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    Auf Konfrontation zur Kirche

    Die französische Regierung legt sich jetzt auch beim Thema Sterbehilfe mit der Kirche an. Nachdem sich die Differenzen bei der Homo-„Ehe“ zur Konfrontation gesteigert haben, die vermutlich am 13. Januar in Paris zu einer Massendemonstration gegen die Gesetzesvorhaben zur Gleichstellung mit der Ehe und zur Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare führen werden, sucht die sozialistische Regierung Hollande/Ayrault jetzt auch den Konflikt beim Thema aktiver Sterbehilfe und Euthanasie. Hinzu kommt demnächst vermutlich auch noch das Thema künstliche Befruchtung.

    Legen sich mit der Kirche an: Francois Hollande (r.) und Jean-Marc Ayrault. Foto: dpa

    Die französische Regierung legt sich jetzt auch beim Thema Sterbehilfe mit der Kirche an. Nachdem sich die Differenzen bei der Homo-„Ehe“ zur Konfrontation gesteigert haben, die vermutlich am 13. Januar in Paris zu einer Massendemonstration gegen die Gesetzesvorhaben zur Gleichstellung mit der Ehe und zur Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare führen werden, sucht die sozialistische Regierung Hollande/Ayrault jetzt auch den Konflikt beim Thema aktiver Sterbehilfe und Euthanasie. Hinzu kommt demnächst vermutlich auch noch das Thema künstliche Befruchtung.

    Im Sommer hatte Hollande eine Ethik-Kommission unter dem Vorsitz des Mediziners Didier Sicard mit der Überprüfung des Leonetti-Gesetzes beauftragt, das 2005 verabschiedet worden war und die Sterbehilfe in Frankreich regelt. Im Wahlkampf hatte sich Hollande schon für eine Lockerung des Gesetzes und für aktive Sterbehilfe stark gemacht. Nach dem Leonetti-Gesetz ist aktive Sterbehilfe in Frankreich strafbar. Ärzte dürfen jedoch die Behandlung unheilbar Kranker abbrechen oder einschränken, wenn der Patient dies wünscht. Die Kommission hält in ihrem Bericht, den sie am Dienstag vorlegte, das Gesetz Leonetti für ausreichend, es müsse nur mehr Beachtung bei der Anwendung finden. So habe ein Arzt bereits jetzt das Recht, einem todkranken Patienten eine hohe Dosis Beruhigungsmittel zu verabreichen, um seine Schmerzen zu lindern. Dabei könne auch in Kauf genommen werden, dass er dadurch früher sterbe. Um das Gesetz breiteren Kreisen in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, schlägt die Kommission eine allgemeine Debatte um die Beihilfe zum Selbstmord vor. Voraussetzung hierfür müsse die mindestens zweifach medizinisch bestätigte Diagnose sein, dass der Patient nicht mehr länger als sechs Monate zu leben habe.

    Hollande übergeht die Empfehlungen und will nun im kommenden Frühsommer einen neuen Gesetzentwurf vorlegen. Damit sucht er ostentativ die Konfrontation mit der Kirche, ähnlich wie bei den Gesetzen über die Gleichstellung der schwulen und lesbischen Partnerschaften mit der Ehe. Die Absicht ist leicht durchschaubar. Damit mobilisiert er die eigenen Reihen, in denen mitunter ein fanatischer Laizismus bis hin zum Hass gegenüber der Kirche anzutreffen ist. Dass er damit die Bevölkerung spaltet und in gewissem Sinn totalitär über Leben und Tod entscheidet, ist für die Regierung angesichts der ins Bodenlose fallenden Popularitätswerte zweitrangig. Die Hoffnung ist, mit dem Feindbild Kirche zu neuer Geschlossenheit im linken Lager zu finden.

    Dabei gäbe es in der Sache durchaus Reformbedarf. Denn generell stellen die Ethiker eine „Unzufriedenheit“ bei Patienten und deren Familien hinsichtlich der Behandlung am Lebensende fest. So weise etwa die Schmerzbehandlung Mängel auf. Außerdem seien Ärzte psychischen Leiden gegenüber häufig unempfindlich und ignorierten Patientenwünsche. Palliativpflege solle deshalb obligatorisch in die Medizinerausbildung integriert werden, empfehlen die Ethiker. Das entspricht der Meinung der meisten Praktiker im Palliativbereich. Der Präsident der französischen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Palliativmedizin, Professor Vincent Morel von der Universitätsklinik in Rennes, weist in diesem Zusammenhang auf zwei Missstände hin. Zum einen sei der Zugang zur Palliativmedizin nicht überall in gleichem Masse gesichert. 70 Prozent der Palliativ-Betten seien auf nur fünf Regionen konzentriert. Dreiviertel der Franzosen wollten zuhause sterben, nur ein gutes Viertel im Krankenhaus. Aber die schmerzlindernde Sterbebegleitung zuhause erreiche nur 30 Prozent der Franzosen, die anderen stürben im Krankenhaus, vielfach ohne palliative Begleitung. Auch würden die Palliativ-Mediziner viel zu spät gerufen, meist erst in der letzten Lebenswoche, sodass sie ihre Kompetenzen gar nicht mehr zur Geltung bringen könnten. Eine amerikanische Studie habe nachgewiesen, dass rechtzeitige Anwendung der Palliativ-Medizin die Lebensqualität in der Endphase erheblich steigere und die Lebensdauer im Schnitt um drei Monate verlängere. Man solle, so Professor Morel, „endlich aufhören, uns als Galgenvögel zu sehen“.

    So wie andere Experten weist Morel darauf hin, dass viele Länder „uns um das Gesetz Leonetti beneiden und es auch kopieren“. Aber statt mehr Palliativ-Einheiten in den Krankenhäusern einzurichten, wie die Experten fordern, will man nun die Gesetzgebung über die Euthanasie lockern und aus politischen Gründen Konfliktfelder aufbauen. Das dient zwar kurzfristigen Interessen der Linksfront insgesamt, liegt aber nicht im Interesse einer menschenwürdigen Begleitung am Ende des Lebens. Die Linksfront schwingt sich hier zum Herrn über Leben und Tod auf. Das wird im durch die Krise ohnehin revolutionär aufgeheizten Frankreich nicht zum sozialen Frieden beitragen. Hollande spielt mit dem Feuer.