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    „Dammbruch statt Durchbruch“

    Mannheim/Augsburg/Bonn (DT) Die Entscheidung des britischen Unterhauses, ein an der Universität Newcastle entwickeltes reproduktionstechnisches Verfahren zur Erzeugung sogenannter „Drei–Eltern-Babys“ zu legalisieren (DT vom 5.2.) ist bei deutschen Bioethikern und katholischen Bischöfen auf Unverständnis und scharfe Kritik gestoßen. „Bei der Erzeugung eines Kindes mit drei Elternteilen in Großbritannien“ gehe es „um einen Menschenversuch mit ungewissem Ausgang“, sagte der Mannheimer Bioethiker Axel W. Bauer dieser Zeitung.

    Moral spielt in den reproduktionstechnischen Labors offenbar keine Rolle mehr. Foto: Daniel Rennen

    Mannheim/Augsburg/Bonn (DT) Die Entscheidung des britischen Unterhauses, ein an der Universität Newcastle entwickeltes reproduktionstechnisches Verfahren zur Erzeugung sogenannter „Drei–Eltern-Babys“ zu legalisieren (DT vom 5.2.) ist bei deutschen Bioethikern und katholischen Bischöfen auf Unverständnis und scharfe Kritik gestoßen. „Bei der Erzeugung eines Kindes mit drei Elternteilen in Großbritannien“ gehe es „um einen Menschenversuch mit ungewissem Ausgang“, sagte der Mannheimer Bioethiker Axel W. Bauer dieser Zeitung.

    Die Arbeitsgruppe von Shoukrat Mitalipov von der University of Oregon in Beaverton habe bereits 2009 Experimente mit Eizellen von Affen gemacht. „Schon die Übertragung dieser Technik auf menschliche Eizellen und die anschließende künstliche Befruchtung mit einer Samenzelle wäre reproduktionsmedizinisch gewagt und ethisch nicht zu verantworten“, so Bauer, der Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg lehrt. „Der Austausch schadhafter Mitochondrien“ solle den Ausbruch einiger schwerer genetischer Erkrankungen verhindern, doch bliebe „völlig ungewiss, welchen gesundheitlichen Preis ein derart experimentell erzeugtes Kind dafür zu zahlen habe“. „Nun aber sollen zunächst mehrere Embryonen durch IVF erzeugt werden. Die eine Gruppe mit Eizellen einer gesunden Spenderin, die andere Gruppe mit den Eizellen der an einer Mitochondriopathie leidenden Frau. Verwendet werden soll für beide Gruppen von Eizellen das Sperma desselben Mannes.“ Sodann würden die verschmelzenden Zellkerne aus der Eizelle der erkrankten Frau in die entkernte Eizelle der Spenderin mit den gesunden Mitochondrien transferiert. „Dies hat den Tod des dortigen Embryos zur Folge, der lediglich als ,Platzhalter‘ erzeugt wurde. Eine krassere Form der Instrumentalisierung menschlichen Lebens kann man sich eigentlich nicht vorstellen“, so Bauer gegenüber der „Tagespost“. Durch eine solche Form der künstlichen Befruchtung werde „der natürliche Zeugungsvorgang beim Menschen noch stärker zu einem technisch gesteuerten medizinischen Optimierungsprozess: Der Mensch wäre nicht mehr Geschenk, sondern ein artifizielles Produkt. Das potenzielle Kind hätte nicht zwei, sondern drei Elternteile, auch wenn der quantitative Anteil der Gene in den übertragenen Mitochondrien sehr gering ist.“ Hinzu kämen „vermutlich mehrere durch ,Entkernung‘ getötete Halbgeschwister“, so Bauer.

    Ethisch betrachtet stünden wir „am Beginn einer schiefen Ebene, in deren Verlauf es immer fraglicher werden wird, ob ein Mensch tatsächlich stets nur zwei Elternteile, nämlich eine Mutter und einen Vater haben muss.“ „Könnte man“, fragt der Medizinethiker, der von 2008 bis 2012 dem Deutschen Ethikrat angehörte, „eines nicht allzu fernen Tages womöglich auch einen Embryo mithilfe von drei oder vier Elternteilen in der Petrischale künstlich ,herstellen‘“? Vorgebliche medizinische Gründe dafür ließen sich immer finden. „Es scheint in unserer Gesellschaft zunehmend die Vorstellung zu herrschen, dass es ein verbrieftes Anspruchsrecht auf ein Kind, noch dazu auf ein gesundes Kind geben müsse.“ Diese „fehlleitende Idee“ passe „aber in eine Zeit, in der alles machbar zu sein scheint, in der das Schicksal durch bloße Technik ausgetrickst werden soll. Bei einem so sensiblen und höchst intimen Vorgang wie der Zeugung eines Menschen stehen wir vor einer anderen Dimension als im Fall der Kreation eines neuen, leistungsstärkeren Computers“, kritisiert Bauer.

    Augsburg Weihbischof Anton Losinger sagte im Gespräch mit dieser Zeitung: „Ich halte das Drei-Eltern-Baby eher für einen ethischen Dammbruch als für einen medizinischen Durchbruch.“ „Der Mitochondrien-Transfer und die damit verbundene Technik verspricht Heilungshoffnungen, die auf Kosten der Vernichtung embryonalen Lebens entstehen“, so Losinger, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist. Die mit der In-vitro-Fertilisation verbundene Präimplantationsdiagnostik erzeuge zudem ein Menschenbild, das selektiv sei. „Die logische Verbindung dieser beiden Techniken“ konterkariere zudem „die Inklusionsdebatte, die in unserer Gesellschaft derzeit geführt wird“. „Die Inklusion von Menschen mit und ohne Behinderung“ trete in einen „Gegensatz zu einer medizinischen Technik, bei der die Detektion von genetischen Defekten zur Verwerfung des entstandenen Embryos führt“. Bei der Technik des Mitochondrien-Transfers entstehe ein Drei-Eltern-Baby, bei dem die genetischen Anteile des Vaters, der Mutter und der Spenderin zusammenträten. Das werfe schwerwiegende Fragen „nach der genetischen Identität eines Menschen, der Berechtigung genetischer Eingriffstiefe und nicht zuletzt die nach Designer-Babys auf“, so Losinger, der an den Grundsatz britischer Rechtsgelehrter erinnerte, wonach die Berücksichtigung tragischer Einzelfällen zur Verabschiedung schlechter Gesetze führe („hard cases make bad law“).