischen Beispiel. Der Stuttgarter Philosoph erinnerte an den sogenannten „Kannibalen von Rottenburg“, der im Internet nach Menschen gesucht hatte, dies sich von ihm verspeisen lassen wollten. Vor Gericht habe der Kannibale später argumentiert, seinem Opfer sei durch seine Tat gar kein Unrecht geschehen, da sämtliche Vorgänge der Tat im beiderseitigen Einvernehmen verabredet worden seien. Ohne einen Rückgriff auf das von Natur aus Rechte könne der Kannibale von Rottenburg eigentlich nicht verurteilt werden. Das Urteil der Richter, die den Mann trotzdem verurteilten, nannte Spaemann, „windig“ und „wenig überzeugend“, auch wenn es natürlich zu begrüßen sei, dass der Kannibale hinter Schloss und Riegel gelandet sei.

    So würden auch die im Grundgesetz verbürgten Grundrechte nicht Recht schaffen, sondern lediglich etwas zum Ausdruck, bringen, das recht ist.

    Woher aber weiß der Mensch nun, was recht ist, und was nicht? Das ist eine Frage, die auch die Philosophen nicht erschöpfend klären konnten. Hanns-Gregor Nissing verwies darauf, dass auch Benedikt XVI. selbst hier nur Hinweise gegeben habe. „Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit“, zitierte Nissing aus der Rede des Papstes vor dem Deutschen Bundestag.

    Jörg Splett von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen näherte sich der Frage, indem er drei Begriffe zu klären suchte, die „engstens zusammengehören“, nämlich Wahrheit, Recht und Gewissen. Wahrheit sei, so Splett, ein „Sich-Zeigen“ der Wirklichkeit. Recht sei die Institution der Grundtugend Gerechtigkeit. Weil aber zum Recht beziehungsweise zu dessen Durchsetzung sowohl Zwang als auch Gewalt gegen das Unrecht gehörten, könne das Recht allein weder den wahren Frieden und schon gar nicht das Glück gewährleisten. Glück stelle sich nämlich, so Splett weiter, erst ein, wenn jemand mehr erhalte, als ihm zusteht. Darum seien dem Recht auch Pflichten voranzustellen. Splett schlug denn auch vor, statt vom Naturrecht von Pflichten zu sprechen, die jeder von Natur aus habe. Beim Gewissen müssten, so Splett, zwei Formen unterschieden werden. Nämlich das „Prinzipiengewissen“ und das „Situationsgewissen“. Letztlich werde der Mensch dort von Ansprüchen ergriffen, die er nicht von sich selbst habe. Dort vernehme der Menschen etwa „die Pflicht, anständig zu sein“.

    Letztlich sei ein derartiges „Sollen“ ein „Dürfen“. Denn „Wer nicht sollen will, muss müssen“, so Splett. Es sei zwar nicht immer angenehm, zu sollen, „aber noch unangenehmer ist es, müssen zu müssen“. Dass das naturrechtliche Denken immer noch in der Werkstatt ist – auch wenn die Einwände, die gegen es ins Feld geführt werden, zurückgewiesen werden können, machten alle Redner, darunter auch die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz deutlich. Nissing versprach denn auch eine Fortsetzung der Tagung.

    Der Philosophische Arbeitskreis „Vernunft und Glaube“ ist ein Zusammenschluss von Philosophen aus Deutschland und dem benachbarten Ausland, der sich 2007 in regelmäßigen Abständen trifft, um miteinander und mit einem interessierten Publikum Fragen zu diskutieren, die im Bereich von Vernunft und Glaube angesiedelt sind. Aus der Arbeit des Kreises sind mehrere Publikationen hervorgegangen: Hanns-Gregor Nissing (Hrsg.): „Vernunft und Glaube. Perspektiven gegenwärtiger Philosophie, München 2008.; ders.: „Natur. Ein philosophischer Grundbegriff“, Darmstadt 2010; ders.: „Was ist Wahrheit? Zur Kontroverse um die ,Diktatur des Relativismus‘, München 2011.