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    „Assads Armee verteidigt den Staat gegen Terror“

    Mutter Agnes-Mariam, stimmt es, dass die Mehrheit syrischer Christen noch immer loyal zu Präsident Assad steht? Präsident Assads Partei, der Baath-Partei, gehörten immer nur wenige Christen an. 95 Prozent der Christen waren unpolitisch.

    Regime-Befürworter bei einer Demonstration mit Plakaten von Präsident Assad. Foto: dpa

    Mutter Agnes-Mariam, stimmt es, dass die Mehrheit syrischer Christen noch immer loyal zu Präsident Assad steht?

    Präsident Assads Partei, der Baath-Partei, gehörten immer nur wenige Christen an. 95 Prozent der Christen waren unpolitisch. Aber es ist wahr: Die Baath-Regierung war laizistisch orientiert. Wir Christen haben hier mehr Freiheit genossen als anderswo. Man muss aber auch hier genau hinsehen: Der Koran war auch in der arabischen Republik Syrien die Quelle der Gesetzgebung. Das war für uns Christen diskriminierend. Wenn aber schon das baathistische Syrien diskriminierend für uns war, wie wird das dann erst in einem islamistischen sein?

    Das heißt, die Christen wünschen sich einen Sieg Assads?

    Wir syrischen Christen sind seit 2 000 Jahren hier. Wir haben in dieser Zeit Reiche und Regime kommen und gehen sehen. Wir sind keinem Regime unterworfen, sondern sind frei in Christus, beten aber für die rechtmäßige Regierung. Bis zu Beginn des Arabischen Frühlings hat niemand – auch international – daran gezweifelt, dass Präsident Assad der gewählte und rechtmäßige Präsident Syriens ist. Seither hat in westlichen Medien eine Dämonisierung Assads stattgefunden. Man muss hier von echter Propaganda sprechen.

    Aber Assad hat angesichts friedlicher Proteste im März 2011 sehr schnell mit exzessiver Gewalt reagiert. Hat er sich damit nicht delegitimiert?

    Es gab seit Beginn ein Drehbuch, um Syrien zu destabilisieren. In Daraa, wo die Proteste anfingen, waren von allem Anfang an bewaffnete, unbekannte Männer, die die Sicherheitskräfte angriffen. Die Revolution war schon in dieser frühen Phase im Griff der Moslembrüder und anderer radikal-islamischer Kräfte. Heute haben wir hier tausende von Terroristen aus der ganzen islamischen Welt. Sie kommen aus über vierzig Ländern. Sie verbreiten Terror und Extremismus.

    Dass es eine dschihadistische Infiltration gibt, leugnet heute niemand mehr. Aber muss man diesen Vorgang nicht von den friedlich vorgetragenen Reformwünschen vieler Syrer selbst unterscheiden?

    Ja, natürlich. Das Problem ist, dass dieses Reformbestreben von Islamisten gekidnappt worden ist. 100 Prozent der gemäßigten Syrer, Christen wie Muslime, möchte Reformen. Der Westen bekommt das nicht mit, aber hier haben sich seit März 2011 über 30 neue Parteien gegründet. Präsident Assad hat das Monopol der Baath-Partei ja abgeschafft. Die Menschen arbeiten für ein neues Syrien. Aber sie wollen sich nicht von außen vorschreiben lassen, wie das aussehen soll, nicht aus Washington, Paris, Ankara, London und auch nicht aus Katar.

    Syrische Kirchenführer und Christen werden oft dafür kritisiert, dass sie keine Vermittlerposition einnehmen, sondern sich an das Regime hängen. Können Sie diesen Vorwurf verstehen?

    Das ist einfach nicht wahr. Die Kirchenführer haben Verbindung zum ganzen syrischen Volk. Warum wurden beispielsweise Bischof Youhanna Ibrahim und Bischof Paul Yazigi entführt? Weil sie mit den Rebellen über die Freilassung von zwei Priestern im Austausch für gefangene Rebellen verhandelten. Viele unserer religiösen Führer helfen jedermann und sprechen mit jedermann um des Friedens willen. Schauen Sie, ich arbeite in der Organisation Musahalla, das ist arabisch für Versöhnung. Ich und andere, wir sind unter Sniperbeschuss, unter Lebensgefahr kürzlich in die Rebellenhochburg Homs gefahren, um dort mit den Aufständischen zu sprechen. Wir reden mit allen Seiten, sogar Islamisten, um Versöhnung in diesem schrecklichen Konflikt zu ermöglichen. Ich lade jeden ein, mich auf einer solchen Tour zu begleiten. Möge er dann entscheiden, ob wir parteiisch sind und regimehörig.

    Manche, wie der italienische Jesuit Paolo dall'Oglio, gehen sogar noch weiter und werfen vielen Kirchenführern Kollaboration mit dem Regime vor. Damit gefährdeten sie die Situation der Christen im Syrien nach Assad.

    Ich verstehe nicht, warum er das tut. Er bringt uns Christen damit in echte Gefahr, wenn er das immer und immer wieder wiederholt. Außerdem fordert er die Bewaffnung der Rebellen und stellt sich damit gegen die Päpste, die das als Sünde bezeichnet haben. Ich verstehe auch nicht, für welche Demokratie er sich einsetzt. Nennen Sie mir einen Quadratkilometer in Syrien, wo sich seit 2011 eine echte rechtsstaatliche Demokratie etabliert hat. Als die Dschihadisten von den An-Nusra-Brigaden zum Beispiel in Ras al-Ayn eingedrungen sind, haben sie die dortigen Christen bedroht und vertrieben. Ist das Demokratie? Wir haben fünfzig Jahre lang im stabilsten Land der arabischen Welt gelebt. Jetzt haben wir die Hölle auf Erden. In Damaskus wissen Sie nicht, ob Sie es überleben, die Straßen zu überqueren. Wir sind Zeugen der schlimmsten Verbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für Gräuel sich hier abspielen. Vergewaltigungen, Morde und barbarische Grausamkeit bestimmen unser Leben.

    Aber Gräueltaten werden von beiden Seiten begangen.

    Es gibt einige Volkskomitees und Milizen die der Armee helfen. Diese Parallelarmee kann dasselbe Vorgehen an den Tag legen wie die Terroristen unter den Rebellen. Aber lassen Sie uns ehrlich sein: Seit Beginn der Proteste hat es eine verborgene Infiltration der Demonstranten gegeben, um Gewalt zu provozieren. Die Armee selbst aber ist diszipliniert und verteidigt den Staat erfolgreich gegen den internationalen Terrorismus. Das bringt ihr das Vertrauen vieler Menschen ein. Es gibt deshalb mittlerweile Rebellen, die die Waffen niederlegen und die Seiten wechseln, weil sie die ausländischen Dschihadisten fürchten. Ich habe im Rahmen meiner Versöhnungsarbeit mit Ex-Rebellen gesprochen, die eingesehen haben, dass sie im Irrtum waren. Sie erkennen, dass die Terroristen ohne Not weite Teile Syriens ins Chaos gestürzt haben. Manche Städte sehen aus wie Stalingrad. Die Infrastruktur und das religiöse und kulturelle Erbe sind zu großen Teilen mutwillig zerstört. Das hat viele zum Nachdenken bewegt.

    Was ist der Ausweg?

    Die Syrer müssen das Recht zur Selbstbestimmung haben. Sie müssen ihre Geschicke friedlich und ohne Einmischung von außen und den internationalen, dschihadistischen Terrorismus bestimmen dürfen. Versöhnung und innersyrischer Dialog mit den Gutwilligen sind der einzige Weg. Gegenwärtig scheint die Hoffnung dafür berechtigt. Wir werden sehen.