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    Afrikas Kreuzweg ist nicht zu Ende

    Es ist Nacht über Afrika.“ So beginnt Pater Werenfried van Straaten, Gründer des Hilfswerks „Kirche in Not“, den Bericht über seine erste Reise auf den afrikanischen Kontinent. Das war im April 1965. „Stationen auf dem Kreuzweg“ nannte er die Eindrücke, die er in der heutigen Demokratischen Republik Kongo sammeln konnte. Der Kreuzweg ist nicht zu Ende. Seit Jahren wird der Osten des Landes von bewaffneten Konflikten beherrscht, die Wirtschaft ist fast zum Erliegen gekommen.

    Millionen Menschen sind innerhalb Afrikas auf der Flucht. Foto: dpa

    Es ist Nacht über Afrika.“ So beginnt Pater Werenfried van Straaten, Gründer des Hilfswerks „Kirche in Not“, den Bericht über seine erste Reise auf den afrikanischen Kontinent. Das war im April 1965. „Stationen auf dem Kreuzweg“ nannte er die Eindrücke, die er in der heutigen Demokratischen Republik Kongo sammeln konnte. Der Kreuzweg ist nicht zu Ende. Seit Jahren wird der Osten des Landes von bewaffneten Konflikten beherrscht, die Wirtschaft ist fast zum Erliegen gekommen.

    Wie im Kongo kommt es auch in zahlreichen anderen Ländern Afrikas zu tausendfachem Flüchtlingselend. Durch Konflikte und Verfolgung erreicht die Zahl der von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen ein trauriges Rekordniveau. Eine Million Somalis sind vor Hunger und Gewalt in ihrer Heimat am Horn von Afrika in Nachbarländer geflohen. 420 000 leben in Kenia, je 250 000 in Äthiopien und im Jemen. 2,2 Millionen Menschen haben sich aus dem von der Terrormiliz Boko Haram terrorisierten Nordosten Nigerias in sicherere Landesteile gerettet. 180 000 haben das Land verlassen. Unicef zufolge sind 1,4 Millionen Kinder unter den vor Boko Haram fliehenden Menschen in Nigeria, Kamerun und dem Tschad. 500 000 Kongolesen sind vor Gewalt und Gesetzlosigkeit in Nachbarländer geflohen. 2,75 Millionen Menschen sind Binnenflüchtlinge.

    220 000 Menschen sind aus dem autokratisch regierten, von der Außenwelt abgeschotteten Eritrea in Nachbarländer geflüchtet, je zur Hälfte in den Sudan und nach Äthiopien. Zudem sind seit 2012 mehr als 100 000 Eritreer in die EU, nach Norwegen und in die Schweiz geflohen. 775 000 Menschen sind wegen des Bürgerkriegs im Südsudan in die Nachbarländer geflohen, zumeist nach Äthiopien, Uganda und in den Sudan. Weitere 1,65 Millionen haben ihre Heimat verlassen, um innerhalb der Landesgrenzen anderswo Schutz zu suchen. 460 000 Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik sind vor den Kämpfen in die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Kongo geflohen. Ebenso viele sind innerhalb des Landes geflohen.

    Krieg und Menschenrechtsverletzungen gelten als die Haupt-Fluchtgründe in vielen Regionen Afrikas. Aber auch Unterentwicklung und Verarmung schüren Flucht und Migration. Die meisten der Bürgerkriegsflüchtlinge im Südsudan, Sudan, Somalia, Mali, Nigeria und der Zentralafrikanischen Republik haben nicht die finanziellen Mittel, um eine Flucht nach Europa wagen zu können. Sie bleiben in den Nachbarländern und leben dort oft unter prekärsten Bedingungen mit wenig Perspektiven auf eine baldige Rückkehr in ihre Heimat.

    Die Flüchtlinge auf dem afrikanischen Kontinent aber sind in Vergessenheit geraten. Die weitaus meisten Flüchtlinge bleiben Vertriebene im eigenen Land. Sie befinden sich oft in einer schlimmeren Notsituation als Flüchtlinge, die ihr Land verlassen können. Der Großteil der Menschen auf der Flucht ist nicht unterwegs Richtung Europa, sondern bewegt sich innerhalb Afrikas – das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR geht von 16 Millionen Menschen aus. Die Menschen fliehen meistens nicht über die eigene Landesgrenze, sondern innerhalb ihres Heimatlandes. Die, die außerhalb des eigenen Landes Schutz suchen, kommen überwiegend in Nachbarländern oder der Region unter.

    Rund 40 Prozent der Menschen, die wegen Gewalt, Hunger oder Naturkatastrophen ihre Heimat verlassen mussten, sind laut dem britischen Overseas Development Institute bereits seit zehn und mehr Jahren auf der Flucht. „Flucht ist für die Betroffenen kein kurzfristiges Phänomen“, erklärte Rainer Brockhaus, Geschäftsführer der Christoffel-Blindenmission (CBM) anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni. „Doch in den Projekten für Flüchtlinge wird dies noch zu wenig berücksichtigt. Viele Maßnahmen lindern zwar akute Not, langfristig wirkende Hilfe kommt jedoch oft zu kurz. Das muss sich ändern.“ Das gilt insbesondere für die Flüchtlingscamps, die schon längst keine temporären Zufluchtsorte mehr sind. So wie Dadaab in Ostkenia: Das Lager besteht seit Anfang der 1990er Jahre und gilt neben Bidi Bidi in Uganda als das größte der Welt. 400 000 Menschen, hauptsächlich Bürgerkriegsflüchtlinge aus Somalia, leben derzeit in Dadaab, viele schon seit mehr als 20 Jahren.

    Wie die Konflikte und Menschenrechtsverletzungen auf dem afrikanischen Kontinent in der weltweiten Öffentlichkeit wenig Beachtung finden, nimmt diese Öffentlichkeit kaum wahr, dass die Staaten Afrikas die Hauptlast bei der Bewältigung der großen Fluchtbewegungen tragen. Ulrich Delius, Direktor der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), meint gegenüber der „Tagespost“: „Viele Flüchtlinge in Afrika werden nicht einmal zahlenmäßig erfasst, weil sie von Verwandten und Freunden aufgenommen und oft monatelang versorgt werden. Die Hilfsbereitschaft vieler Menschen in Afrika wird von Medien und Regierungen in Europa kaum wahrgenommen. Bei uns steht im Vordergrund, wie sehr Europa von den Folgen von Krieg und Flucht in Afrika betroffen ist. Dass weniger als jeder zehnte Flüchtling aus dem Sudan nach Europa kommt, wird kaum registriert.“

    Delius kritisiert zugleich Afrikas Regierungen, die ihrer Verantwortung für eine wirksame Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen, Krieg und Flucht nicht gerecht würden: „Massive Eigeninteressen von Nachbarstaaten verhindern oft eine wirksame Konfliktschlichtung. So versagen die Nachbarländer des Südsudan seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges im Jahr 2013 bei der Durchsetzung eines Waffenstillstands in dem umkämpften Land und bei der Sicherung eines nachhaltigen Friedens.“ Der GfbV-Afrikareferent lobt ausdrücklich die Arbeit der Kirchen, die sich für Frieden engagieren, „doch Machtinteressen der Regierungen führen immer wieder dazu, dass diese Initiativen nicht wirksam landesweit umgesetzt werden“.

    Wenn Nichtregierungsorganisationen aus Sicherheitsgründen Konfliktregionen verlassen, ist die Ortskirche oft die einzige Institution, die Hilfe für Flüchtlinge und Vertriebene bereitstellt. „Wir bleiben bei diesen Völkern auch in schweren Zeiten des Krieges oder sozialer Unruhen“, bekräftigen die vor allem in Afrika tätigen Comboni-Missionare, stellvertretend für all die anderen Ordensgemeinschaften und kirchlichen Hilfsorganisationen. Kardinal Dieudonné Nzapalainga, der Erzbischof von Bangui (Zentralafrikanische Republik), bezeichnete daher gegenüber „Kirche in Not“ die katholischen Missionare als „Orientierungspunkte“ und „schützendes Bollwerk“ für die Bevölkerung. „Die Menschen sehen durch sie Gott. Sie sehen auch, dass sich in ihnen die Macht der Liebe zeigt“, sagte er und betonte, dass die Missionare nicht zum Bleiben gezwungen würden, sondern aus freiem Willen blieben. Ihre Gegenwart sei „wie ein Licht, das die Nacht erhellt“.