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    „Boko Haram ist ein Phänomen, das schwer zu deuten ist“

    Professor Ike, wie ernst nehmen Sie die Ankündigung des nigerianischen Präsidenten, einen Straferlass zu prüfen? Diese Idee einer Amnestie für Mitglieder von Boko Haram hat weder Hand noch Fuß. Der Präsident will 2015 wieder kandidieren, deshalb muss er Zugeständnisse machen.

    Obiora Ike. Foto: Jutta Hajek

    Professor Ike, wie ernst nehmen Sie die Ankündigung des nigerianischen Präsidenten, einen Straferlass zu prüfen?

    Diese Idee einer Amnestie für Mitglieder von Boko Haram hat weder Hand noch Fuß. Der Präsident will 2015 wieder kandidieren, deshalb muss er Zugeständnisse machen. In der momentanen Phase ist das nur politisches Geschwätz. Amnestie für wen? Man hat weder Namen noch Adressen der Terroristen. Straffreiheit kann nur bestimmten Personen unter bestimmten Umständen gewährt werden nach einer öffentlichen Diskussion. Der nigerianische Präsident sagt selbst, Boko Haram sei überall: In der Armee, der Staatssicherheit, auf höchster Ebene der politischen Parteien, sogar in der Regierung. Das heißt die Terroristen bekämpfen einen christlichen Staatschef im Amt und versuchen mit allen Methoden, die Regierung zu schwächen.

    Wer steckt hinter Boko Haram?

    Boko Haram ist ein Phänomen, das schwer zu deuten ist. Islamistische Ideologie und Fanatismus gehört zu diesem Phänomen. In der Diözese Maiduguri sind von 52 Kirchen nur noch zwei übrig. Die übrigen wurden abgebrannt. Aber das beschreibt nur die religiöse Ebene. Die Terroristen zünden auch Schulen an und bombardieren Marktplätze. Regierungsstellen, das Büro für Staatssicherheit, Polizeigebäude oder sogar UNO-Gebäude haben sie angegriffen. Das sind keine religiösen Einrichtungen. Manche Terroristen, die das nigerianische Militär gefangen genommen hat, sind keine Nigerianer. Sie kommen aus dem Tschad, aus Niger, Mali, aus dem Maghreb (Tunesien, Algerien, Marokko, Libyen, Mauretanien) oder gehören zum Volk der Tuareg. Boko Haram setzt sich zusammen aus Menschen, die für den Dschihad kämpfen, sinnlos morden, Anarchie verbreiten und ihr eigenes Leben zerstören. Das ist Friedrich Nietzsche pur: Nihilismus. Bisher ist keiner hervorgetreten und hat gesagt: „Ich bin der Anführer“. Boko Haram verändert sich ständig wie ein Virus, das immer neue Gesichter zeigt.

    Heißt das Verhandlungen über Amnestie-Bedingungen führen in die falsche Richtung?

    Nicht die Regierung, sondern Boko Haram hat im Internet zehn Bedingungen gestellt. Eine davon lautet, Nigeria müsse islamisch werden. Eine weitere, dass jedes Mitglied 100 000 Naira (entspricht etwa 1 000 Dollar) im Monat ausgezahlt bekommt. Das ist eine lächerliche, unvorstellbare Diskussion! Nigeria kann nicht islamisch werden. Religiös sind die Menschen, nicht das Land. Die Mehrheit in Nigeria ist nicht muslimisch. Den Sektenmitgliedern jeden Monat Geld auszuzahlen funktioniert nicht. Wer will dafür arbeiten? Wie soll man das Geld verteilen? Da könnte sich jeder hinstellen und sagen: „Ich gehöre zu Boko Haram.“ Im Nigerdelta wurde 2009 eine Amnestie durchgeführt. Militante Gruppen hatten Pipelines gekappt und gegen eine Verseuchung der Umwelt durch die Ölförderung von Shell gekämpft. Sie konnten nicht mehr fischen, nichts mehr pflanzen. Die Militanten waren Einheimische. Sie haben ihre Waffen niedergelegt. Man hat ihnen Geld gegeben und Straffreiheit gewährt. Das waren keine Leute aus anderen Ländern. Das war ein konkreter Bereich.

    Wie könnte eine Lösung aussehen, wenn Amnestie keine gute Idee ist?

    Amnestie ist immer eine Idee. Sie funktioniert in bestimmten Situationen. Man könnte sie mit der Beichte vergleichen: Der Priester vergibt Christen, die zu ihm kommen und um Vergebung bitten. Die Terroristen haben aber nicht um Amnestie gebeten. Der Norden braucht Geld. Das steckt hinter dieser Diskussion. Jedes nigerianische Bundesland hat ein Budget. Nordnigeria liegt ganz hinten, obwohl es über riesige Agrarflächen und Potenziale verfügt. Weil die Bevölkerung nicht in die Schule geht und die islamischen Politiker mithilfe der Religion das Volk belügen, gelingt es nicht, die Wirtschaft anzukurbeln. Daher kommt die Armut. Boko Haram ist eine Revolution der benachteiligten Kinder im Norden Nigerias. Bereits 1963 hat der bekannte nordnigerianische Politiker Aminu Kano diese Revolution vorhergesagt. Man kann darin eine Art Klassenkampf sehen. In anderen Landesteilen gibt es das nicht, weil die Kinder dort zur Schule gehen. Die islamische Weltanschauung nimmt westliche Schulen nicht ernst. Die Eltern schicken ihre Kinder in Koranschulen, aber dort lernen sie keine Mathematik, kein Englisch, keine Biologie und können nicht über Globalisierung reden. Sie lernen, den Koran zu zitieren. Seit die Scharia in zwölf nördlichen Bundesstaaten eingeführt wurde, dürfen Mädchen nicht mehr zur Schule gehen und müssen ihr Gesicht verhüllen. Diese Kinder aus dem Norden müssen kostenfrei eine Grundbildung erhalten, wie sie laut Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen jedem auf der ganzen Welt zusteht. Dahin muss das Geld der Amnestie fließen.

    Gibt es eine Chance, dass Koranschulen eines Tages eine breitere Bildung vermitteln?

    Das könnte sich entwickeln. Ich bin in Nordnigeria, im Bundesland Sokoto geboren und zur Schule gegangen. Gegenwärtig besuchen dort 90 Prozent der Jugendlichen gar keine Schule. In Maiduguri im Bundesstaat Borno, ebenso in Yobe und Kano sind alle Schulen geschlossen. Es ist momentan zu gefährlich für die Kinder. Auf der anderen Seite nehmen Menschen in Ländern wie Algerien, Tunesien, Senegal, Afghanistan, Pakistan und Indonesien, wo die Bevölkerung überwiegend muslimisch ist, westliche Bildung an. Dadurch wird ihr Glauben nicht kleiner. Die Türkei ist ebenfalls muslimisch, aber ein fortschrittliches Land.

    Was kann die Situation in Nigeria verbessern?

    Der Islam muss nicht unbedingt rückständig sein. Er könnte progressiv sein wie andere Religionen. Anderswo hat der Islam gezeigt, dass er zur Entwicklung beitragen kann. Nigerianische Muslime müssen aufstehen und die Lage vor ihrer Tür ändern. Armut bekämpfen heißt: Schulen bauen, Menschen zur Schule schicken, Arbeitsplätze schaffen, Entwicklungspotenziale ermöglichen, damit Hilfe zur Selbsthilfe nachhaltig gelingen kann. Wir veranstalten im Mai in Enugu einen internationalen Kongress zu Religionsfreiheit, Christenverfolgung und Toleranz in Nigeria. Mitarbeiter von Kirche in Not und dem Hilfswerk Christliche Solidarität International werden dabei sein sowie Regierungsvertreter, Theologen und muslimische Führer. Wir wollen eine offene, rationale und ehrliche Diskussion zu diesen Themen führen. Wir dürfen Gott nicht in unsere kleinen weltanschaulichen Positionen zersplittern und in seinem Namen Menschen umbringen. Ich finde, Religion ist ein sehr positives Element für die Menschheit. Wir wollen die Kräfte der Religion: Gott, Liebe, Einheit und Schöpfung in den Mittelpunkt stellen.