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    „Am Status quo wird sich nichts ändern“

    Herr Tidten, liegt dem Verhalten Nordkoreas – etwa bei den jüngsten Artillerieangriffen auf den Süden – ein Muster zugrunde? Ja.

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    Herr Tidten, liegt dem Verhalten Nordkoreas – etwa bei den jüngsten Artillerieangriffen auf den Süden – ein Muster zugrunde?

    Ja. Es geht dem Regime im wesentlichen um zwei Dinge: Es provoziert immer dann, wenn die Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung zunehmen oder die Energie- und Finanzreserven nicht ausreichen. Dann dokumentiert es sozusagen seine Macht und seine Gefährlichkeit und will damit Zugeständnisse erzwingen. Das hat bisher eigentlich immer funktioniert, angefangen 1993 vom Genfer Rahmenabkommen über die ganze Serie der Versuche, mit Nordkorea ins Gespräch zu kommen bis hin zu den Sechs-Länder-Gesprächen. Das zweite, was Nordkorea will ist, darauf hinzuweisen, dass es sich seit 1953 permanent provoziert und bedroht fühlt. Man darf nicht vergessen: Es gibt keinen Friedensvertrag mit dem Süden, allenfalls einen Waffenstillstandsvertrag, der Grenzen festlegt, über deren Verlauf Nordkorea keinerlei Mitbestimmung hatte. Außerdem stehen die Gegner von damals, die Amerikaner, immer noch mit 30 000 Mann in Südkorea, mit dem sie einen Militärpakt geschlossen haben. Das heißt, Nordkorea hat nicht nur den südkoreanischen Bruderstaat zum Gegner, sondern dahinter auch die formidable Streitmacht der USA. Und sie erleben jährlich mehrere Seemanöver der Südkoreaner wie der Amerikaner in unmittelbarer Nähe zu ihren Grenzen. Verständlich, dass sie sich nicht ganz sicher fühlen.

    Will das Regime durch Aktionen wie die jüngste den Status quo ändern?

    Nein. Würde Nordkorea eine weitere Eskalation betreiben hin zum Krieg, dann wäre das das Ende des Regimes. Ein Blick auf das Drohpotenzial des Südens im Verbund mit den Amerikanern genügt, um zu erkennen, dass es keine Waffenparität gibt.

    Wie wird es jetzt weitergehen?

    Wie bisher auch. China und die USA werden sich überlegen, wie man Nordkorea zurück an den Verhandlungstisch bringt. Man weiß, dass es dazu keine Alternative gibt. Im Moment verweigern sich die Amerikaner noch, weil sie sagen, dass aufgrund der nordkoreanischen Atomprogramme keine Gesprächsgrundlage gegeben ist und bisherige Zusagen gebrochen wurden. Das werden sie aber nicht durchhalten können. Denn Südkorea, Japan und China wollen die Sechs-Länder-Gespräche bald wieder fortführen. Das wird nicht von heute auf morgen gelingen, denn es wird eine Weile dauern, bis sich der Kaffeesatz von diesem Artilleriebeschuss und dem Ärger über die neue Urananreicherungsanlage gelegt hat. Aber mittelfristig wird es zu irgendeiner Art von Gesprächen kommen, und sei es nur die Runde der im Korea-Krieg involvierten Mächte. Das ist ja auch ein Vorschlag Nordkoreas, dass man sich zunächst auf die Friedensverhandlungen konzentriert. Es gibt außer dem martialischen Eskalieren keine Alternative zum Gespräch mit diesem Land.

    Warum spielt China die Rolle der Schutzmacht Nordkoreas? Wegen der ideologischen Nähe?

    Der sogenannte ideologische Faktor spielt mittlerweile so gut wie keine Rolle mehr. Viel wichtiger für China ist die Rolle Nordkoreas als Pufferstaat zum Süden. Außerdem geht es Peking auch darum zu dokumentieren, dass es ordnungspolitische Vorstellungen hat und sie auch durchsetzen kann. Auf Peking kommt jetzt der entscheidende Lackmus-Test als außenpolitischer Akteur zu: Gelingt es China, dem Gastgeber der Sechs-Länder-Gespräche, Nordkorea zurück in die Schranken zu weisen? So wie sich die Handels- und Außenpolitik Chinas in den letzten Jahren entwickelt hat, glaube ich, dass man vorsichtig optimistisch sein kann, dass China nichts unversucht lassen wird, Nordkorea zu Gesprächen zu bewegen.