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    Angst vor neuer Gewalt

    Seit sieben Jahrzehnten kämpfen in Kolumbien linke Guerillagruppen gegen den Staat. Doch in letzter Zeit zeichnete sich eine Friedenspolitik zwischen beiden Seiten ab. Die wird nun durch einen Anschlag erschüttert. Die Kirche empfiehlt sich als Vermittlerin. Von Bodo Bost

    Dario de Jesus Monsalve Mejia
    Er könnte eine Vermittlerrolle übernehmen: Dem Erzbischof von Cali, Dario de Jesus Monsalve, werden gute Kontakte zur EL... Foto: KNA

    Kolumbien steht unter Schock: Ein Selbstmordattentat auf eine Polizeischule in Bogotá am 17. Januar ruft Erinnerungen an die Hochzeit des Konfliktes zwischen Regierung und Guerillatruppen hervor, als solche Anschläge zum Alltag gehörten. Der nach dem Attentat identifizierte Attentäter Jose Aldemar Rojas fuhr am helllichten Tag mit einem Kleinlaster mit 80 Kilogramm Sprengstoff in eine Polizeiakademie im armen Süden Bogotás. Als Polizisten Rojas stoppen wollten, explodierte der Kleinlaster und riss 20 Menschen mit in den Tod. Bei den Todesopfern handelt es sich um kolumbianische Polizeischüler.

    ELN-Guerilla bekennt sich zum Anschlag

    Die Identität des Täters stand bereits wenige Stunden nach dem Attentat fest. Der 56-jährige Jose Aldemar Rojas gehörte seit 25 Jahren als Sprengstoffexperte zur Guerillagruppe ELN. Erst nach einigen Tagen hat sich die ELN-Guerilla zu dem Anschlag bekannt, kurz vor Weihnachten hatte sie noch einen Waffenstillstand bis Neujahr verkündet. Präsident Iván Duque, der erst wenige Monate im Amt ist und sich im Wahlkampf für eine Überarbeitung des Friedensprogrammes ausgesprochen hatte, ordnete drei Tage Staatstrauer an. Die aus der FARC-Guerilla entstandene Partei gehörte zu den ersten, die den Anschlag verurteilten: Die Tat sei eine „Provokation gegen eine politische Lösung des Konflikts“. Papst Franziskus verurteilte die Tat am vergangenen Freitag als „unmenschlich“. „Wir lehnen jede Form von Terrorismus und Gewalt ab. Wir trauern und bemühen uns weiter um Frieden durch Dialog, Versöhnung und soziale Gerechtigkeit“, erklärte der Vorsitzende der Kolumbianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Oscar Urbina Ortega, laut dem vatikanischen Pressedienst „Fides“. Experten gehen davon aus, dass der Kirche eine Vermittlerrolle zukommen könnte. Die ELN hat nämlich katholische Wurzeln. Eine Schlüsselrolle wird dabei dem Erzbischof von Cali, Dario de Jesus Monsalve, zugeschrieben. Ihm werden, so die österreichische Katholische Presseagentur, gute Kontakte zur ELN nachgesagt. Monsalve hat nun ebenfalls dazu aufgerufen, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen, obwohl die Guerilla immer wieder mit neuen Entführungen und Gewalttaten provozierte. „Es ist nun der Zeitpunkt, sich solidarisch mit den Familien zu zeigen“, sagte Monsalve, der allerdings eine direkt Schuldzuweisung vermieden hat. Zuletzt hatte der Erzbischof die anhaltende Gewalt hervorgehoben, der soziale Aktivisten und Menschenrechtler in Kolumbien ausgesetzt seien.

    Die ELN wurde in den 1960er Jahren von dem katholischen Studentenpfarrer Camilo Torres (1929–1966) mitgegründet. Nach dem Friedensabkommen mit der FARC-Guerilla vom November 2016 ist sie die größte noch verbliebene Rebellengruppe Kolumbiens. Camilo Torres stammte aus einer der reichsten Familien Kolumbiens. Sein Vater war Direktor der Staatsuniversität Kolumbiens, der sein Kind auf die deutsche Schule in Bogotá schickte. Während des Jurastudiums in Bogotá entschloss er sich, Priester zu werden. Nach seiner Priesterweihe ging er 1954 zum Soziologiestudium an die katholische Universität in Löwen in Belgien. Nach einer vorübergehenden Tätigkeit als Sozialarbeiter und Seelsorger in West-Berlin kehrte Torres 1959 nach Bogotá zurück. Er wurde Studentenpfarrer an der staatlichen Universität und Mitgründer der dortigen soziologischen Fakultät, wo er auch als Dozent unterrichtete. Torres begann zunehmend, Ungerechtigkeit und Armut der Menschen als ein großes Problem zu sehen und setzte sich für eine Zusammenarbeit zwischen Christen und Marxisten ein. Er erhielt dafür sogar die Unterstützung der Kirche.

    Katholische Wurzeln der ELN

    Seit 1965 propagierte Torres eine „christlich-kommunistische Bewegung“ und wurde von vielen als potenzieller Führer der linksgerichteten Opposition angesehen. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen von 1966 versuchte Torres, die Linke des Landes hinter sich zu vereinen. Als ihm dies misslang, schloss er sich im Oktober 1965, gemeinsam mit einer Studentengruppe, überraschend der kommunistisch inspirierten ELN an und ging in den Untergrund. Am 15. Februar 1966 wurde Torres bei seinem ersten Kontakt mit Regierungstruppen getötet. Ein christliches Begräbnis wurde ihm verweigert, seine Grabstätte ist bis heute unbekannt. Es ist ungeklärt, ob sich Torres wissend der Guerillagruppe anschloss oder von ihr missbraucht wurde. Einige Anhänger religiöser Sozialisten sehen in ihm einen Vorläufer der Theologie der Befreiung und fordern die Aufnahme eines Seligsprechungsprozess. Die ELN hat jedenfalls in den letzten Jahrzehnten nicht mehr viel von ihrem christlichen Erbe bewahrt.

     

     

    Die Guerillas:

    Bereits 1990 hatte sich eine erste Guerillagruppe, die M19, auf Friedensverhandlungen eingelassen, um sich im Gegenzug als politische Partei zu etablieren. Ihr Kandidat Gustavo Petro verlor nur knapp die Präsidentschaftswahl im letzten Jahr gegen Ivan Duque. 2016 schloss die größte und älteste Guerillagruppe, die FARC, Frieden mit der Regierung. Es blieb nur die Guerillagruppe ELN (Nationale Befreiungsarmee) übrig, mit der bereits seit 2013 Friedensverhandlungen vorwiegend in Kuba laufen. Diese wurden jetzt durch Präsident Duque nach dem Bombenanschlag vom 17. Januar für beendet erklärt.

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