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    Annegret Kramp- Karrenbauer

    Kopftuch, Kittelschürze und das Herz auf der Zunge. Wenn Putzfrau Gretel im saarländischen Karneval in die Bütt steigt, dann spitzen alle die Ohren. Von Sebastian Sasse

    Annegret Kramp- Karrenbauer
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    Kopftuch, Kittelschürze und das Herz auf der Zunge. Wenn Putzfrau Gretel im saarländischen Karneval in die Bütt steigt, dann spitzen alle die Ohren. Denn in dem Kostüm steckt die Ministerpräsidentin: Annegret Kramp-Karrenbauer tritt regelmäßig in der fünften Jahreszeit auf. Sie verkleidet sich für diese Einlagen, aber verstellen muss sie sich für sie nicht. Die meisten Politiker vertrauen auf Umfragen, wenn sie wissen wollen, wie das Volk denkt. Sie setzt auf den Pointentest. Wenn der Saal tobt, dann spürt sie, dass sie ein gutes Gespür dafür hat, was bei den Menschen ankommt. Bürgernähe ist ihr wichtig. Entscheidend dabei: Die Mutter dreier Kinder, die seit 33 Jahren verheiratet ist, wirkt bei solchen Auftritten nicht wie jemand, der nur so handelt, weil es irgendein Stratege ihr ins Drehbuch geschrieben hat, sondern weil sie wirklich so ist. So erfolgreich konnte in jüngster Zeit wohl sonst nur die Sozialdemokratin Hannelore Kraft in NRW ein Landesmutter-Image kultivieren.

    Allerdings: Kraft ist im letzten Jahr abgewählt, Kramp-Karrenbauer eindrucksvoll im Amt bestätigt worden. Der Vergleich zwischen beiden zeigt: Sich volksnah zu geben, reicht allein nicht aus. Wer Volkes Stimme hört, der muss dieser auch in Berlin Gehör verschaffen. Kraft fehlte es für solche

    Die Aspirantin

    Akzente an Energie. Die Ministerpräsidentin des kleinen Saarlandes meldet sich hingegen regelmäßig zu Wort. Auch jetzt wieder: Sie fordert einheitliche Standards bei der Altersüberprüfung von Flüchtlingen. Es sei das Recht des deutschen Staates, auch ärztliche Tests durchzuführen. Hier steht sie durchaus auf einer Linie mit der neuen Regierung in Österreich. Aber auf eine Linie ist die Ministerpräsidentin nicht so leicht zu bringen: Sie ist für eine Lohnuntergrenze, für die Frauenquote, tritt aber auch entschieden gegen die „Ehe für alle“ ein. Als sie das Volladoptionsrecht von gleichgeschlechtlichen Paaren ablehnte, kostete sie das Sympathien bei denen, die sie bisher dem linken Flügel der CDU zugeordnet hatten. Kramp-Karrenbauer selbst sieht sich als Christlich-Soziale. Und sie sträubt sich, diese Position in dem Rechts-Links-Schema einzuordnen. Parteifreunden macht sie es damit schwer. Zu welchem Lager gehört sie denn nun? Sie selbst zuckt bei solchen Interviewfragen regelmäßig mit den Schultern. Denn viel wichtiger ist für ihren politischen Erfolg nicht die Nähe zu Parteiflügeln, sondern zur Basis. In ihrer Bürgernähe ist sie das genaue Gegenteil zu Angela Merkel. Gleichwohl steht sie loyal zur Kanzlerin. Aber gerade das ist, was die Saarländerin zu einer aussichtsreichen Aspirantin auf deren Nachfolge macht. Denn Königsmörder mag das Volk für gewöhnlich nicht.

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