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    Assad und seines Vaters System

    Wer einen Diktator und sein Agieren verstehen will, muss studieren, wie er an die Macht gelangt ist. Wer den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und sein Agieren verstehen will, muss studieren, wie sein Vater an die Macht gelangt ist. Baschar ist nämlich nur als Erbe zu verstehen, als einer, dem es nicht gelang, das System seines Vaters zu überwinden, die Erblasten abzuschütteln und einen eigenständigen, neuen Weg zu beschreiten. Jahrelang hielt ihn das System seines Vaters an der Macht, aber auch in der Hand. Dann zog es ihn mehr und mehr in den Abgrund.

    Vom Hoffnungsträger zum Feindbild: Baschar al-Assad und seine Frau Asma. Foto: dpa

    Wer einen Diktator und sein Agieren verstehen will, muss studieren, wie er an die Macht gelangt ist. Wer den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und sein Agieren verstehen will, muss studieren, wie sein Vater an die Macht gelangt ist. Baschar ist nämlich nur als Erbe zu verstehen, als einer, dem es nicht gelang, das System seines Vaters zu überwinden, die Erblasten abzuschütteln und einen eigenständigen, neuen Weg zu beschreiten. Jahrelang hielt ihn das System seines Vaters an der Macht, aber auch in der Hand. Dann zog es ihn mehr und mehr in den Abgrund.

    Der Vater, Hafiz al-Assad, war ein ehrgeiziger Junge. Als erster aus seiner lokal angesehenen, aber armen Bauernfamilie erwarb er eine höhere Schulbildung. Er wollte nach oben, und da gab es für einen ehrgeizigen Jungen aus armen Verhältnissen nur einen Weg: die Militärakademie. Hafiz wurde zum Piloten ausgebildet, teilweise in der Sowjetunion, der er sich bleibend verbunden fühlte. Bereits als Jugendlicher trat er der Baath-Partei bei, die einen säkularen arabischen Nationalismus mit sozialistischen Ideen verband. Je höher er im Militär aufstieg, desto mehr wuchs auch sein Einfluss in der Partei. Hafiz al-Assad wurde General, 1963 auch Oberbefehlshaber der Luftwaffe. 1966 folgte sein erster Putsch, durch den er Verteidigungsminister wurde. Nach der Niederlage gegen Israel und dem bis heute für Syrien traumatisierenden Verlust des Golan zwang Hafiz al-Assad 1968 den Regierungschef zum Rücktritt. 1970 putschte er gegen die zivile Regierung und wurde Ministerpräsident, ein Jahr später auch Präsident.

    Seine Macht stützte sich auf die Armee und die Geheimdienste, sein Gedankengut auf arabischen Nationalismus und von Moskau inspirierten, aber doch orientalisch verwässerten Sozialismus, sowie auf die – nicht religiös, sondern politisch bedingte – Feindschaft zu Israel. Dazu kommt Assads religiöse Identität: Die Familie gehört zur kleinen Minderheit der Alawiten und betrachtet jede Verbindung von sunnitischem Islam und Politik darum mit äußerstem Argwohn. Hafiz al-Assad vertraute vor allem den Minderheiten, denen er Schlüsselpositionen in Armee, Geheimdiensten und Regierung zuspielte. Er misstraute dem politischen Islamismus, vor allem den Muslimbrüdern, die er mit eiserner Faust niederhielt. Hatte Hafiz al-Assad zunächst seinen Bruder als „Nummer 2“ installiert, so baute er ab 1983 seinen Erstgeborenen Basil als Nachfolger auf. Nicht der heutige Präsident Baschar, sondern sein älterer Bruder war der politische Kopf, der zum Erben bestimmt war. Während der Draufgänger und Machtmensch Basil Chef des präsidialen Sicherheitsdienstes wurde und gerne in Uniform herumlief, ging der eher schüchtern, steif und introvertiert wirkende Baschar zum Medizinstudium nach London.

    Während seiner Ausbildung zum Augenarzt lernte er die in Großbritannien geborene, gebildete Finanzanalystin Asma kennen und lieben. Sie stammt aus einer reichen syrischen, allerdings sunnitischen Familie. Der syrische Augenarzt und die syrische Finanzexpertin in London – das hätte die Geschichte einer gelungenen Integration, einer wohlhabenden und gebildeten Emigrantenfamilie werden können. Doch dann passierte, was in Baschars Lebensplanung nicht vorgesehen war: Sein Bruder Basil, in Damaskus für seinen Fahrstil auf Motorrädern und mit schnellen Sportwägen berüchtigt, raste 1994 auf dem Weg zum Flughafen in den Tod. Baschar, dessen Verhältnis zum Vater stets respektvoll und doch distanziert war, musste nach Hause. Er sollte nun in die Rolle hineinwachsen, die der Diktator seinem Lieblingssohn zugedacht hatte. Noch Jahre später waren in Syrien Bilder von Hafiz, Basil und Baschar im Stil der Dreifaltigkeit allgegenwärtig.

    Im Jahr 2000 starb Hafiz al-Assad nach drei Jahrzehnten an der Macht. Der erst 34-jährige Zweitgeborene musste die Nachfolge antreten. Beraten von seiner Frau Asma versuchte er, sich von den Seilschaften seines Vaters zu emanzipieren, die Macht der Generäle und der Geheimdienste zu überwinden. Vom „Damaszener Frühling“ war 2001 bereits die Rede. Doch die Strukturen der Macht waren stärker als das junge, unpolitische Paar. Die alte Garde setzte auf Repression, die Golan-Frage verhinderte die Aussöhnung mit dem Erbfeind Israel, George Bushs Irak-Krieg von 2003 ließ die antiamerikanischen Emotionen im Volk hochkochen. Wie er innenpolitisch nicht aus den vom Vater geschaffenen Strukturen auszubrechen vermochte, so schaffte er es auch außenpolitisch nicht. So sind bis heute Moskau und Teheran seine einzigen, und mittlerweile letzten Verbündeten.