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    Das Ende der Eiszeit

    Im vergangenen Jahr hatten die afghanischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen die Taliban mehr Tote zu verzeichnen als je zuvor, wofür man in Afghanistan nicht zuletzt die Unterstützung der Rebellen durch Pakistan verantwortlich macht. Nun aber gibt es neue Perspektiven, die zu Verhandlungen mit den Taliban führen könnten: Zum einen ist China, das zu Pakistans engstem Alliierten in der Region geworden ist, an stabilen Verhältnissen in Afghanistan gelegen, da es dort Bergbauinteressen hat, zum andern wünscht man in Islamabad in eigenem Interesse ein befriedetes Afghanistan. Das mit Afghanistan seit Jahrzehnten mehr oder weniger offen verfeindete Pakistan wurde deshalb in den vergangenen Monaten zur Schlüsselfigur für das Zustandekommen von Gesprächen zwischen den afghanischen Rebellen und der Regierung in Kabul. Ein Symbol hierfür ist, dass Pakistan in der letzten Woche Nahrungsmittel, Zelte und Decken für die Opfer mehrerer schwerer Lawinenunglücke im benachbarten Afghanistan verteilen ließ. Da das Verhältnis der beiden Nachbarländer seit langem von Gift und Galle geprägt ist, war dies mehr als eine bloße Geste der Mitmenschlichkeit. Es gibt auch schon erste Anzeichen für pakistanische Friedensvermittlungen zwischen Kabul und den Taliban, welche immer wieder blutige Aufstände gegen die afghanische Regierung angezettelt haben. Viel Verdienst für die Verbesserung des beiderseitigen Verhältnisses gebührt dem seit September amtierenden afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani. Bereits in einer seiner ersten öffentlichen Reden hatte er Pakistan erste Priorität innerhalb seiner Außenpolitik eingeräumt und Indien, ehemals enger Verbündeter Kabuls, in einen „äußeren Ring Afghanistan umgebender Staaten“ eingegliedert. Während sein Vorgänger Hamid Karzai häufig Besuche in Indien machte, ist Ghanis erster Besuch in Delhi noch nicht einmal terminiert. Dafür war der afghanische Präsident schon im vergangenen November in Islamabad, wo er unter anderem auch Armeechef General Raheel Sharif aufsuchte, der – statt des mit ihm nicht verwandten Premierministers Nawaz Sharif – die eigentliche Macht in Pakistan ausübt. Diese als Höflichkeitsakt bezeichnete Begegnung löste zuhause Betroffenheit bei all denjenigen Afghanen aus, welche die pakistanische Armee als Quelle allen Übels ansehen, vor allem deshalb, weil sie traditionell als Unterstützer der afghanischen Taliban gilt. „Nichts hat Afghanistan mehr Unehre eingebracht als dieser Besuch“, fauchte der ehemalige Außenminister Rangin Dadfar Spanta im heimischen Kabul. Präsident Ghani gehört nicht zum eingefleischten Kreis von heimischen Politikern, die beständig über den richtigen Weg Afghanistans untereinander kungeln: Er hat in Beirut und in den USA studiert und gelehrt sowie für die Weltbank gearbeitet. 2001 kehrte er zunächst in einer Funktion für eine internationale Organisation in seine Heimat zurück und ist mit einer libanesischen Christin verheiratet.

    Pakistans Präsident Ashraf Ghani mit seiner Frau, einer libanesischen Christin. Foto: dpa

    Im vergangenen Jahr hatten die afghanischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen die Taliban mehr Tote zu verzeichnen als je zuvor, wofür man in Afghanistan nicht zuletzt die Unterstützung der Rebellen durch Pakistan verantwortlich macht. Nun aber gibt es neue Perspektiven, die zu Verhandlungen mit den Taliban führen könnten: Zum einen ist China, das zu Pakistans engstem Alliierten in der Region geworden ist, an stabilen Verhältnissen in Afghanistan gelegen, da es dort Bergbauinteressen hat, zum andern wünscht man in Islamabad in eigenem Interesse ein befriedetes Afghanistan. Das mit Afghanistan seit Jahrzehnten mehr oder weniger offen verfeindete Pakistan wurde deshalb in den vergangenen Monaten zur Schlüsselfigur für das Zustandekommen von Gesprächen zwischen den afghanischen Rebellen und der Regierung in Kabul. Ein Symbol hierfür ist, dass Pakistan in der letzten Woche Nahrungsmittel, Zelte und Decken für die Opfer mehrerer schwerer Lawinenunglücke im benachbarten Afghanistan verteilen ließ. Da das Verhältnis der beiden Nachbarländer seit langem von Gift und Galle geprägt ist, war dies mehr als eine bloße Geste der Mitmenschlichkeit. Es gibt auch schon erste Anzeichen für pakistanische Friedensvermittlungen zwischen Kabul und den Taliban, welche immer wieder blutige Aufstände gegen die afghanische Regierung angezettelt haben. Viel Verdienst für die Verbesserung des beiderseitigen Verhältnisses gebührt dem seit September amtierenden afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani. Bereits in einer seiner ersten öffentlichen Reden hatte er Pakistan erste Priorität innerhalb seiner Außenpolitik eingeräumt und Indien, ehemals enger Verbündeter Kabuls, in einen „äußeren Ring Afghanistan umgebender Staaten“ eingegliedert. Während sein Vorgänger Hamid Karzai häufig Besuche in Indien machte, ist Ghanis erster Besuch in Delhi noch nicht einmal terminiert. Dafür war der afghanische Präsident schon im vergangenen November in Islamabad, wo er unter anderem auch Armeechef General Raheel Sharif aufsuchte, der – statt des mit ihm nicht verwandten Premierministers Nawaz Sharif – die eigentliche Macht in Pakistan ausübt. Diese als Höflichkeitsakt bezeichnete Begegnung löste zuhause Betroffenheit bei all denjenigen Afghanen aus, welche die pakistanische Armee als Quelle allen Übels ansehen, vor allem deshalb, weil sie traditionell als Unterstützer der afghanischen Taliban gilt. „Nichts hat Afghanistan mehr Unehre eingebracht als dieser Besuch“, fauchte der ehemalige Außenminister Rangin Dadfar Spanta im heimischen Kabul. Präsident Ghani gehört nicht zum eingefleischten Kreis von heimischen Politikern, die beständig über den richtigen Weg Afghanistans untereinander kungeln: Er hat in Beirut und in den USA studiert und gelehrt sowie für die Weltbank gearbeitet. 2001 kehrte er zunächst in einer Funktion für eine internationale Organisation in seine Heimat zurück und ist mit einer libanesischen Christin verheiratet.

    Ghani hat neuerdings seine Sicherheitskräfte angewiesen, mit ihren pakistanischen Kollegen bei der Überwachung der unsicheren Grenze beider Länder eng zusammenzuwirken. Er hat Kadetten an die pakistanische Militärakademie in Abbottabad geschickt, während sein Vorgänger afghanische Offiziersanwärter eher in Indien ausbilden ließ. Der Chef der pakistanischen Streitkräfte hat inzwischen eine ganze Reihe von Besuchen in der afghanischen Hauptstadt absolviert. Die neue Hinwendung Afghanistans zu Pakistan wird besonders dadurch deutlich, dass Ghani neuerdings Truppen aus den Kämpfen gegen die afghanischen Taliban abzieht, um sie gegen deren pakistanische Variante Tehrek-e-Taliban (TTP) einzusetzen, deren Leute derzeit im Gebiet von Dangam im östlichen Afghanistan Zuflucht gefunden haben. Es waren TTP-Angehörige, die im letzten Dezember eine Schule für Soldatenfamilien im pakistanischen Peshawar angegriffen und dabei 132 Kinder getötet hatten.

    Pakistanische Regierungsleute haben durchaus Einfluss auf die afghanischen Taliban, deren Führer weitgehenden Schutz in pakistanischen Städten genießen. Viele Taliban aus dem Nachbarland besitzen Grundeigentum in Pakistan und schicken dort ihre Kinder zur Schule. Deshalb liegt auch für westliche Diplomaten in der pakistanischen Hauptstadt nahe, dass Pakistan in der Lage sein dürfte, die afghanischen Taliban an den Verhandlungstisch mit ihrer heimischen Regierung zu bewegen – sofern ihr Chef, der einäugige Mullah Omar, seinen Leuten keine gegenteilige Order gibt. Ganz entscheidend hängen erfolgreiche Verhandlungen zwischen den Taliban und der Regierung in Kabul allerdings davon ab, wie lange Präsident Ghani dort im Amt bleibt. Er erlangte seine Funktion in einer umstrittenen Wahl und einem anschließend mühsam ausgehandelten Kompromiss. Er ist in weiten Kreisen der Bevölkerung unbeliebt und sein Vorgänger Karzai warnt davor, dass Afghanistan nicht unter die Fuchtel Pakistans geraten dürfe. Wenn Ghani politisch und physisch überleben will, braucht er Erfolge, die rasch zum Frieden führen.