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    Atemlos durch Berlin

    Angelika Doose ist hoch zufrieden: „Es ist schön zu sehen, dass nicht nur die Teilnehmerzahl steigt, sondern auch immer mehr junge Menschen zum ,Marsch für das Leben‘ kommen.“ In der Lebensrechtszene ist die hochaufgeschossene Katholikin mit den dunklen Locken trotz ihrer noch jungen Jahre keine Unbekannte mehr. „Dank der sehr gut aufgestellten Polizei konnte die Veranstaltung ohne Blockade stattfinden“, lobt die frühere Vorsitzende der „Jugend für das Leben“ die Berliner Sicherheitskräfte. Im vergangenen Jahr hatte eine Sitzblockade von Gegendemonstranten den friedlichen Schweigemarsch noch stundenlang aufgehalten und zwischenzeitlich zum Erliegen gebracht. Deshalb – und wohl auch, weil die Polizei parallel zum „Marsch für das Leben“ auch noch eine Demonstration gegen das TTIPP-Freihandelsabkommen mit den USA zu beaufsichtigen hatte, wurde der Marsch von den Beamten diesmal überwiegend durch die vergleichsweise leicht zu sichernden Straßen des Berliner Regierungsviertels geleitet. Absperrungen, insbesondere der Seitenstraßen, hielten die Gegendemonstranten so gut wie überall auf derart große Distanz, dass nicht einmal ein Farbbeutelwurf sein Ziel gefunden hätte. Der Nachteil: Anders als in früheren Jahren bekam die Berliner Bevölkerung die Marschteilnehmer kaum zu Gesicht. Dabei hätten es die mitgeführten Schilder mit Aufschriften wie: „Abtreibung ist keine Lösung“, „Echte Männer stehen zu ihrem Kind“, oder auch „Nie wieder unwertes Leben“, sowie „kein Tod auf Rezept“ und „Zuwendung statt ,Sterbehelfer‘“ ebenso wie der Marsch selbst ganz sicher verdient gehabt, wenn sie mehr Menschen zum Nachdenken hätten anregen können, als dies in diesem Jahr der Fall war.

    Marsch für das Leben
    Führten 2016 den Marsch an: Die Repräsentanten der deutschen Lebensrechtsbewegung. In der Mitte der BVL-Vorsitzende Mart...

    Angelika Doose ist hoch zufrieden: „Es ist schön zu sehen, dass nicht nur die Teilnehmerzahl steigt, sondern auch immer mehr junge Menschen zum ,Marsch für das Leben‘ kommen.“ In der Lebensrechtszene ist die hochaufgeschossene Katholikin mit den dunklen Locken trotz ihrer noch jungen Jahre keine Unbekannte mehr. „Dank der sehr gut aufgestellten Polizei konnte die Veranstaltung ohne Blockade stattfinden“, lobt die frühere Vorsitzende der „Jugend für das Leben“ die Berliner Sicherheitskräfte. Im vergangenen Jahr hatte eine Sitzblockade von Gegendemonstranten den friedlichen Schweigemarsch noch stundenlang aufgehalten und zwischenzeitlich zum Erliegen gebracht. Deshalb – und wohl auch, weil die Polizei parallel zum „Marsch für das Leben“ auch noch eine Demonstration gegen das TTIPP-Freihandelsabkommen mit den USA zu beaufsichtigen hatte, wurde der Marsch von den Beamten diesmal überwiegend durch die vergleichsweise leicht zu sichernden Straßen des Berliner Regierungsviertels geleitet. Absperrungen, insbesondere der Seitenstraßen, hielten die Gegendemonstranten so gut wie überall auf derart große Distanz, dass nicht einmal ein Farbbeutelwurf sein Ziel gefunden hätte. Der Nachteil: Anders als in früheren Jahren bekam die Berliner Bevölkerung die Marschteilnehmer kaum zu Gesicht. Dabei hätten es die mitgeführten Schilder mit Aufschriften wie: „Abtreibung ist keine Lösung“, „Echte Männer stehen zu ihrem Kind“, oder auch „Nie wieder unwertes Leben“, sowie „kein Tod auf Rezept“ und „Zuwendung statt ,Sterbehelfer‘“ ebenso wie der Marsch selbst ganz sicher verdient gehabt, wenn sie mehr Menschen zum Nachdenken hätten anregen können, als dies in diesem Jahr der Fall war.

    An der Ecke Luisenstraße/Marienstraße, kurz bevor der Marsch über den Schifferdamm vorbei am Bahnhof Friedrichstraße zog, gab es dafür offene Sympathiebezeugungen. Berliner, die sich offenbar mit den Zielen der Marschteilnehmer identifizierten, applaudierten lautstark den Vorbeiziehenden und reckten immer wieder ihre Daumen in die Luft. Das tat vielen der aus allen Teilen der Republik Angereisten sichtbar gut.

    Berlins Erster Bürger stellte sich hinter die Gegendemo

    Viel war im Vorfeld des Marsches über die Taktik der Gegendemonstranten spekuliert worden. In Medienberichten waren bis zu 4 000 von ihnen angekündigt worden. Auch davon, dass sie sich unter die Marschteilnehmer mischen wollten, um auf ein Zeichen die Lebensrechtler mit Buttersäure und anderen übel riechenden Substanzen zu attackieren, war die Rede gewesen. Und tatsächlich kontrollierten Polizeibeamte etliche Rucksäcke von jungen Menschen, die sich vor und während der Kundgebung auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude eingefunden hatten und verwiesen einige des Feldes.

    Am Ende verlief doch alles ziemlich friedlich. Die Teilnehmer der Gegendemonstration, zu der – wie schon in früheren Jahren – das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ aufgerufen hatte und dabei diesmal von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) offen unterstützt wurde, skandierten zwar hinter den Absperrungen wie üblich: „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“, „Hätt' Maria abgetrieben, wär't ihr uns erspart geblieben“ sowie „Eure Kinder werden so wie wir“ und „Ihr seid Schafe“. Doch zumindest an der Spitze des Zuges kam selbst das nicht stimmgewaltig an.

    Ein Grund: Die Gegendemonstranten waren so wenige, dass viele von ihnen von Absperrung zu Absperrung laufen mussten, um den Marschteilnehmern ihre Ablehnung auch lautstark zu Gehör zu bringen. Dort angekommen, rangen nicht Wenige erst einmal nach Luft. Die atemlose Jagd der überzeugten Abtreibungsbefürworter durch Berlin, die viele Teilnehmer des Schweigemarsches mit mitleidigen Blicken und manche mit dem stillen Gebet des Rosenkranzes quittierten, erinnerte denn auch ein bisschen an die Fabel vom Hase und dem Igel. So schnell die Gegendemonstranten, die aufgrund der Absperrungen der Polizei weite Umwege zu bewältigen hatten, auch liefen, die Spitze des Marsches, dessen Ende mit bloßem Auge von vorne gar nicht mehr ausgemacht werden konnte, war immer schon da oder gar vorbei.

    Nach Angaben des Bundesverbands Lebensrecht (BVL) nahmen in diesem Jahr 7 500 Lebensrechtler an dem Marsch teil, rund 500 mehr als im Jahr zuvor. Die Polizei sprach nachher von 6 000 und bezifferte die Zahl der Gegendemonstranten auf 1 500, was vielen Lebensrechtlern jedoch zu hoch gegriffen erschien und womöglich einer Mehrfachzählung geschuldet war. Wie auch immer: Auf der Brücke, auf der die Friedrichstraße über die Spree führt, wo sich die meisten der Gegendemonstranten versammelt hatten, zählte niemand mehr als 400. Gut möglich, dass vielen der offensiven Abtreibungsbefürworter aufgrund des lang anhaltenden Regens vor Beginn des Marsches auch die Lust an der Gegendemonstration vergangen war.

    Überhaupt schien es – eine gute halbe Stunde, bevor um kurz nach 13.00 Uhr der BVL-Vorsitzende, der Bonner Journalist und Publizist Martin Lohmann die Kundgebung eröffnete – als könne der ganze Marsch in diesem Jahr ins Wasser fallen. Kaum mehr als 1 000 Teilnehmer, viele mit Schirmen oder Regencapes ausgestattet, hatten bis dahin den Weg auf die Wiese vor dem Reichstagsgebäude gefunden. Schon machte unter den Lebensrechtlern die Frage die Runde, ob die Propaganda des „Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung“ und die Nachricht von dem Farbanschlag auf die Geschäftsstelle des BVL womöglich doch viele Lebensrechtler von einer Reise nach Berlin abgehalten hätte. Doch so war es nicht. Die Busse, mit denen besonders viele Lebensrechtler aus dem Süden Deutschlands nach Berlin gekommen waren, standen alle noch im Stau. Eine Stunde habe es im Stau gestanden, berichtete später ein katholisches Ehepaar aus Baden-Württemberg, das sich um vier morgens auf den Weg gemacht hatte, um am „Marsch für das Leben“ teilzunehmen.

    Ganz so weit hatte es „Ela“ nicht. Die 50-jährige evangelikale Christin aus dem sächsischen Schwarzenberg war schon beim allerersten „Marsch für das Leben“ in Berlin dabei. Dieses Mal ist sie mit einen ganzen Bus voll Gleichgesinnter angerückt: 48 Personen. „Wir sind hier, weil wir für die Ungeborenen auf die Straße gehen. Wir reden in unserer Gesellschaft soviel von Toleranz und von Rechten für Minderheiten“, sagt Ela und beklagt, dass ungeborenen Kindern heute vielfach beides vorenthalten werde. Besonders dann, wenn sie behindert seien: „Da blutet mir das Herz.“ Die Sachsen tragen gelbe und grüne Regencapes. Ein schwarzes, das die Farben des Bundeslandes komplettiert hätten, sieht man nicht.

    Fünf katholische Bischöfe unter den Marschteilnehmern

    Vor Beginn der Kundgebung fallen Gruppen wie die von Ela Beobachtern noch sofort auf. Ähnliches gilt für eine Gruppe Jugendlicher, die „mit 30 Mann“ aus Fulda angereist sind. Sie profitieren von der Aktion „Geh Du für mich“, welche die „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA) bereits im Vorfeld des Marsches im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hatte. Menschen, denen der „Marsch für das Leben“ wichtig ist, die aber aus verschiedenen Gründen selbst nicht daran teilnehmen können, können mit einer Spende, jungen Menschen die Teilnahme ermöglichen, die gerne in Berlin für den Schutz des ungeborenen Lebens demonstrieren würden, sich eine Bahnfahrt, Busreise und/oder Unterkunft in Berlin aber selbst nicht leisten können.

    Immer wichtiger wird der „Marsch für das Leben“ auch den Kirchen, der katholischen, aber auch den evangelischen. Das zeigte nicht nur das Grußwort, mit dem der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, die Marschteilnehmer „der Nähe von Papst Franziskus“ versicherte oder jenes, mit dem sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, bei den Lebensrechtlern für ihr Engagement bedankte. Das bewies auch die leibhaftige Präsenz, zweier Diözesan- und dreier Weihbischöfe, die sich zu den Marschteilnehmern gesellten. So war neben dem neuen Berliner Erzbischof Heiner Koch, der erstmals an dem Marsch teilnahm, auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der bereits im vergangenen Jahr gemeinsam mit den Lebensrechtlern marschiert war, wieder nach Berlin gekommen. In seiner kurzen Ansprache, zu deren Beginn er eine Gruppe der „Jugend 2000“ aus seinem Bistum eigens begrüßte, fand er ebenso klare Worte, wie bei dem Ökumenischen Gottesdienst am Ende des Marsches.

    Leibhaftige Solidarität mit den Anliegen der Lebensrechtler bekundeten auch die Weihbischöfe Dominik Schwaderlapp (Köln), Florian Wörner (Augsburg) sowie Matthias Heinrich (Berlin), der schon an mehreren Märschen teilgenommen hatte.

    „Das Leben ist bunt, die Menschen sind vielfältig. Das wissen wir hier in Berlin sehr genau. Das Leben ist gottgewollt, die Menschen sind Gottes Geschenk – das wissen wir als Christen sehr genau“, rief Erzbischof Koch den Teilnehmern des Marsches von der Bühne auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude zu, von der ihnen zuvor die viel gelobte Berliner Band „Gnadensohn“ mit ihren ebenso eingängigen wie ermutigenden und oder nachdenklich stimmenden Songs wie „Ode an das Leben“, „Silber und Gold“, „Und wenn Du nur wüsstest“ oder auch „Es ist so“ die Zeit des Wartens auf das Angenehmste vertrieben hatte.

    „Wir legen nicht fest, welches Leben ab wann lebenswert ist, wir machen uns nicht zum Herren über das Leben. Wir setzen keine Grenzen, wir errichten keine Mauern des Lebens, nicht an den Grenzen Europas, nicht an den Grenzen der Kulturen und Religionen, nicht an den Grenzen des Alters, der Krankheit, des Behindert-Seins oder des sterbenden Lebens. Wir lassen leben.“ Christen, so der Erzbischof, wüssten aber auch: Dies sei auch „eine Herausforderung“. „Lassen wir wirklich die anderen leben? Helfen wir den Menschen, gut ihr Leben zu entfalten, auch den anders Denkenden, denen, die andere Lebensweisen wählen, auch denen, die uns ablehnen? Helfen wir einander zu leben?“, fragte Koch die Lebensrechtler.

    Wie später am Abend der evangelische Pfarrer Gottfried Martens in kleinerer Runde bei einer von der Agentur „Ragg's Domspatz“ organisierten Soirée mit der Bundesvorsitzenden der ALfA, Alexandra Maria Linder, gab auch Erzbischof Koch den Lebensrechtlern mit auf den Weg, dass man als Christ nicht für den Schutz des Lebens ungeborener Kinder, aber gegen den von geborenen Flüchtlingen sein könne. Denn „Christen“, so Koch abschließend, „stehen für das Leben ein ohne Grenzen, ohne Fristen. Lasst den Menschen leben!“

    BVL: „Dieser Marsch ist keine Parteiveranstaltung“

    Nötig war das, weil der Marsch, bei dem im vergangenen Jahr auch die Berliner AfD-Landesvorsitzende und Europaabgeordnete Beatrix von Storch in der ersten Reihe mitgegangen war, von einigen im Nachhinein als AfD-Veranstaltung diskreditiert worden war. So sehr, dass sich Lohmann in seiner Begrüßung gezwungen sah, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass der Lebensschutz „überparteilich“ sei. „Dieser Marsch ist keine Parteiveranstaltung. Wir bleiben unabhängig und parteipolitisch neutral. Wer anderes behauptet, sagt Unwahres.“ Durch die Bundeshauptstadt liefen alle Teilnehmer des Marsches „nur unter einem Banner: Unter dem des BVL“, so der Vorsitzende des Verbandes, unter dessen Dach sich zahlreiche deutsche Lebensrechtsorganisationen versammelt haben.

    Bei der Kundgebung, die von nicht wenigen Teilnehmern des Marsches diesmal als „insgesamt deutlich zu lang“ bewertet wurde, informierten zahlreiche Repräsentanten deutscher Lebensrechtsorganisationen über aktuelle Lebensrechtsthemen wie den sogenannten „Praenatest“, einen Bluttest, mit dem Schwangere ihr Kind auf das Down-Syndrom testen können. Der CDU-Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Bundesvorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL) hob in seiner Rede hervor, die deutsche Lebensrechtsbewegung sei zu einer „politischen Nummer“ geworden. Das zeigten auch die vielen Gegner in Politik und Gesellschaft. Hüppe widersprach auch der Einschätzung, dass sich in der Politik beim Thema Lebensschutz nichts bewege. Wie die meisten Lebensrechtler habe auch er bei der Abstimmung über die rechtliche Neuregelung der Beihilfe zum Suizid einen anderen Gesetzentwurf unterstützt. Dennoch habe der Bundestag am Ende „erstmals ein Gesetz“ verabschiedet, das „mehr Schutz“ böte, als die bis dato geltende Regelung.

    Der heimliche Star der Kundgebung war aber die mit Down-Syndrom geborene Conny Alber, die für ihre Rede auch den meisten Applaus erhielt: „Ich weiß, dass sich schwangere Frauen manchmal sehr große Sorgen machen, wenn sie ein Baby mit Down-Syndrom erwarten. So sehr dass sie nicht mehr weiterwissen. Diesen Frauen möchte ich sagen, dass sie keine Angst haben müssen, denn Kinder mit Down-Syndrom sind Menschen, keine Monster“, sagte die 28-Jährige, die als Schreibkraft bei der Verkehrspolizei in Erlangen arbeitet. „Sie können eine Mutter genauso glücklich machen wie jedes andere Kind. Und sie haben ein Recht auf Leben. Es ist unfair, sie auszusortieren. Denn jeder Mensch hat etwas Besonderes. Ich zum Beispiel kann fast immer lachen!“