• aktualisiert:

    Beide Seiten verletzen massiv Völkerrecht

    Herr Weihbischof, der Gaza-Krieg wird kontrovers diskutiert.

    , Weihbischof des Bistums Rottenburg-Stuttgart, ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Naher und Mittlerer Osten der D... Foto: KNA

    Herr Weihbischof, der Gaza-Krieg wird kontrovers diskutiert. Was meinen Sie: Führt Israel in Gaza einen gerechten Krieg oder begeht es, wenn nicht einen Völkermord, so doch Kriegsverbrechen?

    Ich bin überzeugt, dass jeder Krieg letztendlich ungerecht ist, auch wenn es ein berechtigtes Selbstverteidigungsrecht und einen Sicherheitsanspruch von bedrohten Völkern und Staaten gibt. Da aber die meisten Opfer im Gazakrieg Zivilisten sind und unter diesen besonders viele Frauen, Alte, Kranke und Kinder, also schutzlose und unbewaffnete Menschen, kann man hier nicht mehr zynischerweise von „Kollateralschäden“ eines „gerechten Krieges“ sprechen. Spätestens dann, wenn politische Konflikte auf dem Rücken Unschuldiger und Wehrloser ausgetragen werden wie derzeit im Gazastreifen, kann nicht mehr von einem „gerechten Krieg“ die Rede sein. Offensichtlich gibt es auf beiden Seiten massive Verletzungen des humanitären Völkerrechts, wenn die eine Seite bewusst die Zivilbevölkerung drohenden Angriffen aussetzt und die andere Seite dennoch gerade solche Ziele angreift, bei denen mit besonders vielen zivilen Opfern zu rechnen ist.

    Was wäre eine christliche Lösung des Gaza-Konfliktes?

    Der Ausbruch des Gazakrieges ist auch eine Folge der schon seit längerem stagnierenden Friedensbemühungen zwischen Israel und Palästina. Deshalb müssen beide Seiten dringend wieder an den Verhandlungstisch zurückfinden und gemeinsam um eine tragfähige Lösung ringen, die das Existenzrecht und das Sicherheitsbedürfnis beider Seiten im Blick hat und diese dauerhaft gewährleisten. Papst Franziskus hat in seiner Predigt in Amman am 24. Mai darauf hingewiesen, dass der gemeinsame Glaube an einen einzigen Gott die Grundlage eines dauerhaften Friedens im Heiligen Land sein muss: „Der Weg zum Frieden festigt sich, wenn wir erkennen, dass wir alle das gleiche Blut haben und Teil des Menschengeschlechts sind; wenn wir nicht vergessen, dass wir einen einzigen Vater im Himmel haben und alle seine Kinder sind, geschaffen als sein Abbild, ihm ähnlich.“ Hier zeigt der Heilige Vater die Perspektive einer christlichen Friedenslösung auf, die er ja auch durch das gemeinsame Friedensgebet mit Peres und Abbas in Rom deutlich machen wollte.

    Steht die Deutsche Bischofskonferenz in Kontakt mit der Bundesregierung, um ein Ende der Gewalt in Gaza zu erreichen?

    Das würde im Augenblick nicht viel Sinn machen, weil die Bundesregierung und der Außenminister ja bereits alles in ihrer Macht Stehende tun, um ein Ende des Gazakrieges zu erreichen. Allerdings ist es höchst bedauerlich, dass im Augenblick offenbar jeder Friedensappell und jede Friedensinitiative von außen ins Leere läuft und niemand von der Internationalen Staatengemeinschaft das Massensterben unschuldiger Zivilisten in Gaza stoppen kann. Hier wäre aber – über bloße Appelle hinaus – ein viel stärkeres Engagement der Staatengemeinschaft dringend erforderlich, um beide Kriegsparteien wieder an einen Tisch zu bringen.

    Was kann die Kirche in Deutschland tun, um den betroffenen Menschen in Gaza zu helfen? Sind schon konkrete Projekte für die Zeit nach dem Krieg geplant?

    Soforthilfe der katholischen Kirche in Deutschland für die Menschen in Gaza gibt es zum Beispiel von Caritas International, Misereor und der Sternsingeraktion. Dabei handelt es sich in erster Linie um medizinische Soforthilfe, Versorgung von Krankenhäusern mit Medikamenten und Treibstoff für Generatoren, Übernahme von Behandlungskosten, Lebensmittelpakete sowie finanzielle Hilfe und psychosoziale Betreuung von mehr als 2 000 Familien, besonders der traumatisierten Kinder. Dabei kann zum Beispiel Misereor auf eine langjährige gute Zusammenarbeit mit der katholischen Partnerorganisation Pontifical Mission for Palestine (PMP) zurückgreifen, die seit Jahren rund um Gaza-Stadt, eines der jetzt am meisten zerstörten Gebiete, aktiv ist. Aber all das kann sicher nur ein Anfang unserer finanziellen und fachlichen Hilfe sein, die wir den Kriegsopfern schnellstmöglich leisten sollten. Die größte Hilfe, die wir Christen den Menschen im Kriegsgebiet sofort zukommen lassen können, ist freilich das Gebet für sie und für einen dauerhaften Frieden im Heiligen Land.