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    Bischof des Volkes

    Bischof Carlos Belo ist eine Symbolfigur für die Befreiung Osttimors von indonesischer Besatzung – Jetzt wird er 70. Von Michaela Koller

    Ost-Timors Bischof Belo beim Papst
    Eng verbunden: Papst Johannes Paul II. unterstützte Bischof Carlos Belo in seinem Unabhängigkeitskampf. Foto: dpa

    Bischof Carlos Felipe Ximenes Belo ist zwar nicht der einzige Bischof unter den Friedensnobelpreisträgern, aber der einzige katholische Geistliche: An diesem Samstag feiert der Sohn eines osttimoresischen Dorflehrers seinen 70. Geburtstag. Die hohe weltliche Auszeichnung erhielt er 1996 mit dem damals im australischen Exil lebenden José Ramos Horta, der 2007 Staatspräsident des ab 2002 unabhängigen südostasiatischen Staates werden sollte. Beide Männer waren zu Symbolfiguren der unter der indonesischen Besatzung leidenden ehemaligen portugiesischen Kolonie geworden. Während Ramos Horta als diplomatischer Vertreter im Ausland wirkte, kämpfte Belo mitten in Osttimor für die Unabhängigkeit. Schon bei seiner Rückkehr von der Preisverleihung entging Belo nur knapp einem Mordversuch, dem kurz darauf ein weiterer folgte.

    „Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises wollte das Nobelkomitee in Oslo das politische und soziale Problem Osttimors an die Öffentlichkeit bringen, auf unsere Notlage aufmerksam machen und gleichzeitig die Vereinten Nationen dazu bringen, das Problem zu lösen“, erläutert Belo im Interview mit dieser Zeitung die Bedeutung des Ereignisses damals für den Unabhängigkeitskampf. Über die Würdigung seines Anteils in diesem Zusammenhang sagt er bescheiden nichts. Belo ist zur Identifikationsfigur geworden. Er war das Vorbild für viele Kirchenmänner, die während der Besatzung politisch verfolgten Landsleuten Unterschlupf gewährten oder polizeiliche Übergriffe international bekannt machten.

    Damit hatten die Besatzer unter dem indonesischen Diktator Mohamed Suharto wohl nicht gerechnet: Der junge Salesianerpater Belo, der zum Nachfolger des widerständigen Bischofs Marthino Lopes ernannt worden war, wirkte zunächst zurückhaltend. Schließlich fing er an, systematisch Beweise für Menschenrechtsverletzungen in seinem Land zu sammeln. Am 28. November 1975 war Osttimor erstmals von Portugal in die Unabhängigkeit entlassen worden und am 7. Dezember hatte bereits das indonesische Militär die Inselhälfte eingenommen. Die indonesischen Besatzer unterdrückten jegliche Unabhängigkeitsbestrebung von Beginn an unerbittlich.

    Belo erinnert sich, dass der Besuch Papst Johannes Pauls II. in Osttimor half, die Mauer des Schweigens und der Gleichgültigkeit in der internationalen Gemeinschaft niederzureißen. Schon 1984 hatte der Vatikan Indonesien offen kritisiert. Der Besuch des Papstes im Oktober 1989 aber gab der Unabhängigkeitsbewegung besonders starken Aufwind. Aktivisten stürmten damals bei einem öffentlichen Auftritt des hohen Besuchs das Podium und entrollten ein Protestplakat gegen die indonesische Besatzung. Rückblickend sagt Belo dazu: „Der Papst zeigte mit seinem Besuch dem Volk und den Christen sein Mitgefühl, seine Solidarität und seine Fürsorge.“

    Noch nachhaltiger wirkte die Haltung der Ortskirche. Sie stand klar auf der Seite des Volkes gegen die aus Jakarta gesteuerte Politik: Der Anteil an Katholiken in dem stark animistisch geprägten Land stieg in der Folge zwischen 1975 und 1999 von 30 Prozent auf mehr als 90 Prozent an.

    Im Zuge der Reformpolitik von Suhartos Nachfolger Bacharuddin Jusuf Habibie durften die Timoresen schließlich im August 1999 über eine weitreichende Autonomie abstimmen. Eine Mehrheit von 78,5 Prozent votierte für die Loslösung. Doch Indonesien gab sich nicht so leicht geschlagen: Die Armee unterstützte Milizen, die rund 2 000 Menschen umgebracht und mehr als drei Viertel der gesamten Infrastruktur des Landes zerstört hatten. Mehr als 200 000 Osttimoresen flüchteten in dieser Zeit.

    Doch am 20. Mai 2002 konnte endlich die Unabhängigkeit erklärt werden. Das Land wurde aus diesem Anlass der Muttergottes von Fatima geweiht: „Wir feierten diesen einzigartigen Moment in unserer Geschichte mit der heiligen Eucharistie, da wir ein religiöses Volk sind“, schrieb Bischof Belo damals. Wenig später, im November 2002, ist er aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Auch wenn er selbst nicht darüber spricht, dass ihm damals auch seelische Wunden zu schaffen machten. Er und seine Amtsbrüder Alberto Ricardo da Silva, der sein Nachfolger geworden ist, sowie Bischof Basilio do Nascimento von Baucau haben immer ein internationales Tribunal gefordert, vor dem die Täter aus der Besatzungszeit zur Verantwortung gezogen werden. Doch bisher sind die Verantwortlichen immer noch straffrei.

    Belo hat sich in den letzten Jahren verstärkt der Geschichte seines Volkes gewidmet. Er hat ein Werk in zwei Bänden über die Bedeutung der Kirche in seinem Land verfasst, das die Zeit von 1652 bis 2002 behandelt. „Die Motivation dazu liegt in dem Ziel, das kollektive Gedächtnis des timorischen Volkes zu bewahren“, bekennt er im Gespräch. Er wolle die Geschichte der Menschen und der Rolle der Kirche an die nächsten Generationen weitergeben. Natürlich wolle er auf diese Weise auch seinen Verstand fit halten. Damit spielt er auf die Zeit an, die seit seinem Rücktritt schon verstrichen ist.

    2002 reiste Belo bereits zu einer medizinischen Behandlung nach Portugal. Im November desselben Jahres kehrte er erst wieder nach Osttimor zurück, um dort seinen Rückzug anzukündigen. Wenige Tage später begannen erste Unruhen im unabhängigen, demokratischen Timor Leste, so nun der offizielle Name des Landes. Die Vetternwirtschaft unter den einstigen Widerstandskämpfern war der Stein des Anstoßes. Bevor die Demonstranten die Residenz von José Ramos Horta in Brand setzen konnten, konnte aber Belo ihren Zorn durch einen Appell unter Kontrolle bringen. Auch nach seinem Rücktritt verfügte er immer noch über Autorität.

    Im Sommer darauf wurde er operiert und erholte sich ab Januar 2004 schließlich in Portugal, bevor er schließlich als Missionar nach Mosambik ging. „Ich war im Haus der Salesianer in Maputo, um in der Pfarrei des Garden District zu helfen.“ Afrika hat er mittlerweile auch wieder verlassen. Seit 2005 lebt Bischof Carlos Belo zurückgezogen in Portugal. Kommentaren zur aktuellen Politik in seinem Heimatland, wie etwa zur Vetternwirtschaft, ist er lange Zeit ausgewichen: „Wir hoffen, dass Timor Leste ein Land wird, das sich ständig weiterentwickelt", erklärte er im Gespräch.

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