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    Asia Bibi: Ikone der Christenverfolgung

    Der Fall Asia Bibi und der Kampf um den Sieg der Scharia. Von Michaela Koller

    Proteste nach Freispruch von Christin in Pakistan
    Einen Tag nach dem Freispruch der wegen Blasphemie verurteilten Christin Asia Bibi ist es in dem vorwiegend muslimischen... Foto: dpa

    Nach dem spektakulären Freispruch der pakistanischen Christin Asia Bibi vom Vorwurf der Blasphemie hat sich bislang nichts an der Situation der Familienmutter geändert. Mordaufrufe, landesweite Proteste und ein nachfolgendes Abkommen der Regierung mit den Islamisten zur Streitbeilegung verhindern derzeit, dass sie das Gefängnis verlassen und sich im Ausland in Sicherheit bringen kann. Nicht einmal ihre Familie konnte sie beglückwünschen. Ihr Ehemann, Ashiq Masih, sagte am Montag im Telefonat mit dieser Zeitung: „Ich konnte meine Frau noch nicht treffen, und dies nicht nur, weil die Straßen durch die Proteste blockiert sind. Da mein Gesicht durch die Medien bekannt ist, bleibt es für mich gefährlich, mich im Land zu bewegen.“ Wie Asia Bibi selbst steht auch die Familie sowie alle, die einer Hinrichtung im Wege stehen, im Fadenkreuz gewaltbereiter Islamisten und müssen sich verstecken. Ihr Verteidiger, Saif ul-Malook, ist in dieser Woche in die Niederlande geflohen.

    Trotz des ernüchternden Aufruhrs der Fanatiker hat Ashiq Masih seine Hoffnung nicht verloren. Er rechne trotz der Petition der Islamisten, die am Montag dem Obersten Gerichtshof vorgelegt wurde, mit einer Bestätigung des Freispruchs binnen der nächsten zwei Wochen. Das Urteil sei auch mit dem islamischen Recht begründet worden, demnach sei es schwer aufzuheben. Momentan trieben ihn schwere Sorgen um, die Frage nach dem Asylziel wie die um die Sicherheit seiner Frau nach ihrer Freilassung. Er hofft auf eine Aufhebung des Reiseverbots, das die Islamisten der Regierung abgerungen haben.

    Asia Bibi sitzt seit Juni 2009 hinter Gittern und wurde im November 2010 zum Tode verurteilt. Die Vorwürfe der Gotteslästerung kamen während der Arbeit in Sheikhupura (Provinz Punjab) auf. Die Landarbeiterin hatte bei der Ernte für sich und die anderen Erntehelferinnen Trinkwasser geholt. Nachdem sie selbst aus dem Becher getrunken hatte, beschwerte sich eine Nachbarin, die das beobachtet hatte. Das Gefäß könnten nun die Muslime auf dem Feld nicht mehr anrühren: Es sei unrein geworden, weil sie als Christin daraus getrunken habe. Asia Bibi möge ihrem Glauben abschwören, da Jesus ein Bastard gewesen sei. Sie habe darauf geantwortet: „Ich glaube an meine Religion und an Jesus Christus, der für die Sünden der ganzen Menschheit am Kreuz gestorben ist.“

    Es entbrannte ein Streit, in dessen Folge ihr die Beleidigung des islamischen Propheten Mohammed vorgeworfen wurde, was nach pakistanischem Strafrecht seit Mitte der 80er Jahre als todeswürdiges Verbrechen gilt. Den Richtern, die das jüngste Urteil fällten, erkannten aber keinen Beweis für die Vorhalte der Anklage. Vielmehr stellten sie fest, dass die Beleidigung Jesu durch die Kollegin gewiss gotteslästerlich gewesen sei, da dieser im Islam als ein verehrungswürdiger Prophet gelte.

    Jedoch hat die Ausgrenzung von Christen bei Tisch oder aus geselliger Runde, mit der das Unheil anfing, das über Asia Bibi kam, in der mehrheitlich islamischen Gesellschaft Pakistans Tradition. Gerade in ländlichen Gebieten gelten Christen quasi als Unberührbare. Es hängen sogar Hinweisschilder in öffentlichen Einrichtungen, dass Christen dort nicht bedient werden, wie die christliche Rechtsanwältin Aneeqa Anthony aus Pakistan, die Spezialistin für Blasphemiefälle ist, auf Nachfrage bestätigt. „Ich weiß nicht, ob ich feiern oder klagen soll“, sagte Anthony am Tag der Bekanntgabe des Urteils. Die radikalislamische Partei Tehreek-e-Labaik Pakistan (TLP), in einer Allianz mit anderen extremistischen Gruppen, mobilisierte binnen Stunden ihre Anhänger zu Protesten, die Straßen blockierten und mit Plünderungen und Brandschatzungen begannen. Khadim Rizvi, der Parteigründer, drohte der Regierung, nicht eher aufzuhören, bis der Freispruch widerrufen ist. Solle Asia Bibi freikommen, so müssten die „Ungläubigen“ dafür büßen. „Sie haben schon christliche Schulen, Kirchen und Siedlungen im Visier“, so Anthony weiter. Am Donnerstag griffen die Fanatiker bereits die zweitgrößte christliche Gemeinde, Bahar colony, an. „Menschen, die sie auf der Straße für Christen hielten, schlugen sie einfach zusammen.“ Sämtliche Gewalttäter würden aufgrund des Deals mit der Regierung amnestiert.

    Die Reaktionen waren absehbar, da im Zusammenhang mit der Causa Asia Bibi zwei Attentate auf Politiker erfolgten: Der Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, wurde im Januar 2011 von seinem eigenen Leibwächter, Mumtaz Qadri, mit 28 Schüssen ermordet, nachdem er sich für Bibis Begnadigung bei seinem politischen Freund, dem damaligen Präsidenten Asif Ali Zardari, eingesetzt und die Blasphemiegesetze öffentlich kritisiert hatte. Der Mörder wurde am 29. Februar 2016 hingerichtet; seine Tat hatte er bei den Vernehmungen mit der Missbilligung der Unterstützung für Asia Bibi begründet. Der christliche Minister für Minderheiten, Shahbaz Bhatti, der eine Reform der Blasphemiegesetze vorgeschlagen hatte, erhielt auf diese Initiative hin Morddrohungen. Im März 2011, nur zwei Monate nach Taseer, erschoss ihn eine islamische Terrorgruppe in der Hauptstadt.

    Die Täter haben Anhänger, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen und für die umfängliche Einführung des islamischen Rechts eintreten. Für mehrere Hundert Imame der einflussreichen sowie strenggläubigen sunnitischen Barelvi-Bewegung war Mumtaz Qadri ein Held. Sie verurteilten die Kritik des Opfers an den Blasphemiegesetzen. Schon bei seinen Auftritten vor Gericht, bei denen er mit Rosenblättern bestreut wurde, zeichnete sich eine Verehrung Qadris ab. Die Anhänger bedrohten den Richter, der den Mörder zum Tode verurteilt hatte. Dieser ging mit seiner Familie ins Exil nach Saudi-Arabien. Auf Qadris Hinrichtung hin folgten Proteste in größeren Städten, sowie die Drohung, diese auszuweiten. An der folgenden Beisetzung nahmen mehrere Zehntausend Menschen teil, darunter auch der ehemalige Religionsminister Hamid Saeed Kazmi. Qadris Grab ist zu einer Pilgerstätte geworden. Eine im Jahr 2014 errichtete Moschee in der Hauptstadt Islamabad wurde nach ihm benannt. Aus dem Kreis seiner Anhängerschaft entstand die Partei Tehreek-e-Labaik (TLP), die versucht hatte, die Vollstreckung seines Todesurteils zu verhindern. Nun führten die inzwischen mehrere Millionen Gefolgsleute die Proteste gegen den Freispruch an. Im Punjab war TLP bereits zu Beginn des Jahres, Umfragen zufolge, zur drittstärksten Kraft avanciert. Jedoch reichte es nur zu einem Sitz im nationalen Parlament.

    Wohl wie kaum eine zweite Frau ist Asia Bibi zu einer Ikone unter den Massen an Opfern der weltweit zunehmenden Christenverfolgung geworden: Hunderttausende Unterstützer unterschrieben Appelle für ihre Freilassung. Auch Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus riefen dazu auf, die Vorwürfe fallenzulassen. So ist aus dem Fall ein Kampf für den Sieg der Scharia geworden. Der Einschätzung von Rechtsanwältin Anthony zufolge versucht die Regierung mit ihren Beschwichtigungen Zeit zu gewinnen, die nötig ist, um Asia Bibi aus der Falle zu retten. Die Anhänger der Blasphemiegesetze versuchten schon längst, in zahlreichen anderen Fällen Exempel zu statuieren. Unter den inhaftierten Opfern dieser meist konstruierten Vorwürfe seien auch Minderjährige und Behinderte.

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