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    Abtreibungen statt Gesundheitsfürsorge

    Es war ein ambitioniertes Projekt. Acht Entwicklungsziele hatten sich die Vereinten Nationen (VN) bei ihrem Millenniums-Gipfel im Jahr 2000 auf die Agenda geschrieben. Mit ihnen wollten die 189 Mitgliedsstaaten in den Ländern der sogenannten Dritten Welt messbar Hunger und Armut bekämpfen, Mütter- und Kindersterblichkeit reduzieren sowie Bildung und Umweltschutz verbessern. So sollte zum Beispiel bis zum Jahr 2015 die Kindersterblichkeit der Unter-Fünf-Jährigen von 10,6 auf 3,5 Prozent gesenkt und die Zahl der Mütter, die bei der Geburt oder in Folge von dabei davongetragenen Schäden sterben, um ganze 75 Prozent verringert werden.

    Es war ein ambitioniertes Projekt. Acht Entwicklungsziele hatten sich die Vereinten Nationen (VN) bei ihrem Millenniums-Gipfel im Jahr 2000 auf die Agenda geschrieben. Mit ihnen wollten die 189 Mitgliedsstaaten in den Ländern der sogenannten Dritten Welt messbar Hunger und Armut bekämpfen, Mütter- und Kindersterblichkeit reduzieren sowie Bildung und Umweltschutz verbessern. So sollte zum Beispiel bis zum Jahr 2015 die Kindersterblichkeit der Unter-Fünf-Jährigen von 10,6 auf 3,5 Prozent gesenkt und die Zahl der Mütter, die bei der Geburt oder in Folge von dabei davongetragenen Schäden sterben, um ganze 75 Prozent verringert werden.

    Doch längst rechnen Experten damit, dass weder diese, noch eines der übrigen „Millenniums-Entwicklungsziele“ erreicht wird. Was die VN nicht hindert, weiter Optimismus zu verbreiten. In ihrem auf der diesjährigen Vollversammlung verabschiedeten Schlussdokument, das bislang nur in englischer Sprache erhältlich ist und die Überschrift „Die Versprechen halten – gemeinsam die Millenniums-Entwicklungsziele erreichen“ trägt, räumen die VN jedoch auch erstmals „Rückschläge“ ein, zu denen „auch“ die globale „Finanz- und Wirtschaftkrise“ beigetragen habe. Doch das ist allenfalls ein Teil der Wahrheit. Mehr als an Geld fehlt es am Willen, die eigentlichen Probleme zur Kenntnis zu nehmen und sachgerecht zu lösen. Während zum Beispiel in Deutschland von 100 000 Frauen 12 die Geburt eines Kindes nicht überleben, sind es in Zentralafrika einhundert Mal so viele. In Kenia stirbt gar jede achte Mutter bereits bei der Geburt. Die meisten stürben „unter Schrecken an Blutungen“ oder an Geburtshindernissen wie einem zu „engen Beckenkanal“. In Afrika sind junge Mütter, Mädchen und Frauen im Alter von 14 bis 20 Jahren, keine Seltenheit. Doch das sei nur die „Spitze“ eines gewaltigen „Eisberges“, sagt Robert Walley, Gründer von „Matercare International“ (MCI), einem Zusammenschluss von Gynäkologen, Geburtshelfern, Hebammen und Allgemeinärzten, der sich zum Ziel gesetzt hat, der „Gesundheitsfürsorge für Mütter wieder Leben einzuhauchen“. Schätzungen zufolge kämen in Afrika auf jeden Todesfall dreißig weitere Mütter, die durch eine mangelhafte medizinische Betreuung bei der Geburt Langzeitschäden davontrügen. Ursächlich seien hierfür meist „geburtsbedingte Fisteln“, die vor allem junge Mütter bei unversorgten Entbindungen – vor allem bei Geburtshindernissen – aber auch als Folge kulturellbedingter Beschneidungen von Mädchen davontrügen. Abgesehen vom Tod des Kindes, trügen diese Mütter Beschädigungen der Blase und des Rektums davon, die zu Inkontinenz führten. Damit nicht genug. In vielen Gebieten Afrikas werden solche Frauen von ihren Familien ausgestoßen. Zu der erworbenen Behinderung kommt also oftmals eine lebenslange gesellschaftliche Ächtung hinzu. Laut Walley litten in Afrika, allein südlich der Sahara, rund zwei Millionen Frauen an solchen Leiden. Auch hängen in vielen Ländern Afrikas Mütter- und Kindersterblichkeit eng zusammen. Der Grund: Stirbt die Mutter, sinken auch die Überlebenschancen des neugeborenen Babys und seiner bereits vorhandenen Geschwister unter fünf Jahren rapide.

    Das Tragischste daran: Das Allermeiste wäre vermeidbar. Walley: „Der Großteil dieser Mortalität und Morbidität“ könnte durch eine „angemessene vorgeburtliche Versorgung und wirkliche Geburtshilfe vermieden werden“. Auch die geburtsbedingten Fisteln, die den heutigen Industrieländern vor rund hundert Jahren durchaus noch geläufig waren, seien, wie der englische Gynäkologe beteuert, der nach Kanada auswanderte, als man ihn auf den britischen Inseln zur Vornahme von Abtreibungen verpflichten wollte, „chirurgisch zugänglich“. Doch fehle es in vielen Entwicklungsländern an „entsprechend ausgebildeten Ärzten und Krankenschwestern“ ebenso wie an „entsprechenden Einrichtungen“.

    Die VN widmen den Millenniums-Entwicklungszielen vier (Reduzierung der Kindersterblichkeit) und fünf (Verbesserung der Gesundheit von Müttern) in dem zitierten 32-seitigen Schlussdokument rund drei Seiten. Von Geburtsfisteln ist dort ebenso wenig die Rede, wie von besser ausgebildeten Ärzten und Krankenschwestern oder modernen medizinischen Einrichtungen. Stattdessen geht es um Malaria und HIV, mit denen sich auch die Bürger der Industrienationen infizieren können. Am häufigsten aber ist die Rede von der „reproduktiven Gesundheit“. Dieser Begriff wird in dem gesamten Dokument nicht nur gleich sechsmal erwähnt, er genießt offenbar auch Priorität: So heißt es etwa auf Seite 23, gleich zu Beginn des Abschnitts, der der Bekämpfung der Müttersterblichkeit gewidmet ist: „Wir verpflichten uns selbst zu raschen Fortschritten, um das Millenniums-Entwicklungsziel fünf zu erreichen: durch die stufenweise Realisierung des Rechts von jedermann auf den Genuss des höchsten erreichbaren Standards von körperlicher und geistiger Gesundheit, einschließlich sexueller und reproduktiver Gesundheit.“

    Dazu muss man freilich wissen, dass unter „reproduktiver Gesundheit“ im Diplomaten-Slang seit der Weltbevölkerungskonferenz von Kairo im Jahr 1994 das „Recht“ auf ein „befriedigendes und ungefährliches Sexualleben“ verstanden wird, welches Menschen befähigen soll, frei darüber zu entscheiden, „ob, wann und wie oft“ sie von ihrer Fähigkeit zur Reproduktion „Gebrauch machen wollen“. Dazu gehört – Abtreibungen eingeschlossen – ferner „das Recht aller Paare und Individuen, frei und eigenverantwortlich über die Anzahl, den Abstand und den Zeitpunkt von Geburten zu entscheiden“. Doch an echter Wahlfreiheit ist den VN gar nicht gelegen. Statt alles Geld in die Ausbildung von Ärzten und Krankenschwestern sowie in den Ausbau entsprechender medizinische Infrastruktur zu investieren, fördern die Vereinten Nationen in den Entwicklungsländern vor allem Abtreibungen und Programme zur sogenannten Familienplanung. „Es ist ungeheuerlich, Müttern nahezulegen, dass der einzige Weg, ihr Leben zu retten, der sei, ihre Kinder zu töten“, empört sich Walley. Und damit ist er nicht allein. Bei einem von der Regierungen der Philippinen und dem südafrikanischen Binnenstaat Malawi am Rande des UN-Gipfels organisierten Treffen pflichteten etliche Experten Walley bei. So verwies etwa laut einem Bericht des „Catholic Family and Human Rights Institute“ der Chilene Elard Koch, das Argument, nach westlichen Standards vorgenommene Abtreibungen reduzierten die Müttersterblichkeit, ins Reich der Legende. Anhand offizieller Statistiken wies Koch demnach nach, dass die Müttersterblichkeit in Chile signifikant erst zurückging, als die Regierung vorgeburtliche Kindstötungen verbot.