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    Am Rande einer Rezession

    Steht Amerika eine Rezession und der Weltwirtschaft eine Krise bevor? Die Welt ist näher an eine Rezession gerückt. Das Downgrade (die Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poors, d. Red.

    Professor Ansgar Belke ist Forschungsdirektor Internationale Makroökonomie am DIW Berlin und hat an der Fakultät für Wir... Foto: pd

    Steht Amerika eine Rezession und der Weltwirtschaft eine Krise bevor?

    Die Welt ist näher an eine Rezession gerückt. Das Downgrade (die Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poors, d. Red.) für die USA kam aber nicht unerwartet, ein Teil war sicher schon in den Dollarkurs eingepreist. Einen Märkteschock wie nach Lehman wird es wohl nicht geben. Ein Selective Default (der Fall, dass ein Schuldner manche Verbindlichkeiten nicht fristgerecht zurückzahlt, aber andere weiter erfüllt, d. Red.) dürfte von der US-Regierung auf jeden Fall vermieden werden, da sie weiter Zins- und Tilgungszahlungen leisten kann.

    Aus heiterem Himmel kam die Herabstufung also nicht.

    Es war klar, dass die USA ihr Triple-A (AAA) nicht würden halten können. Die strukturellen Probleme in der US-Wirtschaft sind zu gravierend. Die USA haben kein Wirtschaftsmodell, das auf Sicht der nächsten Jahre nachhaltig hohes Wachstum schaffen könnte. Zudem führen einschneidende Sparankündigungen – falls sie überhaupt realisiert werden – nicht selbstverständlich zu Erfolgen bei der Schuldenstabilisierung. Denn die Arbeitslosenquote ist hoch und die soziale Schieflage in der Bevölkerung groß, sodass ihr Widerstand wachsen könnte.

    Was ist Ziel des neuen Ratings?

    Das neue Rating lenkt den Blick auf das Problem der Staatsschulden. Insbesondere die US-Schuldenkrise dürfte sich in weiteren Downgradings niederschlagen.

    Wozu kann das führen?

    Unsicherheit erhöht sich, Risiken nehmen zu. Investoren werden sich mit Projekten, bei denen es um die Versenkung hoher Fixkosten geht, zurückhalten und möglicherweise erst später investieren.

    Aber Europa steht trotz Schuldenkrise doch noch konjunkturell gut da.

    Während das Konsumentenvertrauen in Deutschland, Belgien und den Niederlanden wächst, liegt es in Portugal und Griechenland, aber zunehmend auch in überschuldeten Ländern wie Spanien, wo wir hohe Arbeitslosigkeit und hohe Inflationsraten sehen, am Boden. Das ist nicht zu unterschätzen. Denn Konsumentenvertrauen ist ein Frühindikator für die Konjunktur. Für die globale Entwicklung gilt, unbedingt zu vermeiden, dass sich die Ratings der Industrieländer verschlechtern. Denn der Effekt ist selbstverstärkend, da dann die Kreditzinsen für die betroffenen Länder steigen und das Wirtschaftswachstum zurückgeht.

    Mit welchen Aussichten wäre zu rechnen?

    Die Schuldenkrise wirkt sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus. Kommt es wie zuletzt zu Zweifeln an der Solidität der Banken, wird der Prozess immer weniger beherrschbar. Dann bekommen wir ein Lehman-Szenario. Das wirkt dann umso schwerer, da große Schwellenländer ihr Wachstum abschwächen, um Überhitzungserscheinungen entgegen zu wirken. Summa summarum: die Gefahr einer Stagflation wächst durch die Schuldenkrise. (Stagflation, eine Wortverschmelzung aus „Stagnation“ und „Inflation“, beschreibt den Zustand eines Währungsgebietes, in dem volkswirtschaftliche Stagnation und Inflation zusammenkommen, d.Red.)

    Was empfehlen Sie der Politik?

    Märkte mit uneingeschränkten Anleihekäufen geldpolitisch zu fluten, zerstört verbliebenes Vertrauen in die Notenbanken. Gerade dies führt zu nachhaltigen Verwerfungen auf den Finanzmärkten. Nationale Schuldengrenzen – diese sind in der Eurozone wegen der Mitwirkung nationaler Parlamente demokratisch stärker legitimierbar als eine Abgabe der Haushaltsautonomie an übergeordnete Instanzen – und ein Festhalten an wettbewerbsfähigkeitssteigernden Reformen – die USA wollen ja ihr Modell der Leistungsbilanzdefizite verlassen – sind das Mittel der Wahl.