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    Afrikas Herz benötigt eine Notoperation

    Nigeria, Sudan, Ägypten – und jetzt auch die Zentralafrikanische Republik? Einiges spricht dafür, dass im Herzen des Kontinents genau das eintritt, was in seinen Randzonen schon jetzt traurige Realität ist, dass Christen um ihr Leben bangen müssen, weil sie an das „Falsche“ glauben, dass sie unter Verfolgung und Ausgrenzung leiden, weil sie nicht Muslime, sondern eben Christen sind.

    Christen sind Leidtragende der politischen Spannungen in Zentralafrika. Foto: IN

    Nigeria, Sudan, Ägypten – und jetzt auch die Zentralafrikanische Republik? Einiges spricht dafür, dass im Herzen des Kontinents genau das eintritt, was in seinen Randzonen schon jetzt traurige Realität ist, dass Christen um ihr Leben bangen müssen, weil sie an das „Falsche“ glauben, dass sie unter Verfolgung und Ausgrenzung leiden, weil sie nicht Muslime, sondern eben Christen sind.

    Bereits Ende März, zu Beginn der Rebellion in seinem Land, hatte der Erzbischof von Bangui, Dieudonné Nzapalainga, die Befürchtung geäußert, Christen könnten zur Zielscheibe der Guerilla werden und antireligiöse Gefühle in der Gesellschaft sich verfestigen. Jetzt berichtet auch der Bischof von Bangassou, Juan José Aguirre, dem katholischen Hilfswerk Kirche in Not, dass seit dem Staatsstreich vom 24. März islamistische Rebellen das Land durchziehen, Privathäuser plündern und auch vor Kircheneinrichtungen nicht Halt machen. Dramatische Szenen haben sich laut Aguirre, einem Comboni-Missionar, nach der heiligen Messe an Palmsonntag in der Landeshauptstadt Bangui abgespielt. Putschisten seien in die neben dem Präsidentenpalast gelegene Kathedrale eingedrungen, um von den Gläubigen Auto- und Motorradschlüssel zu erpressen. „Die Rebellen begannen, mit Maschinenpistolen in die Decke zu schießen. Die Menschen warfen sich auf den Boden in Deckung. Es wurde so lange geschossen, bis alle ihre Fahrzeugschlüssel abgeliefert hatten“, so Bischof Aguirre.

    Man mag den Verlust von Fahrzeugen für verkraftbar halten, doch in einem Land wie der Zentralafrikanischen Republik mit dichtem Dschungel, mangelnder Versorgung und unterentwickelter Infrastruktur wiegt er schwer. „In einer Region ist uns kein einziges Auto und auch kein Motorrad geblieben“, berichtet Aguirre. Manche seiner Mitbrüder hätten 40 Außenstationen zu betreuen, die viele Kilometer auseinander lägen. Einer der Ordensleute habe 60 Kilometer zu Fuß zu einer Gemeinde zurücklegen müssen, um mit den Gläubigen Ostern zu feiern. Noch schlimmer habe es eine Niederlassung des Spiritaner-Ordens getroffen. „Zwei Nächte hintereinander wurden die Ordensleute mit Äxten und Macheten bedroht und mussten fliehen“, schildert der Bischof die verzweifelte Lage, in der viele Gläubige stecken.

    Die Zentralafrikanische Republik – ein chaotischer Staat im tiefsten Afrika, in dem sich irgendwelche Stämme gegenseitig die Köpfe einschlagen? Manches spricht für diese Sicht, die ganz dem in vielen Köpfen verankerten Bild vom Kontinent ohne Hoffnung entspricht. Doch so einfach ist es nicht, denn das Land blickt auf eine lange Leidensgeschichte zurück, von der in Europa bislang kaum jemand Notiz genommen hat oder Notiz nehmen wollte. Angesichts dieser Leidensgeschichte kann es kaum überraschen, dass die Gewalt (wieder einmal) eskaliert ist und das Treiben religiöser Fanatiker so weiter befeuert.

    Schon im Januar 2013 hatte der Bischof der Diözese Kaga Bandoro, Albert Vanbuel SDB, über Kirche in Not einen dringenden Hilferuf an die Welt gesandt. Kanga Bandoro liegt im nördlichen Buschland an der Grenze zum islamischen Sudan und dem ebenfalls muslimischen Tschad. Das Bistum ist ein von zahlreichen Rebellengruppen heimgesuchtes Gebiet. Seit 1996 habe es eine ganze Reihe von Aufständen und Staatsstreichen gegeben. Und auch nach den ersten demokratischen Wahlen 1993 habe sich an der extremen Armut kaum etwas geändert. Es gebe, so Bischof Vanbuel, nur wenig Ausbildungsmöglichkeiten für junge Leute, die medizinische Versorgung spotte jeder Beschreibung und die Korruption wuchere.

    2008 habe es einen Funken Hoffnung gegeben, nachdem die Regierung einen Friedensvertrag mit mehreren Rebellengruppen geschlossen hatte. Die Umsetzung des Vertrages verlaufe jedoch zäh. Erst 2012 habe man mit der Entwaffnung und Wiedereingliederung der Aufständischen in die Gesellschaft begonnen. „In meiner Diözese Kaga Bandoro habe ich mich gefreut, als sich 1 700 ehemalige Aufständische bei mir vorstellten, um ein neues Leben zu beginnen“, berichtet Bischof Vanbuel. „Doch neue Rebellengruppen tauchten auf und nahmen die ehemaligen Aufständischen, die inzwischen Straßenräuber geworden waren, in ihre Reihen auf. Zu Weihnachten haben die Rebellen die Stadt Kaga Bandoro erobert, ohne dass ihnen Widerstand entgegengebracht worden wäre. Die Regierungstruppen und Beamten sind geflohen. Es gab Plünderungen, Vergewaltigungen und Tote. Obwohl die Rebellen die Zivilbevölkerung bei ihrem Vorrücken weitgehend verschont haben, ist die Lage kritisch. Die Schwester unserer bescheidenen Krankenstation hatte alle Hände voll zu tun, um Hilfe zu leisten.“ Die Kirche, so Albert Vanbuel, sei in der Zentralafrikanischen Republik neben den internationalen Schutztruppen und dem Roten Kreuz die einzige Autorität, die die Bevölkerung schütze. „Wie sieht die Zukunft unseres Landes aus?“, fragt der Ordensmann. „Aus Armut plündern die Menschen das, was die Aufständischen nicht mitgenommen haben.

    Die Schule ist geschlossen, weil die Lehrer in die Hauptstadt Bangui geflohen sind, und nicht einmal die Bauern arbeiten auf den Feldern. Wer kann uns helfen? Mögen der Herr und die hilfreiche Jungfrau Maria uns die Kraft geben, unter den Menschen zu sein, in einem Land, das zu einem der ärmsten Länder der Welt geworden ist.“

    Das humanitäre Schicksal ist wichtiger als Bodenschätze

    Wohin, Zentralafrikanische Republik? Eine Notoperation scheint dringend erforderlich, damit das Herz Afrikas weiter „schlagen“ kann. Doch ein solcher Eingriff ist nicht in Sicht, denn weder die Weltgemeinschaft noch die Afrikanische Union schenken den Ereignissen im Innern des Kontinents besondere Aufmerksamkeit.

    Die Rolle Südafrikas etwa steht beispielhaft für dieses Versagen: Schon vor der drohenden Gewalteskalation hatte Pretoria Soldaten nach Bangui geschickt – doch nicht um Zivilisten zu schützen, sondern vor allem deshalb, weil Südafrika sich dauerhaften Zugang zu den reichen Bodenschätzen der Zentralafrikanischen Republik erhofft. Erst wenn nicht mehr allein dieses Interesse im Vordergrund steht, besteht die Chance auf positive Entwicklung im Zentrum Afrikas.