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    „Bleiben bei 30 Prozent hängen“

    Herr Schönbohm, die Kanzlerin hat einmal zu Ihnen gesagt, Sie seien der Bewacher des konservativen Tafelsilbers. Sie, Merkel, hingegen poliere es, um es zum Glänzen zu bringen.

    So gut die Stimmung zwischen Brandenburgs einstigem Innenminister Jörg Schönbohm (Mitte) und der Parteivorsitzenden Merk... Foto: dpa

    Herr Schönbohm, die Kanzlerin hat einmal zu Ihnen gesagt, Sie seien der Bewacher des konservativen Tafelsilbers. Sie, Merkel, hingegen poliere es, um es zum Glänzen zu bringen. Sind Sie ein politischer Museumswächter?

    Ich habe den Eindruck, Frau Merkel findet das Silber manchmal gar nicht mehr. Wir haben jetzt zwar die Wunschkoalition mit der FDP. Aber diese Koalition ist bisher zu keinen erkennbaren Ergebnissen gekommen. Die Wähler und Mitglieder fragen sich langsam, wofür die CDU überhaupt noch steht. Meiner Partei ist die Richtung abhanden gekommen und das christliche Menschenbild ist nicht mehr der bestimmende Faktor. Stattdessen wird atemlose Tagespolitik gemacht, zu der es dann angeblich keine Alternative gibt.

    Aber an abstrakten Diskussionen über das Menschenbild ist doch kein Mangel. Die Redaktionen bekommen alle naselang Einladungen von der Fraktion etwa für Kongresse über das „C", wo sich dann alle zum christlichen Menschenbild bekennen. Und trotzdem ist man sich noch nicht einmal bei der PID einig.

    Zum christlichen Menschenbild gehört, dass man die gottgegebene Einzigartigkeit des Menschen anerkennt und die Würde, die damit verbunden ist. Daraus folgt aber logisch auch, dass die Menschen prinzipiell nicht gleich sind. Das hat ganz konkrete Auswirkungen, zum Beispiel auf die Schulpolitik: Diesem Menschenbild entspricht ein mehrgliedriges Schulsystem. Daraus folgt weiter, dass die Menschen ihres Glückes Schmied sind und für ihren Lebensunterhalt und ihr Lebensglück selbst sorgen müssen. Eine sozialstaatliche Alimentierung von der Wiege bis zur Bahre widerspricht dem. Wer das partout nicht einsehen will und auf Kosten der Allgemeinheit glaubt leben zu können, auf den muss man gegebenenfalls Druck von Seiten der Gemeinschaft ausüben.

    Haben Sie denn den Eindruck, dass Frau Merkel ihre Politik nach diesem Menschenbild ausrichtet?

    Ich habe den Eindruck, dass die Politik nicht mehr erklären kann, welchem großen Entwurf sie folgt. Es fehlt die Ganzheitlichkeit. Nehmen Sie die Familienpolitik. Wenn es jetzt in der Union Diskussionen gibt, ob man das letzte Kindergarten-Jahr verpflichtend macht, halte ich das für den falschen Weg. Die Eltern sollen selber entscheiden. Der Staat muss die Voraussetzungen für Wahlfreiheit in der Kinderbetreuung schaffen. Es sind aber die Eltern, die entscheiden dürfen, ob sie ihre Kinder vom Staat betreuen lassen wollen oder sie zu Hause erziehen. Wir sollten kein Lebensmuster vorgeben. Aber auch nicht beliebig sein. Wenn wir uns zur Familie bekennen, dann bekennen wir uns zu dem Regelfall. Und das geht eben auch nicht zusammen mit gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, die zwar selber keine Kinder bekommen können, aber laut nach der Adoption rufen.

    Orientierung am Regelfall klingt gut. Was aber, wenn die Regel die Ausnahme geworden ist? Die meisten Kinder in Sachsen-Anhalt und Brandenburg etwa werden unehelich geboren. Da verfehlt Ihre Politik doch die Lebenswirklichkeit der Mehrheit.

    Aber deswegen muss doch nicht Beliebigkeit das Ziel sein! Ich sage ja nicht, dass diese Leute nicht unterstützt werden sollen. Alle Untersuchungen und die menschliche Erfahrung zeigen indes, dass dem Wohl eines Kindes am besten gedient ist, wenn es in einer stabilen Beziehung mit Mutter und Vater aufwächst. Man muss als Partei auch dafür werben dürfen, dass das der bessere Weg ist. Ich möchte, dass jeder selber entscheidet, wie er lebt. Aber ich möchte auch, dass die Regel und nicht die Ausnahme über die Familienpolitik entscheidet. Dieses Bekenntnis fehlt mir in meiner Partei derzeit.

    Aber eine Partei, die so handelt, muss auch Widerstand aushalten können. Kann die Merkel-CDU dem medialen Sturm noch standhalten?

    Nein, leider nicht. Am Beispiel der Atomkraft ist das ja deutlich geworden. Vor einem Jahr wollte man verlängern, dann kam Japan. Das hat aber nicht die Unsicherheit der deutschen Atomkraftwerke bewiesen, sondern nur, dass es Risiken gibt, von denen wir bisher geglaubt haben, dass wir sie beherrschen. Jetzt dieser abrupte Ausstieg – was gilt eigentlich noch? Diese unberechenbaren Kurswechsel von heute auf morgen – nehmen Sie die Abschaffung der Wehrpflicht, nehmen Sie die Libyen-Enthaltung – kosten uns die letzte Glaubwürdigkeit. Man kann das vielleicht alles begründen. Man muss es aber auch tun. Sonst werden uns die Bürger nicht folgen.

    Was Sie jetzt beschreiben, ist ja eher eine Sache des Politikmanagements. Aber was, wenn es um harte Inhalte geht? Herr Pofalla hat als Generalsekretär einmal gesagt, dass 80 Prozent der Bundesbürger den Begriff „konservativ" ablehnen. Was fangen Sie als Konservativer denn damit an?

    Vielleicht lehnt die Mehrheit den Begriff ab. Die Inhalte aber hätten sicher eine hohe Zustimmung. Glauben Sie, dass die Menschen Ehe und Familie ablehnen und die Erziehung ihrer Kinder in staatliche Hände legen wollen? Oder will man auf einen handlungsfähigen Nationalstaat verzichten? Ist Innere Sicherheit etwa ein Randthema? Kann ein Land ohne Bekenntnis zu seiner Identität, und die ist bei uns nun mal eine christliche, Zukunft haben? Wie gesagt, der Begriff ist negativ besetzt. Die Leute denken da vielleicht an Hindenburg. Aber was der Sache nach damit gemeint ist, hat eine Zustimmung sicher über 50 Prozent.

    Wenn es so wäre: Warum kann es dem Adenauer-Haus dann gar nicht schnell genug gehen mit der Mutation zur Großstadtpartei?

    Die Idee der Parteistrategen, die dahinter stand, war, dass man sich neuen Wählerschichten öffnet. Das ist eine Sache. Eine andere ist es, wenn man versucht, ein Original zu kopieren. Denn das ist besser als die Kopie. Und das haben wir wie auch die CSU mit den Grünen versucht, teilweise auch mit der SPD. Das kann aber nur schief gehen. Wir sind dabei, den eigenen Markenkern zu verlieren. Und damit verlieren wir auch unsere Stammwählerschaft. Die bleibt einfach zu Hause. Ich warte noch auf den Erfolg des neuen Kurses. Was ich sehe, ist, dass wir die Laufkundschaft nicht gewonnen und die Stammkundschaft teilweise verloren haben.

    Kann ein christlicher Patriot heute eigentlich noch guten Gewissens CDU wählen?

    Welche Alternativen hat er denn? Außerdem ist die Grundlage der CDU als große christliche-soziale, liberale und konservative Volkspartei noch vorhanden. Sonst wäre ich auch nicht mehr in der Partei.

    Was kann denn Ihrer Meinung nach den Abwärtstrend der Union stoppen?

    Ich sehe derzeit weder Personen noch Themen, mit denen das gelingen kann. Von daher gesehen besteht schon die Gefahr, dass die Union im Bereich von 30 Prozent hängen bleibt. Damit ist sie künftig angewiesen auf starke Koalitionspartner, nicht nur einen, sondern vielleicht sogar zwei, FDP und Grüne zum Beispiel. Und das führt zu weiterer inhaltlicher Fragmentierung wegen der nötigen Kompromisse. Die Aussichten sind nicht gerade beruhigend.