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    Akten gegen Nostalgie

    Das Jahr 1989 war das Jahr der friedlichen Revolution in Deutschland, und er war einer der entscheidenden Revolutionäre: Joachim Gauck, der am 24. Januar sein 70. Lebensjahr vollendet. Bis heute ist das Leben und Wirken des gebürtigen Rostockers von diesem entscheidenden Datum der deutschen, europäischen und globalen Geschichte geprägt. „Alles was ich tue, ist von diesem Geist der Revolution bestimmt“, sagt der überzeugte und parteilose Demokrat. Heute setzt er sich als Vorsitzender des in Berlin ansässigen Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ unermüdlich für die Überzeugung ein, dass Erinnern und Wissen um die Ursprünge sowie die eigene Geschichte einen essenziellen Bestandteil für eine demokratische Kultur ausmachen. Gauck bleibt da aber nüchtern: „Die Linke wird sich überleben, wenn sie kein aufgeklärtes Geschichtsbild hat und sich der Nostalgie bedient“, äußerte er kürzlich bei einem Auftritt vor dem Kölner Presseclub und fügte hinzu: „Mit dem Schüren von Ängsten wird man nicht ewig Erfolg haben.“ Was ihn viel mehr bewegt als die Bemühungen der Partei Die Linke ist das Phänomen der Ostalgie: „Ostalgie verringert all das, was unsere Demokratie ausmacht. Durch selektives Erinnern, Bagatellisieren und Leugnen droht die politische Urteilsfähigkeit bei der grundsätzlichen Unterscheidung von Diktatur und Demokratie verloren zu gehen.“

    Das Jahr 1989 war das Jahr der friedlichen Revolution in Deutschland, und er war einer der entscheidenden Revolutionäre: Joachim Gauck, der am 24. Januar sein 70. Lebensjahr vollendet. Bis heute ist das Leben und Wirken des gebürtigen Rostockers von diesem entscheidenden Datum der deutschen, europäischen und globalen Geschichte geprägt. „Alles was ich tue, ist von diesem Geist der Revolution bestimmt“, sagt der überzeugte und parteilose Demokrat. Heute setzt er sich als Vorsitzender des in Berlin ansässigen Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ unermüdlich für die Überzeugung ein, dass Erinnern und Wissen um die Ursprünge sowie die eigene Geschichte einen essenziellen Bestandteil für eine demokratische Kultur ausmachen. Gauck bleibt da aber nüchtern: „Die Linke wird sich überleben, wenn sie kein aufgeklärtes Geschichtsbild hat und sich der Nostalgie bedient“, äußerte er kürzlich bei einem Auftritt vor dem Kölner Presseclub und fügte hinzu: „Mit dem Schüren von Ängsten wird man nicht ewig Erfolg haben.“ Was ihn viel mehr bewegt als die Bemühungen der Partei Die Linke ist das Phänomen der Ostalgie: „Ostalgie verringert all das, was unsere Demokratie ausmacht. Durch selektives Erinnern, Bagatellisieren und Leugnen droht die politische Urteilsfähigkeit bei der grundsätzlichen Unterscheidung von Diktatur und Demokratie verloren zu gehen.“

    Ob er selbst diese Unterscheidung schon in jungen Jahren vorzunehmen wusste? Jedenfalls spürte er schon früh in seiner von Kriegs- und Nachkriegszeit geprägten Kindheit und Jugend in dem Dorf Wustrow an der Ostseeküste mehr als eine deutliche Ahnung für die Distanz zum sich gerade etablierenden sozialistischen System. Mehr noch aber kultivierte er in diesen Tagen seinen Instinkt für diese politische Urteilsfähigkeit und unbestechliche Geradlinigkeit, die ihn bis heute kennzeichnen. Gauck war elf Jahre alt, als sein Vater plötzlich abgeholt und später wegen angeblicher antisowjetischer Umtriebe nach Sibirien deportiert wurde. Erst 1953 erfuhr die Familie, dass der Vater noch lebt, 1955 kehrte er zurück. Gauck wuchs spätestens seitdem als „Opponent gegen kommunistisches Unrecht“ sowie darüber hinaus durch Reisen zu Familienangehörigen und Freunden als ein Bewunderer des Westens auf. „Das Schicksal des Vaters wurde zur Erziehungskeule. Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Fraternisierung mit dem System aus“, beschreibt Gauck in seinen kürzlich erschienenen Erinnerungen „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ (Siedler Verlag).

    Ein auf den ersten Blick etwas gestelzt anmutender Titel, der sich jedoch einfach und folgerichtig erschließt. Das plötzliche Verschwinden des Vaters im Sommer des Jahres 1951 musste der spätere Student der evangelischen Theologie, der in dieser vaterlosen Zeit mit dem regelmäßigen Beten begann, wie den eisigen Einbruch eines erbarmungslosen Winters empfunden haben. Der Beginn der friedlichen Revolution im Oktober 1989 war für den damaligen Rostocker Pfarrer die belebende und hoffnungsvolle Stimmung eines Frühlings, der sich immer deutlicher in jenen kalten und politisch so angespannten Herbsttagen bemerkbar machte.

    Joachim Gauck wurde damals vom Oppositionellen zum Revolutionär. „Wie der Glaube zu Gott degenerieren kann zu entleerten Ritualen, so kann es mit gesellschaftlichen Entwicklungen geschehen“, sagte er am 19. Oktober 1989 in seiner Predigt vor 5 000 Menschen in der Rostocker Marienkirche. In der Rückschau lässt sich dies womöglich als eine der wesentlichen Grundlagen und den Auftakt für die weiteren Stationen des vierfachen Familienvaters identifizieren: Mitglied und später Sprecher des Neuen Forums, Abgeordneter in der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR und schließlich einer jener Parlamentarier, die bis zur Neuwahl des ersten gesamtdeutschen Parlaments von der Volkskammer in den Deutschen Bundestag entsandt worden waren. Sein Mandat legte er dort nach einem Tag nieder. „Ich war nun ein Beauftragter der Regierung und konnte, so verstand ich die Gewaltenteilung jedenfalls, kein Abgeordneter mehr sein.“ Denn einen Tag nach den Einheitsfeiern vom 3. Oktober 1989 begann Joachim Gauck mit jener Aufgabe, mit der er bis heute in der Regel in Verbindung gebracht wird: Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Im März 1990 hatte er bereits die Leitung jenes Sonderausschusses übernommen, der sich um die Auflösung des ehemaligen Staatssicherheitsministeriums zu kümmern hatte. Und im Juni war Gauck einer der Initiatoren des berühmten Stasiunterlagengesetzes. Nicht ohne berechtigten Stolz notiert er dazu: „Zum ersten Mal in der Geschichte gab es eine Umwidmung des gesamten Archivgutes einer Geheimpolizei, die dem Einzelnen und der Öffentlichkeit das Recht eines umfassenden geregelten Zugangs einräumte.“

    Wie sehr der Mecklenburger, selbst von rund einem Dutzend Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi jahrelang observiert, die Funktion als Bundesbeauftragter in seinen zehn Jahren Amtszeit prägte, lässt sich auch daran ablesen, dass die heute von Marianne Birthler geleitete Bundesbehörde vielfach umgangssprachlich immer noch schlicht als Gauckbehörde bezeichnet wird. „Die Akten einer Diktatur sind die Apotheke gegen Nostalgie“ hat er einmal sein Selbstverständnis über die Arbeit und den Umgang mit dieser Aufgabe zusammengefasst. Sein Wirken und sein Einsatz, etwa für die Fristverlängerung von Straftaten zu DDR-Zeiten oder etwa für die weitere Zugänglichkeit der Akten, sind vielfach und hinreichend beschrieben worden und werden wohl wegen des 70. Geburtstages von Gauck sicherlich wieder gebührend gewürdigt oder kritisch befragt. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang aber auch eine Anmerkung von Gauck, die seinem christlich geprägten Menschen- und Weltbild entspricht. Was nämlich für die Akten im Besonderen sowie den Umgang mit Schuld und Verantwortung in einer ehemaligen Diktatur sowie die Begegnung zwischen Opfern und Tätern im Allgemeinen gilt, ist die Kategorie Wahrheit. Das gilt für das Recht auf Wahrheit gleichermaßen wie auch für den Mut, sich der Wahrheit zu stellen, so Gauck. „Wahrheit macht versöhnungsbereit.“

    Von Constantin Graf von Hoensbroech