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    Bosniens Katholiken verloren den Frieden

    Mehr als 16 Jahre nach Ende des Krieges in Bosnien-Herzegowina sind die Katholiken des südosteuropäischen Landes eindeutig die Verlierer des Friedensvertrags und seiner Folgen. Im Gespräch mit dieser Zeitung bestätigt der Vorsitzende der Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina, Bischof Franjo Komarica, in Zagreb die dramatische Lage seiner Gläubigen: Nur etwa drei Prozent der Vertriebenen aus dem serbisch beherrschten Landesteil Bosniens konnten zurückkehren. Von 220 000 Katholiken, die vor dem von 1992 bis 1995 währenden Krieg auf dem Gebiet der heutigen „Republika Srpska“ lebten, waren 1996 nur 9 500 Katholiken geblieben. Heute seien es rund 11 500, so Komarica, der Bischof von Banja Luka in Nord-Bosnien ist. Die stärkste Waffe der Vertreiber sei die Zeit, denn die Bereitschaft und die Möglichkeiten zur Rückkehr würden mehr und mehr schwinden.

    Der Opfer des Genozids in Bosnien gedachten am 27. Juli in Srebrenica UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon und der Präsident ... Foto: dpa

    Mehr als 16 Jahre nach Ende des Krieges in Bosnien-Herzegowina sind die Katholiken des südosteuropäischen Landes eindeutig die Verlierer des Friedensvertrags und seiner Folgen. Im Gespräch mit dieser Zeitung bestätigt der Vorsitzende der Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina, Bischof Franjo Komarica, in Zagreb die dramatische Lage seiner Gläubigen: Nur etwa drei Prozent der Vertriebenen aus dem serbisch beherrschten Landesteil Bosniens konnten zurückkehren. Von 220 000 Katholiken, die vor dem von 1992 bis 1995 währenden Krieg auf dem Gebiet der heutigen „Republika Srpska“ lebten, waren 1996 nur 9 500 Katholiken geblieben. Heute seien es rund 11 500, so Komarica, der Bischof von Banja Luka in Nord-Bosnien ist. Die stärkste Waffe der Vertreiber sei die Zeit, denn die Bereitschaft und die Möglichkeiten zur Rückkehr würden mehr und mehr schwinden.

    Die „Republika Srpska“ umfasst 49 Prozent des Territoriums von Bosnien-Herzegowina und hat ihren Regierungssitz in Banja Luka. Hier haben die bosnischen Serben unter den mittlerweile beim UN-Tribunal in Den Haag inhaftierten Kriegsverbrechern Radovan Karadžiæ und Ratko Mladiæ eine grausame „ethnische Säuberung“ durchgeführt. Nur fünf Prozent der nicht-serbischen Bevölkerung dieses Gebietes blieben in ihrer Heimat. In ihrer Landeshälfte hätten die Serben „gesetzgebende sowie Regierungsmacht und können diesen Teil des Staates Bosnien-Herzegowina gestalten als eigenen Nationalstaat Serbische Republik“, klagt Bischof Komarica.

    Heimkehrer wurden getötet, ihre Häuser neuerlich zerstört

    Die Rückkehr der vertriebenen nicht-serbischen Bevölkerung, wie sie das 1995 unterzeichnete Abkommen von Dayton vorsah, habe sich „leider nur sehr begrenzt verwirklicht, hauptsächlich durch die Obstruktion der Regierenden der Serbischen Republik“. Dies gelte insbesondere für die katholischen Kroaten, von denen 95 Prozent vertrieben wurden. Damit aber fehle eines der drei für Bosnien konstitutiven Völker. „Wir sind für unseren Nachbarn ein Problem und er ist uns ein Problem: Wir stecken wie ein Kloß in seinem Hals – er kann uns nicht runterschlucken, aber auch nicht ausspucken“, so der Bischof.

    Komarica berichtet, dass die materiellen Güter seitens der Europäischen Union und vom Flüchtlings-Kommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) hauptsächlich an die Lokalverwaltungen der beiden Landesteile gegangen seien. Diese aber hätten jeweils nur ihren eigenen Leuten geholfen. „So haben die Kroaten in beiden Teilen, in der Serbischen Republik und in der Föderation Bosnien-Herzegowina, weit weniger internationale Hilfe für die Rückkehrer bekommen, in der Serbischen Republik nur wenige Prozent von der zugeteilten Hilfe“, berichtet der Bischof von Banja Luka.

    Gleichzeitig werde von jenen, die die notwendigen Hilfen verhinderten, „die fatale Behauptung“ verbreitet, „dass die vertriebenen Kroaten nicht in ihre Heimatorte zurückzukehren wünschen“. Bischof Komarica wörtlich: „Es ist eine traurige Wahrheit, dass die vertriebenen Kroaten, welche an die Rückkehr dachten, die notwendige Unterstützung auch von den kroatischen Politikern nicht zur Genüge bekamen. Das bezieht sich besonders auf die Rückkehrwilligen in die Serbische Republik.“

    Die Unsicherheit für die Rückkehrer sei lange Zeit das Haupthindernis gewesen. Mehrere Heimkehrer wurden ermordet, ihre bereits renovierten Häuser neuerlich verwüstet. Zwar habe sich zwischenzeitlich die Sicherheitslage verbessert, doch fehle es an der notwendigen Infrastruktur, also an befahrbaren Wegen, Strom, Wasser, Baumaterial, und nicht zuletzt an Arbeitsplätzen für die Heimkehrer. Die katholische Kirche habe Tausende Häuser renoviert und ausgebaut sowie bei der Gründung von neuen Arbeitsplätzen geholfen. Komarica berichtet, dass er allein zwischen März und Juni Hilfsgesuche von 800 katholischen Familien aus vier Gemeinden bei Banja Luka erhalten habe. Dabei gehe es um den Wiederaufbau ihrer Dörfer und Häuser.

    Im Gespräch mit der „Tagespost“ zeigte sich der bosnische Bischof zugleich besorgt über den wachsenden Einfluss der Türkei auf dem Balkan und insbesondere auf die Muslime in Bosnien-Herzegowina. Die Türkei sei mit gewaltigen Investitionen und auch kulturell zunehmend präsent, was Europa nicht ausreichend sehe. Der Präsident der bosnischen Serbenrepublik, Milorad Dodik, habe jüngst sogar an den Apostolischen Nuntius appelliert, der Vatikan müsse nun Bosnien „vor den Türken retten“, weil er die neo-osmanische Außenpolitik Ankaras fürchte.

    Wie vor einem Jahrhundert nehme einerseits die Türkei, auf der anderen Seite Russland über Serbien und seine Orthodoxie zunehmend Einfluss auf die Region. Die Einzigen, die keinen Anwalt hätten, seien die Katholiken, klagt Komarica. Er selbst habe Papst Benedikt XVI. in einer Privataudienz gesagt: „Früher hatten wir Katholiken wenigstens den Kaiser in Wien. Jetzt müssen Sie unser Kaiser sein!“

    Über den EU-Sonderbeauftragten und „Hohen Repräsentanten“ der Internationalen Staatengemeinschaft für Bosnien-Herzegowina („High Rep“ genannt), den österreichischen Diplomaten Valentin Inzko, sagt Komarica, dieser kenne das Land und seine Probleme gut, doch seien ihm „die Hände gefesselt“. Die Amerikaner seien von Anfang an gegen seine Ernennung gewesen und hätten dieser nur unter Auflagen zugestimmt. Tatsächlich hatte Washington 2009 ein Veto gegen Inzkos Wahl eingelegt, weil Amerika den Vertreter eines NATO-Landes in dieser Position wollte. Der Vertrag von Dayton funktioniert laut Komarica in der Praxis nicht, doch lähme die Konkurrenz zwischen Washington und Europa eine Reform des bestehenden Systems.

    Anfang Juli kommentierte der Bischof von Banja Luka den Vertrag von Dayton gegenüber Abgeordneten des Europäischen Parlaments in Straßburg so: „Diese ungerechte Teilung des Landes hat de facto das Gesetz des Stärkeren zum Gesetz gemacht, nicht jedoch das Gesetz der Gerechtigkeit.“ Deshalb funktioniere Bosnien-Herzegowina bis heute nicht als Staat. Weder die gegen das Zusammenleben der verschiedenen Gemeinschaften gerichtete Ideologie noch die „verhängnisvolle Politik, welche die Ursache des Krieges war“, seien beseitigt worden.

    Komarica sprach in Straßburg von seinem Land als einem „Trugbild eines Staates“. Tatsächlich gebe es keine ausreichende Koordination zwischen den politischen Ebenen, also zwischen den beiden „Entitäten“ (der „Republika Srpska“ und der aus zehn Kantonen bestehenden Föderation), sowie zwischen diesen und dem Gesamtstaat.

    16 Jahre nach dem Friedensabkommen stehe Bosnien-Herzegowina in einer tieferen politisch-sozialen Krise als zur Zeit des Abkommens, meint der bosnische Bischof. Dabei mangelt es auch an politischem Ethos: Der Staat habe kein Bewusstsein der Verantwortung gegenüber seinen eigenen Staatsbürgern. Die Verwaltung und die Gerichte seien durchsetzt von Parteipolitik. Komarica äußert sich besorgt über die „offensichtliche Erosion der Justiz und der Gerichte insgesamt“. Viele Bürger hätten bereits vorgeschlagen, den eigenen Staat beim Internationalen Gerichtshof anzuklagen.

    Die Bevölkerung ertrage nicht nur das Trauma des Kommunismus und eines ebenso sinnlosen wie brutalen Krieges, sondern sei auch zum Opfer eines ungerechten Friedens geworden, sagt der Vorsitzende der bosnisch-herzegowinischen Bischofskonferenz. Er kritisiert auch die systematische Korruption und weit verbreitete Wirtschaftskriminalität in Bosnien. Die derzeitige Ordnung des Landes gebe „keinen Raum für eine gerechte und demokratische Entwicklung des Staates“. Komarica appellierte mehrfach an die Politiker Europas und warnte davor, dass Bosnien eine bleibende Quelle der Instabilität und eine Bedrohung für den Frieden in der Region werde.

    Das Vertrauen in die politische Klasse ist gering

    Ein von der Vereinigung der bosnischen Kroaten „Prsten“ (Ring) organisierter „Runder Tisch“, an dem auch der kroatische Kulturverein „Napredak“ (Fortschritt), die Caritas des Landes sowie die Paneuropa-Union teilnahmen, hat sich im Juni mit einem Forderungskatalog an die Öffentlichkeit gewandt. Die bisher zu schwache Rückkehr der Flüchtlinge müsse „zum vorrangigen staatlichen Projekt“ gemacht werden. Insbesondere in der bosnischen Serbenrepublik sei die Unsicherheit der Rückkehrer besorgniserregend.

    Das Vertrauen in die politische Klasse ist gering: „Die Vereinigungen der Zivilgesellschaft müssen Korrektiv zur offiziellen Politik werden, um in der Ära der Integration in Europa die Desintegrationsprozesse in Bosnien-Herzegowina zu stoppen.“ Die Europäische Union müsse sich „dem Problem der Rückkehr der bosnischen Kroaten möglichst schnell und verantwortungsvoll widmen“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Das vereinte Europa jedoch hat ganz andere Probleme und scheint Bosnien-Herzegowina links liegen zu lassen.