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    Argumente statt Ausgrenzung

    Herr Bischof Koch, wie erklären Sie sich den großen Zulauf bei den Pegida-Demonstrationen? Hinter Pegida steckt ein Gefühlsstau: eine Verärgerung über das Nicht-Vorkommen, Nicht-berücksichtigt-Werden, Nicht-wahrgenommen-Sein.

    Wo der Glaube schwindet, wachsen Orientierungslosigkeit und Verunsicherung: Bischof Heiner Koch hält den hohen Prozentsa... Foto: dpa

    Herr Bischof Koch, wie erklären Sie sich den großen Zulauf bei den Pegida-Demonstrationen?

    Hinter Pegida steckt ein Gefühlsstau: eine Verärgerung über das Nicht-Vorkommen, Nicht-berücksichtigt-Werden, Nicht-wahrgenommen-Sein. Das drückt sich in verschiedenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen aus. Die bundesweite Diskussion dreht sich um Pegida und die Islamkritik, aber dieses Thema ist in Wirklichkeit nur ein Aspekt. Untersuchungen zeigen, dass nur 25 Prozent der Pegida-Teilnehmer dieses Thema in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen. Es geht also um mehr. Pegida zeigt: Es hat bei dieser Gruppe – aus welchen Gründen auch immer – eine Entfremdung stattgefunden zu unserer Gesellschaft und zur politischen Spitze. Es gibt ein Sich-nicht-mehr-vertreten-Fühlen im Spektrum der Parteien.

    Warum treibt dieser „Gefühlsstau“ gerade in Dresden so viele auf die Straße?

    Das hat meines Erachtens psychologische Gründe. Man geht dahin – gerade bei einer solchen Massenbewegung, die weder Struktur, noch Programm, noch gewählte Führung hat –, wo man keine Minderheit ist. Menschen reisen aus dem ganzen Bundesgebiet montags nach Dresden. Man kommt, weil hier viele sind. Die Aufmerksamkeit, die sie gerade über die Medien erhalten, stärkt die Pegida-Demonstranten. Hinzu kommt: jede Ablehnung – und die ist zum Teil massiv – stärkt sie in ihrem Sendungsbewusstsein. Sendungsbewusstsein führt genau dazu, dass ich mich – gerade wenn ich abgelehnt werde – immer tiefer mit etwas identifiziere.

    Laut einer empirischen Untersuchung der TU Dresden hat der typische Anhänger der Dresdner Pegida-Bewegung, folgendes Profil: Er ist mittleren Alters, männlich, aus Sachsen, gut ausgebildet und verfügt über ein vergleichsweise gutes Einkommen. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht? Die Vorstellung, es handle sich bei Pegida-Demonstranten vor allem um Verlierer der Gesellschaft, passt nach dieser Untersuchung ja nun nicht mehr.

    Als Pegida vor wenigen Wochen in kleinen Zahlen angefangen hat, habe ich mit dieser Entwicklung nicht gerechnet. Die Zusammensetzung der Pegida-Gruppe hat sich nach meinem Empfinden aber auch deutlich verändert. Eines ist auf jeden Fall klar: Alle Schubladen, in die man Pegida zwängen will – fremdenfeindlich, rassistisch, neonazistisch –, sind zu simpel. Dieses Schubladendenken verhindert nur, dass man angemessen auf diese Bewegung reagiert. Als Demokraten und als Christen sollten wir Menschen nicht ausgrenzen: Ich muss diese Menschen ernst nehmen, ich muss mit ihnen ins Gespräch kommen und muss selbstverständlich auch Forderungen an sie stellen.

    „Ausschluss aus dem politischen Diskurs durch Ausgrenzung halte ich für einen Fehler“
    Welche Forderungen haben Sie?

    Erstens: Passt auf, was auf diesen Demonstrationen gesagt wird. Prüft, ob ihr das wirklich unterstützen wollt. Vieles, was da gefordert wird, und auch die Art, wie es gesagt wird, ist inakzeptabel. Es gibt unter den Demonstranten auch neonazistische Strömungen. Und es gibt Redner, da läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Meine zweite Forderung ist diese: Bitte bedenkt, was wie gesagt wird und welche Auswirkungen das auf Migranten hat, die bei uns leben, und die das nicht so differenziert verstehen können. Asylanten und Migranten fühlen sich dann nicht willkommen, sondern verletzt und haben Angst. Auch das muss man berücksichtigen. Ich habe kürzlich beim Neujahrsempfang des sächsischen Ministerpräsidenten mit Muslimen gesprochen. Muslime sind besorgt, wohin die Pegida-Demonstrationen führen. Aber nicht wenige fühlen sich durch manche Karikaturen zutiefst in ihrer Seele verletzt. Für sie sind diese Karikaturen Gewaltanwendung. Das gilt auch für Muslime, die sich eindeutig von Terror und Gewalt distanzieren. Ihrer Auffassung nach tritt Pegida wie auch die Karikaturisten das mit Füßen, was anderen Menschen heilig ist: ihren Glauben. Keiner dieser Muslime wollte mit dieser Feststellung irgendein Verbrechen rechtfertigen – davon haben sie sich mit Abscheu distanziert. Aber wir müssen uns fragen – das gilt für Pegida wie für Karikaturisten –, wie das, was ich tue, beim anderen ankommt. Freiheit ist nicht nur das, was ich darf, sondern auch das, was ich lasse, weil ich weiß, welch verletzende Wirkung es auf andere hat. Diese Diskussion fehlt mir bislang.

    Sehen Sie ein Versagen der Politik in Fragen der Zuwanderung, das den Unmut, der sich in den Pegida-Demonstrationen ausdrückt, erklärbar macht?

    Ja, insofern die Politik – um politische Korrektheit bemüht – manche Probleme nicht auf den Tisch bringt. Pegida-Anhänger sagen mir oft: „Mit meiner Überzeugung darf ich mich nicht mehr öffentlich äußern, sonst bin ich gleich als rechtsextrem verschrien.“ Ausschluss aus dem politischen Diskurs durch Ausgrenzung halte ich für einen Fehler. Man muss kontroverse Diskussion zulassen. Inhaltliche Auseinandersetzung kann man nicht durch Ausgrenzen unliebsamer Meinungen ersetzen. Viele – gerade im rechten Spektrum – fühlen sich in den etablierten Parteien nicht mehr vertreten. Nach meinem Empfinden ist dies auch ein Grund für das Anwachsen der Pegida-Bewegung.

    Spielt der hohe Prozentsatz Konfessionsloser in den neuen Ländern beim Thema Pegida eine Rolle?

    Eindeutig Ja. Wer keinen Halt hat, schwimmt schnell mit und dem fehlt oft auch der Maßstab, an dem er sich orientieren kann. Diese Haltlosigkeit, die es gerade dort gibt, wo der Glaube fehlt oder immer mehr schwindet, verstärkt das Gefühl, dass alles wegrutscht, und sorgt für Verunsicherung bezüglich der eigenen Identität. Man muss immer bedenken, was den Menschen in den neuen Ländern in kurzer Zeit alles zugemutet worden ist. Wirtschaftliche Änderungen massivster Art, Ordnungsänderungen, Umbrüche, Veränderungen im Bildungssystem und, und, und. Zudem war der Kommunismus für viele auch eine Art Religionsersatz. All das ist weg. Das führt zweifelsohne zu einer gewissen Haltlosigkeit, die Folgen hat.

    Sie haben kürzlich von einer Zwangslage der Kirche beim Umgang mit Pegida-Demonstranten gesprochen und dazu aufgerufen, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Worin besteht diese Zwangslage der Kirche gegenüber Pegida?

    Eines der großen Themen bei Pegida ist die Kritik am Islam und eine damit verbundene Ablehnungshaltung gegenüber Migranten und Asylanten. Da müssen wir als Kirche eindeutig sagen: Wir stehen zu den Flüchtlingen. Es gilt der Rahmen unserer Rechtsordnung, aber vor allem gilt: Sie sind willkommen. Wenn ich die vielen traumatisierten Flüchtlinge sehe, die jetzt zu uns kommen aus Syrien, dem Irak oder aus Tschetschenien, die Furchtbares erlebt haben, dann muss ich als Christ und als Mensch klar sagen: Ihr seid willkommen, ihr gehört zu uns und wir bieten euch Schutz. Davon können wir als Christen keinen Millimeter abweichen. Sonst würden wir unseren Glauben verraten. Diese Haltung der Annahme gegenüber Flüchtlingen muss aber auch gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen gelten. Auch sie muss ich an- und ernstnehmen, auch wenn ich ihre Meinung nicht teile. Ein Großteil der Verhärtung im Moment liegt darin, dass man beiden Seiten das Gefühl vermittelt: am Besten wäre es, euch gäbe es nicht. Das ist verheerend. Das bringt auch keinen Fortschritt. Dieses Gefühl dürfen wir als Christen nicht auch noch unterstützen. Wir schreiben keinen ab!

    Wo sehen Sie als Vertreter der Kirche, die sich für Flüchtlinge stark macht und auch im Fremden den Bruder sieht, Möglichkeiten, mit Demonstranten ins Gespräch zu kommen, die sich Fremdenfeindlichkeit auf die Fahnen geschrieben haben?

    Wer sich Fremdenfeindlichkeit auf die Fahnen schreibt, dem müssen wir klar sagen: Das geht mit uns nicht. Gespräch heißt ja nicht Profillosigkeit, sondern erfordert klares Profil. Es gibt aber eben auch Pegida-Demonstranten, die sich von Fremdenfeindlichkeit distanzieren. Das wird mir deutlich, wenn mich nach solchen Demonstrationen hier vor meiner Haustür zum Beispiel „Christen für Pegida“ ansprechen. Bei einer Diskussion in der Landeszentrale für Politische Bildung waren kürzlich drei evangelische Pfarrer da. Wir brauchen jetzt dringend Gesprächsrunden, in denen Menschen das, was sie bewegt, äußern können, auch wenn das nicht dem Mainstream der Gesellschaft entspricht und in der Presse anschließend zerrissen wird. Es muss Gesprächsrunden gegeben, bei denen gewährleistet ist: Hier darfst Du reden, hier darfst Du sein, wir kommen miteinander ins Gespräch, als Person bist Du wertgeschätzt, auch wenn ich Deine Auffassung nicht teile. Wir haben keine andere Wahl, als im Gespräch zu bleiben. An schnelle und einfache Lösungen glaube ich allerdings nicht.

    Sie sprachen „Christen bei Pegida“ an: Halten Sie es denn für akzeptabel, wenn Christen bei Pegida mitmarschieren?

    Was Pegida eigentlich ist und will, ist mir nicht klar. Es gibt keine autorisierte Leitung, es gibt kein autorisiertes Programm. Aber es gibt Demonstranten, die sehr unterschiedliche Anliegen vertreten. Ich hätte allerdings größte Bedenken, mich einer Strömung anzuschließen, in der es fremdenfeindliche Tendenzen gibt, die ich als Christ nicht teilen kann. Das ist bei Pegida gegeben. Was auf diesen Kundgebungen öffentlich gesagt wird, bleibt undiskutiert stehen und wirkt nach außen. Da hilft es nicht, wenn ich das persönlich anders sehe, mich aber durch meine Anwesenheit dann doch vereinnahmen lasse.

    Im Zuge der Pegida-Demonstrationen und nach dem Terroranschlag in Paris wird intensiv über die Rolle des Islam in der deutschen Gesellschaft diskutiert. Ist der Islam ein Teil Deutschlands?

    In unserer Gesellschaft leben Muslime. Sie bringen ihren Glauben mit. Insofern gehören Muslime und ihr Glaube zu uns. Allerdings in einer ganz anderen Weise als Christentum und Judentum, die dieses Land kulturell geprägt haben.